Pandemiegefahr

Warnung vor einer Weltgrippe

Von Christian Schwägerl
19.01.2005
, 11:24
Die Weltgesundheitsorganisation warnt vor einer Influenza-Epidemie von katastrophalem Ausmaß. In Deutschland wird das Risiko verdrängt. Die Vorbereitungen zum Schutz laufen schleppend.

Im Jargon der Seuchenexperten befindet sich die Menschheit seit nunmehr siebenunddreißig Jahren in einer „interpandemischen Phase“, in der Zeit zwischen zwei weltweiten Grippewellen.

Die letzten beiden, 1957 und 1968, verliefen mit jeweils einer Million Toten weltweit „vergleichsweise harmlos“, wie es in der abgebrühten Sprache der medizinischen Fachwelt heißt. Die vorvorletzte, 1918/19, bekannt als Spanische Grippe, forderte nach neueren Untersuchungen zwischen vierzig und hundert Millionen Toten, so genau hat die Leichenzählung damals nicht funktioniert.

Heute besteht die einmalige Chance, Vorkehrungen für die nächste Katastrophe zu treffen - was aber passiert? Was würde Karl August Lingner heute tun? Gut denkbar ist, daß er rastlos im Fernsehen aufträte, um vor der Influenza zu warnen, daß er bei Gerhard Schröder und Edmund Stoiber vorspräche bis sie die Gefahr erkannt haben.

Lingner hat mit der bakterienfressenden Mundspülung „Odol“ ein Vermögen verdient. Der Dresdner Kaufmann, Wissenschaftsvermittler und Stifter steckte sein Geld dann aber nicht, wie viele reiche Deutsche heute, in exotische Investmentfonds oder Fernreisen. Er verschrieb sich der Popularisierung der lebensrettenden Erkenntnisse, die in Berlin unter der Regie von Robert Koch erzielt worden waren.

Lingners Umtriebigkeit wirkt fort

1911 holte Lingner die Internationale Hygieneausstellung nach Dresden. Sie zog fünf Millionen Menschen an, denen die Angst vor Infektionskrankheiten in den Knochen steckte. Aus der Ausstellung entstand 1912 das Deutsche Hygiene-Museum. Zugleich investierte Lingner in ein Hochtechnologie-Startup, die Sächsischen Serumwerke.

Lingners Umtriebigkeit wirkt fort. Sein Unternehmen hat Weltkriege und Sozialismus überstanden. Es arbeitet am alten Standort, in einem verzierten Jugendstilgebäude in der Dresdner Innenstadt. Die Schreckenskrankheiten seiner Zeit sind in Deutschland rar geworden. Und das Hygiene-Museum gehört zu den Publikumsmagneten der Stadt. Eine tragische Ironie der Geschichte ist es, daß Politik und Bevölkerung ausgerechnet für das heutige Spezialgebiet der Serumwerke taub sind - mit vielleicht katastrophalen Folgen.

Zwei Typen von Grippeviren

Es ist schwer, sich eine weltumspannende Grippe-Epidemie vorzustellen. Spezialisten der Bundesregierung fassen das Szenario in einen Namen: „Stephen King“. Es könnte der Horror werden, mit vielen, vielleicht sogar 100 Millionen Toten. Man muß zwischen zwei Typen Grippeviren unterscheiden, sagt Walter Haas, Influenza-Fachmann am Robert-Koch-Institut der Bundesregierung.

Es gibt die, gegen die man sich alljährlich impfen lassen kann, weil sie von der Weltgesundheitsorganisation WHO im Voraus als Gefahr erkannt worden sind. Und es gibt welche, die plötzlich auftreten, sich aggressiv ausbreiten, die Immunsysteme der Bevölkerung unvorbereitet treffen, eine tödliche Gewalt entfalten. Solche Viren entstehen sehr selten, aber immer wieder, mit beinahe naturgesetzlicher Sicherheit.

Tote in U-Bahn-Schächten zwischengelagert

Als die letzte große Grippe-Epidemie 1968 um die Welt ging, wurden in Berlin die Toten in U-Bahn-Schächten und Kühlhäusern zwischengelagert, weil die Leichenhäuser überfüllt waren. Im kollektiven Gedächtnis hat diese „Pandemie“ keine Spur hinterlassen. Als hätte der Erreger die Gehirnzentren für die Wahrnehmung von Unheil lahmgelegt, das nicht neuartig und schockartig auftritt, sondern wiederkehrend. An Risikodebatten besteht in Deutschland kein Mangel, gewarnt wird vor Rückständen in Eiern und der Strahlung von Mobiltelephonen.

Doch die Influenza-Grippe bleibt ignoriert, obwohl selbst an der saisonalen Grippe in Deutschland jährlich fünf- bis achttausend Menschen sterben. Gründe liegen auf der Hand: Niemand kennt Zeitpunkt und Wahrscheinlichkeit einer Seuche. Frühere Warnungen haben sich bisher nicht bewahrheitet. Die oft tödliche Influenza wird mit Erkältung verwechselt. Gestorben wird immer, heißt es. Und die Pharmaindustrie steht im Dauerverdacht, mit Angst verdienen zu wollen.

Jedes Jahr ein neuer Impfstoff

Dem steht entgegen: Kein anderer Erreger könnte so viele Menschen in so kurzer Zeit umbringen. Und es gibt, im Gegensatz zu anderen Infektionskrankheiten, einen Schutz. Grippeviren mutieren ständig. Deshalb muß jedes Jahr ein neuer Impfstoff her. Hundert Speziallabore gibt es rund um den Globus, deren Mission im Auffinden aggressiver Influenzaviren besteht. Tausende von Proben, vom Nasenschleim bis zum Vogelblut, werden auf mutierte Viren abgesucht.

In einem engen und ausgeklügelten Zusammenspiel sorgen die Weltgesundheitsbehörde WHO und die Pharmaindustrie dafür, daß stets ein passender Impfstoff gegen die aktuellsten Erreger zur Verfügung steht. Acht Monate im Voraus liefert die WHO die jeweils gefährlichsten Virenstämme an die Hersteller von Impfstoffen, damit rechtzeitig zum nächsten Winter eine Vorsorge möglich ist.

Höchste Vorwarnstufe

Diese Grippesaison verlief in Deutschland bisher glimpflich. Den nächsten weltweiten Ausbruch einer Grippe-Epidemie aber wird, wann immer er kommen mag, niemand verdrängen können. Das sagt Klaus Stöhr, der Leiter der Influenza-Sondereinheit der WHO. Wenn sich in Deutschland die Hälfte der Menschen ansteckt, was möglich ist, müßten den Modellen zufolge 600.000 ins Krankenhaus, bis zu 160.000 könnten sterben - sollte das Virus die Gesellschaft unvorbereitet treffen.

Seit langem nicht mehr, warnt Stöhr, war die Wahrscheinlichkeit so groß, daß eine Pandemie erneut ihren Lauf nimmt. Seit der letzten Pandemie 1968 ist die Menschheit gewaltig gewachsen, sie ist mobil wie noch nie und lebt, besonders in Asien, eng mit grippeanfälligen Schweinen und Vögeln zusammen. Bereits mehrfach seit 1997 hat es der Vogelgrippevirus geschafft, vom Tier auf den Menschen überzuspringen. Bisher war seine Reise dann schnell zu Ende.

Wenn der Vogelgrippevirus sich aber mit einem ausbreitungsfreudigen menschlichen Stamm zusammentut, könnte er als biologische Massenvernichtungswaffe um die Welt rasen. Die WHO hat bereits die höchste Vorwarnstufe ausgerufen. Im November 2004 bestellte sie Virologen, Gesundheitsbeamte und Pharmamanager aus aller Welt zu einem Krisentreffen. Die Bilanz war niederschmetternd. „Wir sind auf schmerzhafte Weise unvorbereitet“, steht im Protokoll. Im Fall einer Pandemie wird ein weltweiter Kampf um virenhemmende Arzneien und Impfmittel erwartet.

Epidemiologische Geopolitik?

Von seinem schmucklosen Büro aus sieht Norbert Hehme die goldene Spitze der Dresdner Frauenkirche. Manchmal sieht er auch, wie Eliteeinheiten der Bundeswehr aufmarschieren. Das sind Tagalpträume, die er wieder vertreibt. Hehme gehört zum inneren Kreis derer, die für den Notfall planen. Er ist Direktor der Sächsischen Serumwerke, ein Nachfolger von Karl August Lingner. 1992 hat der Pharmakonzern GlaxoSmithKline das Werk gekauft und zum weltweiten Produktionszentrum für Grippeimpfstoffe ausgebaut.

Hehme ist seit 1972 dabei, er hat sich vom Qualitätskontrolleur zum Geschäftsführer hochgearbeitet. Die Zahlen liegen auf dem Tisch und Hehme trägt sie, nur von Zügen aus seiner Pfeife unterbrochen, vor. Knapp 300 Millionen Dosen Grippe-Impfmittel wurden 2004 weltweit verkauft. Eine epidemiologische Geopolitik wird greifbar: Die Produktionsstätten für die gesamte Welt sind in nur neun Ländern konzentriert, in Australien, Kanada, Japan, Amerika sowie in Frankreich, Großbritannien, Niederlande, Italien und Deutschland. Die fünf EU-Staaten leisteten 2003 zusammen 65 Prozent der Weltproduktion.

Explodierende Nachfrage

In Dresden wurden im vergangenen Jahr knapp 30 Millionen Dosen Impfstoff hergestellt. Aber nur knapp vier Millionen blieben in Deutschland, der große Reste wurde in siebzig Länder ausgeliefert. Täglich bringen Lastwagen 180 000 speziell gezüchtete Eier in das Werk. Zwar wird heute schon an Zellkulturen geforscht, doch Hühnereier stellen derzeit den effektivsten Bioreaktor für den Impfstoff dar. Er besteht aus dem zerstückelten Virus.

Pro Impfdose wird ein Ei benötigt. Hehme hat den Fall der Fälle tausendmal in seinem Kopf durchgespielt: Klaus Stöhr löst über den gigantischen Apparat der WHO globalen Pandemie-Alarm aus. Schon Minuten später wird sichtbar, wie viel Zeit und Geld Regierungen in die Vorbereitung investiert haben. Statt der zehn Millionen Dosen, die im Normalgeschäft weltweit wöchentlich produziert werden, würden plötzlich hundert Millionen, vielleicht Milliarden nachgefragt.

Schwierige Prioritätensetzung

Im Idealfall träte eine komplexe Katastrophenchoreographie in Kraft, würden Krankenhäuser, Feuerwehren, Polizei wissen, was zu tun ist. Für die ersten Monate würde ein nationaler Vorrat an Virenhemmern verteilt, um Symptome zu lindern und Zeit für die Entwicklung eines passenden Impfstoffs zu gewinnen. Fünf Monate müssen bis zur ersten Lieferung veranschlagt werden. Dann könnte der Schutz gemäß festgelegter Prioritäten sukzessive ins Volk gelangen.

Prioritäten, das klingt zu harmlos: Die Regierung muß entscheiden, wer überleben darf. Will man die Zahl der Toten reduzieren, müßte man die Alten zuerst impfen. Will man den langfristigen Schaden für das Land eindämmen, müßte man die Kinder und Jugendlichen zuerst impfen. Will man das Funktionieren des Staates sicherstellen, müßte man Polizisten, Soldaten, Politiker und Manager zuerst impfen. Klar ist nur, daß Ärzte und Krankenpflegepersonal vorrangig zu versorgen wären, sie dürfen nicht ausfallen.

Ein nervöses Lachen

Zuerst freilich muß der Impfstoff entwickelt, produziert, verteilt werden. Jeder Tag Verzug kostet Menschenleben. Und hier, sagt Hehme, liegt für ihn und die anderen Kaufleute im Impfgeschäft ein simples ökonomisches Problem. Wer bezahlt dafür, daß seine Firma sich jetzt schon für die Produktion von gigantischen Mengen Impfstoff vorbereitet, daß er Hühnerställe, Fermenter und Personal für den Notfall vorhält, wo in der realen, interpandemischen Welt von heute nur 300 Millionen Dosen abgesetzt werden?

Als Unternehmer, der wirtschaftlich arbeiten müsse, könne er nicht Abermillionen Euro für einen Fall investieren, der vielleicht morgen, vielleicht aber erst in zehn Jahren eintrete. Eier, sagt Hehme, denken Sie nur an die vielen Eier. Es gebe zwar technische Notfall-Kniffe, den Impfstoff so zu verändern, daß pro Ei bis zu acht Notfall-Dosen entstehen. Doch das reiche bei weitem nicht aus, zumal er auch in einer Pandemie darauf bestehen würde, Verträge mit dem Ausland zu erfüllen und Krisenregionen bevorzugt zu beliefern - jedenfalls bis die Bundeswehr anrückt. Auf den Hinweis, daß sein Werksgelände ja noch nicht einmal umzäunt sei, reagiert der Direktor mit einem nervösen Lachen.

Kapazitäten schaffen

Die WHO sieht die Regierungen in der Sorgepflicht: „Wenn die Welt ausreichend auf eine Pandemie vorbereitet sein soll, müßten sie in der Impfstoffentwicklung aktiv werden“, heißt es im Krisenprotokoll vom November. Vordringlich sei ein Aufbau von Produktionskapazität. Als langfristige Lösung dafür sieht die WHO eine Ausweitung der routinemäßigen, gut verträglichen Grippeimpfung an. Doch bis sich das Verhalten der Masse ändert, kann das Pandemievirus längst in der Welt sein.

Die zweite, schnellere Lösung besteht darin, daß Regierungen die Impfstoffhersteller dafür bezahlen, Kapazitäten vorzuhalten. Einige Länder, wie Amerika, Kanada und Italien, gehen in diese Richtung voran. In diesen Wochen beginnen die Firmen Chiron und Aventis für Amerika mit der Herstellung eines neuen Impfstoffs. Er soll für den wahrscheinlichsten Auslöser einer Pandemie geeignet sein. Zudem bestellte die Regierung zwei Millionen Dosen Impfstoff gegen das Vogelgrippevirus H5N1.

Warnung an den Kanzler

Kanada ist besonders aktiv, und das nicht nur wegen der jüngsten Erfahrung mit Sars. 1976, als in Amerika die Schweinegrippe ausbrach, verbot die amerikanische Regierung den Export von Impfstoff in das Nachbarland, damit möglichst viele Amerikaner geimpft werden konnten. In einem Zehnjahresvertrag bezahlt die kanadische Regierung die Firma ID Biomedical dafür, die komplette Infrastruktur für den Pandemiefall bereitzuhalten.

Und in Deutschland? Im Protokoll der WHO kommt die drittgrößte Industrienation der Welt nicht mit vorbildhaftem Engagement vor. Eher ist eine deutliche Warnung auf Bundeskanzler Gerhard Schröder und die genuin zuständigen Ministerpräsidenten der Länder gemünzt: „Das einzige, was schwieriger ist, als für den Notfall zu planen, ist später zu erklären, warum man es nicht getan hat.“

Frustration

Walter Haas, der Influenza-Spezialist der Bundesregierung, klingt in diesen Tagen frustriert. Er hat Fachleute von Bund und Länder dazu gebracht, einen „Nationalen Pandemieplan“ zu schreiben und die Gesundheitsminister dazu, diesen gutzuheißen. Doch das Echo ist vorwiegend negativ. Selbst im eigenen Haus, dem Robert-Koch-Institut, hagelte es Kritik, weil viel Papier beschrieben, aber noch keine konkrete Vorsorge getroffen sei.

Haas verlangt mehr Respekt vor den Mühlen des Föderalismus. Alle Vorbereitungen zur Versorgung mit Virenhemmern und zur Produktion des Pandemie-Impfstoffes müßten „bereits im Vorfeld einer Pandemie weitestgehend abgeschlossen sein“, schreiben die Fachleute selbst. Das Vorfeld, das ist jetzt. Schon seit 1999 macht die WHO Druck.

Etwas mehr als ein Euro pro Bürger

Kein deutscher Offizieller aus Bund oder Ländern hat bisher Verhandlungen mit den Impfstoffherstellern aufgenommen, wie Kapazitäten für den Notfall aufgebaut werden können. Andere waren schneller. Immerhin wird nun eine konkrete Summe genannt: 100 Millionen Euro Investitionen, etwas mehr als ein Euro pro Bürger, wären nötig. Einen nationalen Vorrat der weltweit ebenfalls knappen Virenmittel, der sogenannten Neuraminidasehemmer, gibt es ebenfalls noch nicht.

Andere arbeiten schon daran. Zudem haben Bund und Länder noch keine Entscheidung getroffen, an wen die verknappten Grippemittel im Notfall verteilt würden. Walter Haas sagt, der Prozeß sei doch am Laufen, eine „Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden“ berate gerade konkrete Schritte und werde sie bald beschließen.

Verdrängung des Risikos

Die Vorstellungskraft für Naturkatastrophen ist seit dem asiatischen Tsunami wieder gewachsen. Die Vorstellungskraft, daß eine Pandemie auch Deutschland treffen könnte, ist aber nach wie vor begrenzt. Zu sehr hat man sich daran gewöhnt, daß Infektionskrankheiten beherrschbar sind.

Bund und Länder wollen sich die Vorsorge möglichst sparen, verdrängen das unbestimmbare Risiko,. Nur jeder vierte Deutsche läßt sich gegen saisonale Grippe impfen, selbst viele Ärzte zeigen sich lethargisch. Und vom schnellsten Verfahren zur Impfmittelproduktion lassen die Hersteller in Europa die Finger, weil Gentechnik genutzt wird. Ein Karl August Lingner hätte alle Hände voll zu tun.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.01.2005, Nr. 15 / Seite 37
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