Picassos Modell

Der Sommer mit Sylvette

Von Rose-Maria Gropp
18.02.2014
, 15:23
Was geschah, als Sylvette David für Picasso 1954 Modell saß? Das weiß niemand besser als sie selbst. Zum ersten Mal seit sechzig Jahren ist sie jetzt nach Südfrankreich zurückgekommen, wo sie den Künstler kennenlernte. Eine Begegnung.
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Sylvette war anders. Sie war ein besonderes Mädchen. Das sah Picasso gleich. Sylvette David hat Picasso vom April bis zum Juni 1954 in seinem Atelier in Vallauris Modell gesessen. Niemals zuvor hat er eine so dichte Porträtserie geschaffen, wie er es von dieser jungen Frau tut. Doch wer ist Sylvette? Wer ist das Mädchen, nach dem - in spielerischer Anlehnung an seine „Blaue Periode“ und seine „Rosa Periode“ - Picassos „Pferdeschwanz-Periode“ heißt?

Sylvette war mit ihrer Mutter und ihrem englischen Verlobten Toby Jellinek, den sie in A. S. Neills Internat „Summerhill“ in Suffolk kennengelernt hatte, 1953 nach Südfrankreich gezogen. Toby Jellinek versuchte sich in künstlerischer Produktion in einer Werkstatt in Vallauris, die nicht weit weg von Picassos Atelier lag.

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Das Mädchen mit dem Pferdeschwanz

Sylvette versuchte sich in gar nichts, sie hatte keine Pläne. Sie war, geboren am 14. November 1934 in Paris, neunzehn Jahre jung, eine Zukunft war nicht in ihrem Kopf, sie war verliebt in Toby, den sie später auch heiratet. Sie saß in der Sonne, trank Kaffee und rauchte mit anderen jungen Leuten. Und sie war so hübsch, wie es nur junge Frauen sein können, die nicht um ihre Anmut wissen.

Es gibt diese Zufälle, die später Historie werden: Eines Tages Anfang 1954 kommt Picasso in die Töpferwerkstatt Madoura in Vallauris, die er mit seinen dort entstandenen Keramiken gerade weltberühmt macht. Toby Jellinek hatte bei Madoura zwei von ihm gebaute, extravagante Stühle ausgestellt. Die Stühle gefallen Picasso, er kauft sie - und Toby und Sylvette bringen sie zu ihm in die Villa „La Galloise“, wo Picasso seit 1948 mit Françoise Gilot und den Kindern Claude und Paloma lebt.

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Kurz danach sehen sie und ihre Freunde, wie Picasso eine Zeichnung mit ihrem Porträt über den Rand einer Gartenmauer hält, hinter der die jungen Leute zusammensitzen. Es ist eine witzige Aufforderung; fortan geht Sylvette in sein Atelier. So einfach beginnt ihre Geschichte als das „Mädchen mit dem Pferdeschwanz“, die schnell um die Welt geht. „Paris Match“, „Life“ und „Spiegel“ drucken Bildgeschichten über den Maler und sein junges Modell.

Rückkehr nach sechs Jahrzehnten

Noch heute ist Sylvette David eine schöne Frau von 79 Jahren, die Orte ihrer Jugend begrüßt sie nach sechs Jahrzehnten freudig wieder. Dabei verhehlt sie nicht ihre Rührung und ihre Aufregung - und auch nicht, wie wirklich naiv sie damals war: ein Mädchen, das dank einer unkonventionellen Mutter beinah hippiehaft aufwuchs, fern von Paris, wo ihr Vater Kunsthändler war, in den Rhone-Alpen, dann im freiheitlichen „Summerhill“.

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Sie war sich ihrer Rolle, die sie so plötzlich weltbekannt machen sollte, nicht bewusst. Denn alles begann ja so: Im Frühjahr 1954 war Pablo Picasso 73 Jahre alt, seine Beziehung mit Françoise Gilot war zerbrochen, er litt. Françoise war schon so gut wie weg, in Paris, die gemeinsamen Kinder nahm sie mit. Über die schmerzhafte Trennung hat sie später in ihrer Autobiographie „Leben mit Picasso“ berichtet, nicht unbedingt objektiv, aber eindrucksvoll; Picasso kommt dabei nicht so gut weg.

Allerdings war auch Jacqueline Roque schon in der Warteschleife, die letzte Gefährtin und Ehefrau bis zu seinem Tod 1973 sein wird. Sie arbeitete bei Madoura als Verkäuferin, und es gab schon 1952 ein erstes Porträt von ihr als „Madame Z“. Da trat unerwartet Sylvette auf den Plan - sweet nineteen, ein Geschenk des Himmels für das gekränkte egozentrische Genie.

Er macht sich an die Arbeit mit ihr, aber er macht sich nicht an sie heran. Picasso, dieser Frauen-Gourmand, ist ihr kein einziges Mal zu nah getreten; das versichert Sylvette David. Vielleicht wollte er es nicht, aber vor allem hätte er auch keinen Erfolg bei ihr gehabt. I was so shy, sagt sie heute dazu, außerdem war ihr Verlobter Toby ziemlich eifersüchtig.

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Niemals hätte sie sich für Picasso ausgezogen. Ob er das gern gehabt hätte? Die heutige Sylvette kokettiert nicht mit der Idee, sie ist strahlend souverän. Unterwegs erzählt sie dann, dass Picasso sie einmal in den ersten Stock seines Ateliers in ein kleines Zimmer geführt habe, wo er vor ihr auf einem Bett herumhopste. Sie fand das eine ziemliche Leistung - für einen alten Mann. Das war Picasso ganz offensichtlich für sie: eine freundliche väterliche Figur, kein Mann, den sie - berühmt hin oder her - in Betracht zog.

Etwas später auf der Reise frage ich sie, wie sie Picasso denn angeredet habe? Eigentlich gar nicht, ist ihre Antwort, bonjour nur habe sie gesagt, nichts weiter, vor lauter Scheu. Und er? „Sylvette“ und „du“, sagt sie. Überhaupt wurde während der Sitzungen fast gar nicht gesprochen, auch nichts getrunken, bloß geraucht. Sie saß für ihn Modell, rauchte und sah aus dem Fenster; er rauchte Kette und arbeitete.

Sylvette in Gips, Sylvette in Öl

Das bekannteste Bildnis aus dem „Sylvette-Zyklus“ hängt in der Kunsthalle Bremen, entstanden am 3. Mai 1954, eines von Picassos Ein-Tag-Werken. Schon im Mai 1955 erwarb das Haus dieses Porträt. Es ist eine Grisaille, also ausschließlich in Grautönen. Picasso malte sie, und noch genau kann sich Sylvette daran erinnern: Den Mantel, den sie da anhat, hatte ihr Verlobter für sie geschneidert; darunter trägt sie einen Rollkragenpullover. Toby Jellinek konnte nähen? O ja, das konnte er! Und der Mantel war auch wirklich grau? Ja, Grau stand ihr, einer echten Blonden, wirklich gut.

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Genau so gekleidet, ein wenig wie eine Novizin, ist sie Picasso zum ersten Mal begegnet, in der Villa „La Galloise“. Es gibt ein Foto davon (das wir hier abdrucken); Toby Jellinek hat es gemacht. Françoise Gilot war noch einmal im Haus mit den Kindern. Sylvette trägt ihre hochgeschlossenen Kleidungsstücke vom Porträt, Picasso posiert daneben mit einer Pelzmütze. Vielleicht war es kühl im April, vielleicht machte er nur Spaß, vielleicht hatte er auch eine Ahnung, dass er sich besser warm anziehen müsse, angesichts von Françoises Adieu.

Danach wird er ihr „La Galloise“ überlassen, um wenig später mit Jacqueline Roque in das repräsentative „La Californie“ in Mougins einzuziehen. Doch - dazwischen, gleich nach diesem Foto - wird er Sylvette unsterblich machen, in mehr als fünfzig Werken, von der Zeichnung bis zu Keramiken, von gefaltetem Blech bis zu gipsernen Großplastiken, die er 1962 mit dem finnischen Bildhauer Carl Nesjar entwickelt. Eines dieser Monumente ragt seit 1968 auf dem Campus der New York University. Was sich Picasso dabei wohl gedacht hat?

Zauber eines kurzen Frühlings

Aber jetzt sind wir mit der leibhaftigen Sylvette in „La Galloise“. Das Haus gehört heute dänischen Privatleuten, die uns ausnahmsweise einlassen; es ist umgebaut seither, aber in seiner Schlichtheit erhalten. Es gibt noch den wuchernden Garten, in dem Picasso mit seinen Kindern und Sylvette posierte - und auch noch die Küche, in der Robert Doisneau das berühmte Foto von Picasso mit den Hefeteigpranken machte. Es ist schon ein Ereignis für Sylvette, diesen Ort der ersten Begegnung wiederzusehen. Die Eigentümer haben ein Remake des Pfoten-Gebäcks für uns auf den Küchentisch gelegt. Sylvette genießt diesen Spaß sichtlich. Nein, zu Sentimentalitäten neigt sie nicht, sie ist vielmehr neugierig auf ihre eigene Vergangenheit, zwischen Wiedererkennen und Verwunderung.

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Oft benutzt Sylvette das Wort Spiritualität, es ist eine ständige Erfahrung, aus der heraus sie ihr Leben gestaltet. Sie bewirkt vielleicht auch, dass sie auf dieser kleinen Reise - bei aller Macht der Erinnerung - bei sich selbst bleibt: die heutige Sylvette David alias Lydia Corbett, wie sie inzwischen längst heißt als Künstlerin, die sie geworden ist. Sie läuft nicht durch vergangene Gefilde wie eine gewesene raunende Muse - die sie bestimmt nie war -, sondern als eine Frau, die ein langes erfülltes Leben nach dem Zauber eines kurzen Frühlings meistert.

Ein Hals, hoch und rank wie eine Säule

Es hat einen gewissen Charme, dass ausgerechnet Brigitte Bardot, die am Beginn ihrer steilen Karriere stand, als Sylvette David in Vallauris wohnte, genauso alt ist wie sie. Der Sex der jungen Bardot ist das genaue Gegenstück zu Sylvettes scheuer Aura, bei aller unbestreitbaren Ähnlichkeit. Doch Sylvette war das Mädchen auf dem Cover der Magazine, und es heißt sogar, dass die Bardot, mit brünetten Haaren geboren, ihr epochemachendes Blondsein samt dem gelegentlichen Pferdeschwanz nach Sylvettes Vorbild gestylt habe.

Allerdings hat Picasso Brigitte Bardot niemals gemalt: Schließlich hatte er seinen Überschuss an künstlerischer Produktivität schon an Sylvette abgearbeitet. Der forcierte Kindfrau-Eros, den die Bardot zu ihrem Markenzeichen entwickelt, mag ihn ohnehin nicht gereizt haben. Erstens bevorzugte er einen eher südlichen Typ, und zweitens interessierten ihn andere Formen: Für Picasso war Sylvette die „nordische“ Variante, keineswegs die typische Französin. Angesichts der Porträts, die er von ihr gemacht hat, muss ihn ihr Hals fasziniert haben, hoch und rank wie eine Säule, an der entlang sich der ponytail ergoss. So hat er sie in der ganzen Bandbreite seines schöpferischen Universums festgehalten, als Blaupausen seiner Virtuosität.

Vom Modell zur Künstlerin

Was hat das für Sylvette bedeutet? Erst einmal wenig. Es waren, auf ein Leben umgelegt, am ehesten die fifteen minutes of fame, wie sie Andy Warhol 1968 ausrufen wird, jener Kürzestzeit-Ruhm, der jeden treffen kann. Sylvette verlässt bald Vallauris, sie zieht mit Toby nach Paris. Um dort eine Wohnung im Marais-Viertel kaufen zu können, trennt sie sich von dem Porträtgemälde, das Picasso ihr zum Abschied geschenkt hatte. Ob sie weiß, wer dieses Bild heute besitzt? Ja, sagt sie, der Eigentümer hat es ihr vor ein paar Jahren gezeigt. Sie ist traurig, dass sie es nicht mehr hat, aber nicht in einem materiellen Sinn.

Aus ihrer Schönheit und ihrer kurzen Titelmädchenkarriere hat sie kein Kapital geschlagen, ihre Schüchternheit blieb. Nur noch ein einziges Mal sieht sie Picasso, 1965 in Mougins, mit Toby und ihrer kleinen Tochter Isabel, ein Wiedersehen ohne Folgen. Toby, erzählt Sylvette, hat sie dann bald verlassen, ausgerechnet für ihre Freundin. Das stürzt sie in eine tiefe Traurigkeit. Sie heiratet wieder, bekommt noch zwei Kinder. Doch erst als auch die aus dem Haus sind - da war sie 45 Jahre alt, erinnert sie sich -, aktiviert sie die in ihr schlummernden Fähigkeiten, weckt die Erinnerung an ihre Monate mit Picasso auf.

Sie findet zur Kunst. Sie arbeitet seither in ihrem Haus in der englischen Grafschaft Devon mit hölzernen Fundstücken, sie zeichnet, aquarelliert, malt. Ein bisschen Picasso ist immer im Bild, er hat sie die Freude am Schaffen gelehrt, das sagt sie oft. In London wird sie von einer Galerie vertreten; ihre nächste Ausstellung bei Francis Kyle eröffnet am 4. März, sie heißt „World in a flower“. So sieht sie das, sie ist Picasso zutiefst dankbar dafür. Den anderen Frauen, die in seine Atmosphäre gerieten, brachte Picasso kein Glück. Das Unglück, das Sylvette in ihrem Leben erfuhr, hat nicht er verschuldet. Picasso hat für Sylvette David Gutes getan, weil er ihr nichts tun konnte.

Die Kunsthalle Bremen eröffnet am 22. Februar die Ausstellung „Sylvette, Sylvette, Sylvette. Picasso und das Modell“. Die Ausstellung läuft bis zum 22. Juni.

Zur Homepage des Museums

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton.
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