PID-Gesetz

Hinterm Damm

EIN KOMMENTAR Von Joachim Müller-Jung
07.07.2011
, 17:46
Die Entscheidung des Bundestages zur kontrollierten PID-Zulassung ist das Beispiel für die Möglichkeit von Fortschritt. Sie zeigt, dass sich Mehrheiten für ethische Positionen im Lichte neuen Wissens verändern können.

Das war dann doch erstaunlich entschlossen: der Schritt von der alten in die „neue Realität“, vor der noch Andrea Nahles, die Sozialdemokratin, in ihrem aufgewühlten Plädoyer gegen die Einführung von Gentests bei künstlichen Befruchtungen gemahnt hatte. Jetzt ist sie also kraft einer klaren Bundestagsmehrheit da, die neue Realität einer kontrollierten PID-Zulassung. Manifest ist allerdings auch die für viele schwer erträgliche Erkenntnis, dass das „ethische Fundament“, vor dessen Veränderung auch diesmal mit knackigen Parolen („Dammbruch“, „ein schwarzer Tag für das Land“) gewarnt wurde, durchaus antastbar ist. Dass also Fortschritt möglich ist. Und dass sich ethische Positionen per se zwar nicht willkürlich ändern - modernisieren - lassen, dass sich aber Mehrheiten für ethische Positionen im Lichte neuen Wissens verändern können - und sich demokratisch legitimieren lassen. Was schon in der Stammzelldebatte zu erkennen war, als es ebenfalls um den Embryo im Reagenzglas ging, hat sich in der Auseinandersetzung um die Präimplantationsdiagnostik noch klarer gezeigt: Die Strategie, eine Gewissensentscheidung (die der Abgeordneten respektive der leidenden Paare mit Kinderwunsch) zu einer überindividuellen Grundsatzentscheidung mit Ewigkeitsanspruch für oder gegen das Leben zu stilisieren, greift nicht mehr.

Keine Persilscheine für wilde Reproduktion

Dem Paternalismus hat Ministerin Ursula von der Leyen, Ärztin und siebenfache Mutter, als letzte Rednerin die vielleicht entscheidende Wende gegeben: Macht man für den „mündigen Menschen“ Gesetze oder für den „bevormundeten“? Die Kanzlerin sagte dazu lieber nichts. Was auch viel sagt. Stattdessen setzte sich die Drohung des anderen Christdemokraten und Arztes, Rudolf Henke, im Gedächtnis fest, der die PID-Zulassung für eine Lizenz zum „Herrn über Leben und Tod“ hält. Als würde die Todesstrafe wieder eingeführt, diesmal für wehrlose Embryonen in der Petrischale. Die moralische Keule des Abgeordneten hat sich letztlich im Netz der Widersprüchlichkeiten beim Lebensschutz verfangen und im offensichtlich wachsenden Unbehagen, individuelles Leid auf staatliches Geheiß zu ertragen. Nein, in der neuen bioethischen Realität verteilt der Staat noch immer keine Persilscheine für ein wildes Reproduktionsgelage. Er leistet auch der Eugenik keinen Vorschub. Vielmehr tritt er in der Wahrnehmung moralischer Verantwortung bloß einen Schritt zurück. So wie das in jedem anderen zivilisierten Land mit zugelassener PID längst der Fall ist.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot