Papst Benedikt XVI. wird 85

Es gibt keine Hellenisierung des Christentums

Von Christian Geyer
13.04.2012
, 16:27
Am Montag feiert er seinen fünfundachtzigsten Geburtstag: der Papst vor fünf Jahren in Wien.
Dagegensein als Prinzip? Der Aufruf Benedikts XVI., die Kirche möge sich entweltlichen, scheidet die theologischen Geister. Wie kann der Glaube, wenn er selbst Kultur ist, gegen die Kultur ins Feld geführt werden?
ANZEIGE

Der französische Politologe Olivier Roy warnt in seinem Buch „Heilige Einfalt“ vor der zunehmenden Entweltlichung der Religionen, ihrer kulturellen Entwurzelung im Zeichen einer religiösen Reinkultur. Mit keiner Vokabel hat Benedikt XVI. in jüngster Zeit so viele Diskussionen ausgelöst wie mit der programmatischen, aber nicht näher spezifizierten Forderung, „die wahre Entweltlichung zu finden, die Weltlichkeit der Kirche beherzt abzulegen“, wie er während seines Deutschland-Besuchs in Freiburg im September 2011 erklärte. Was war mit der Parole von der Entweltlichung gemeint, die ja pointiert ein Grundanliegen der Theologie Joseph Ratzingers zum Ausdruck bringt: das „unterscheidend Christliche“ im Verhältnis zur Kultur zu bestimmen? Entweltlicht euch: Ist das ein Aufruf zu heiliger Einfalt, wie sie Roy gar nicht nur pejorativ vorstellt? Wird die Kirche damit zur Selbstenteignung ihres Grund- und Kunstbesitzes aufgerufen, ihrer finanziellen Ressourcen, ihrer konkordatär abgesicherten Rechtsansprüche? Soll die Kirchensteuer abgeschafft werden? Oder ging es dem Papst lediglich um eine theologische Steilvorlage für den Verkauf des fromm-erotisch schillernden „Weltbild“-Verlags?

Nein, nein, all dies sei nicht gemeint, hieß es bei der Bischofskonferenz. Ein Unbehagen machte sich breit bei Amtsträgern und Theologen angesichts des päpstlichen Befehls, die Kirche möge ihre Weltlichkeit ablegen. Nicht nur der hermeneutisch versierte Kardinal Kasper tritt die Flucht nach vorne an: Ihn lässt Benedikts Appell „an einen Rückbau des im Vatikan noch immer üblichen höfischen Stils denken und an weltliche Privilegien, welche aus der Anerkennung des Vatikans als souveräner Staat folgen, die aber nichts mit der berechtigten dadurch gewährten Unabhängigkeit des Papstes zu tun haben“. Da spricht die List der schwäbischen Vernunft, vermag aber die theologischen Gemüter nicht wirklich zu beruhigen.

ANZEIGE

Je exotischer die Botschaft, desto besser?

Zwar habe der Papst insoweit recht, als man natürlich in höchstem Maße skeptisch bleiben müsse gegenüber einer Kirchlichkeit, die „auf Konformität mit der Gesellschaft angelegt ist und auf Opportunitätsdenken beruht“, erklärt der Kölner Religionsphilosoph Hans-Joachim Höhn. Aber, so fragt Höhn, steht hinter dem Ruf nach Entweltlichung nicht doch eine McKinsey-Theologie, die mit Stichworten wie Markenkernpflege und Alleinstellungsmerkmal nur die Werbebotschaften der Wirtschaft kopiert und das Heil in einem betont antiintellektuell verfassten „Lob der Gegenwelt“ sucht?

Dann hieße Entweltlichung: Je exotischer die Botschaft, desto besser. Ein Rabauken-Katholizismus, wie er von den Piusbrüdern bis Matthias Matussek gepflegt wird, läuft laut Höhn auf weltliche Profilbildungsstrategien hinaus und sei daher werbetechnisch nicht ohne Risiken: „Wenn sich alle auf dieselbe Weise unterscheiden, sind sie alle auf dieselbe Weise anders - und damit einander fast schon zum Verwechseln ähnlich. Wenn die Kirche dieser Logik folgt, praktiziert sie genau das, was der Papst kritisiert: Sie gleicht sich den Maßstäben der Welt an.“

ANZEIGE

Weltlichkeit als Bedingung der Inkarnation

Dieser vielleicht etwas klügelnde Einwand hat doch einen theologischen Kern, den der Freiburger Theologe Magnus Striet herausschält: „Eine entweltliche Kirche hat es nicht nur nie gegeben, sondern kann es auch nie geben. So wie es auch keine reine, geschichtslose Fleischwerdung des Gotteswortes gibt, sondern eine, die in der konkreten Geschichte stattfindet und deshalb ihrerseits die Zeichen geschichtlicher Kontingenz aufweist. Man nimmt dem Glauben an die Göttlichkeit des Sohnes nichts, wenn man Jesus ein begrenztes, dem Kulturkontext seiner Zeit verpflichtetes menschliches Bewusstsein unterstellt.“ Ironischerweise ist das genau der Punkt, auf dem auch Ratzinger bestehen würde. Auch er bekräftigt, wie zuletzt in seinem Buch „Glaube, Wahrheit, Toleranz“: „Der Glaube selbst ist Kultur. Es gibt ihn nicht nackt, als bloße Religion.“ An diesem Axiom hängt ja Ratzingers gesamte Theologie, das Angewiesensein des Gläubigen auf die kirchliche Gemeinschaft, die für das Bekenntnis bürgt.

Aber Benedikt scheidet doch streng eine Weltlichkeit als Bedingung der Inkarnation von einer Weltlichkeit ohne Gott, die für ihn nur -ismen bereithält: Relativismus, Individualismus, Hedonismus. So steht bei diesem Papst beides scheinbar unverbunden nebeneinander: ein erstaunlich schematischer Kulturpessimismus neben der Adelung bestimmter geschichtlich-kultureller Formen als religiöse Offenbarungsgehalte, die als solche „unwiderruflich“ sind. Im Wort Entweltlichung schießen beide Tendenzen zusammen. Es ist hinreichend unbestimmt, um das Widerstrebende auf den Begriff zu bringen.

ANZEIGE

Mit der Kultur gegen die Kultur streiten

Was der Papst im Blick hat, wenn er sagt, der Glaube selbst sei Kultur, ist zuerst die konstitutive Rolle der griechischen Philosophie für die Formulierung des christlichen Glaubens. Die Abwehr von Harnacks Hellenisierungsthese, wonach das biblische Christentum von der griechischen Kultur überfremdet und verfälscht worden sei, ist die theologische Lebensschlacht Ratzingers. Denn an dieser Frage hängt nicht zuletzt die Natur des Gottessohnes, wie sie nach zähen hermeneutischen Kämpfen auf einem frühen Konzil in Nizäa „hellenistisch“ definiert wurde: „Ich meine die Aussage, dass Jesus Christus Gottes eingeborener Sohn, homoousios mit dem Vater ist - eines Wesens mit ihm. Es ist bekannt, wie um dieses Wort gestritten wurde, wie man Abschwächungen, Kompromisse - aus politischen Gründen wie in der Suche nach Vermittlung zwischen den Gegensätzen, nach Frieden in der Kirche - suchte, am Ende aber eben doch dieses Wort als Gewähr für die Treue zum biblischen Glauben festgehalten hat“, schreibt Ratzinger und fragt rhetorisch: „Wird hier eine glaubensfremde Philosophie kanonisiert, eine Metaphysik zum Dogma erhoben, die eben doch nur einer Kultur zugehört?“ Erwartungsgemäß verneint der Papst diese Frage und weist die Absage an die griechische Welt als falsche Entweltlichung zurück.

Wenn sein Pochen auf Entweltlichung sonst auch weitgehend auf Skepsis stößt - im Festhalten an der griechischen Glaubensgestalt ist Ratzinger in jüngster Zeit immer wieder bestätigt worden. Zuletzt in einem fulminanten Aufsatz des Bochumer Theologen Georg Essen in der Zeitschrift „Theologie und Philosophie“. Unter dem Titel „Hellenisierung des Christentums?“ weist der Autor im Einzelnen nach, „dass es eine Hellenisierung des Christentums nicht gegeben hat, eben weil es den dabei unterstellten Hiatus zwischen ursprünglicher biblischer Botschaft und nachfolgender Hellenisierung nicht gab“. Aber Georg Essen verstärkt Ratzinger noch, indem er darlegt, wie die griechische Philosophie - so sie mit den Gehalten des biblischen Glaubens in Kontakt kam - ihrerseits im Sinne der jüdischen und christlichen Überlieferung umgestaltet wurde. Er zeigt das im Detail anhand der Schöpfungsproblematik (Creatio ex nihilo) und ebender Gottessohnschaft; Nizäa habe es gerade gegen das griechisch-philosophische Gottdenken gewagt, „in Gott selbst reale Unterschiedenheit und Beziehung, Mitteilung und Gemeinschaft zu denken“. Der Theologe nimmt hier die These von Jürgen Habermas auf, der die philosophische Tradition durch die jüdische und christliche Überlieferung „bis in ihre griechischen Wurzeln hinein erschüttert“ sieht.

Das Faszinosum Ratzinger: mit der Kultur gegen die Kultur streiten und sich dabei nicht um die Deutungshoheit bringen lassen, wo Zeitliches endet und Ewiges beginnt. So viel heilige Einfalt muss sein. Am Montag wird der Papst fünfundachtzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Christian Geyer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Geyer-Hindemith
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Bildungsmarkt
Alles rund um das Thema Bildung
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
EBook
E-Book-Reader im Test
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
ANZEIGE