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Piratin Julia Schramm

Wahlkampf einer digitalen Seele

Von Melanie Mühl
 - 17:31

Neue Parteien bringen neue Menschen. Das ist ein Geschenk für eine Öffentlichkeit, vor deren ermüdeten Augen immer wieder das gleiche Personal politisches Karussell fährt. Die Piraten sind jetzt aufgesprungen. Und schon ist man munter und winkt den neuen Talenten zu.

Marina Weisband gehört dazu. Sie hat für die Piraten weit über die Parteifreunde hinaus mehr soziales Kapital eingeworben als wahrscheinlich irgendein anderer Parteipolitiker der vergangenen Jahre. Christopher Lauer hebelt politisch zubetonierte Diskurse in null Komma nix aus, was der politische Oberpolier Kurt Beck unlängst zu spüren bekam. Beck spielte das Klageweib bei „Maybrit Illner“ angesichts des Schicksals der Schlecker-Frauen, und fast hätte man mitgeheult - bis Lauer mit seiner Frage „Was tun Sie dagegen?“ einen daran erinnerte, dass hier einer der Mächtigen des Landes den Ohnmächtigen spielte. Dann gibt es die Unbekannteren: Bernd Schlömer, der Profiler der Partei, Sebastian Nerz, Susanne Lang und viele andere. Man wird sie auf dem Bundesparteitag am Wochenende sehen können. Und die Piraten werden feststellen, dass jetzt, wo sie ein politischer Faktor geworden sind, geschieht, was sie immer verlangen: Es wird ernst genommen werden, was sie sagen. Und es wird gefragt werden, wer es sagt.

FDP und Grüne hatten ihr nichts zu bieten

Auf dem Bundesparteitag kandidiert auch Julia Schramm, „Politologin, Piratin, Publizistin“, sechsundzwanzig Jahre alt. Ihre Chancen stehen gut. Selbst wenn man abrechnet, dass sich gerade auch Piraten in Filterbubbles bewegen, gilt sie als eine Repräsentantin der Partei. Sie selbst hält sich für die Protagonistin eines „Narrativs“, das die Medien benötigen.

Das ist etwas zu bescheiden formuliert: Die junge Politikerin schreibt über Twitter und in ihrem Blog sehr bewusst selbst an diesem Narrativ. Es ist ein Ich-Roman. Manche kritisieren sie dafür, und sie muss notorisch gegen die Unterstellung, es ginge ihr nur um Medienpräsenz und Karriere, Einspruch einlegen.

Aber es steckt in dieser Kritik auch viel Ungerechtes: Was wäre, wenn die Parteigründer der „Grünen“ schon getwittert hätten oder die CDU des Ahlener Programms? „Wildes Denken“ ist ja gerade das, was man allzu oft in einem politischen System vermisst, wo selbst Abweichler im Bundestag nicht mehr sprechen sollen. Auf Twitter kann man nachlesen, wie sogar Journalisten großer Zeitungen, die über sie berichten sollen, sie trösten, ihr Mut zusprechen wenn die Kritik zu laut wird.

Julia Schramm ist interessant, weil die „Piraten“ interessant sind. Wie bei jedem Politiker stellt sich die Frage nach der Konsistenz des Weltbilds und der Art der Lerneffekte. Bei Julia Schramm gibt es eine Reihe solcher Lerneffekte, erzählt wird von ihnen immer in der Terminologie der Bekehrung.

Zu den Zeiten, als es der FDP noch gut ging, arbeitete sie für einen FDP-Abgeordneten in Nordrhein-Westfalen, den jetzigen Fraktionschef Gerhard Papke, und war Mitglied der Julis, ehe sie zu den Piraten wechselte. In einem Artikel für diese Zeitung hat sie eindrucksvoll erklärt, warum FDP und Grüne ihr nichts zu bieten hatten. Auf ihrer Homepage liest man: „Einen Blogpost über den Niedergang der Pseudoliberalen zu schreiben liegt mir dieser Tage besonders am Herzen. Nicht nur bin ich immer wieder über das Niveaulimbo und die Uneinsichtigkeit erstaunt, auch beobachte ich den Niedergang mit einem großen Wohlwollen. Wieso? Nun, weil ich diesen Niedergang prophezeite, die von mir konfrontierten FDPler aber nicht auf mich hören wollten. Im Gegenteil - sie verweigerten mir die Mitgliedschaft.“

So ganz konnte das nicht stimmen, und weil sie an Transparenz glaubt, ergänzte sie später, sie habe sich bei der FDP nur beworben, weil sie jemandem einen Gefallen tun wollte. Eine Ablehnung aus ideologischen Gründen wäre ein interessanter Vorgang. Als wir Julia Schramm damit konfrontieren und fragen, aus welchem Grund sie die FDP abgelehnt hat, erzählte sie eine neue Geschichte. Sie habe aus finanziellen Gründen nur den halben Mitgliedsbeitrag zahlen können. Die FDP äußerte sich zu diesem Anliegen nicht. Die Sache versandete. Von einem Ideologiekampf weiß niemand.

Heute Googleianer, morgen Baumianer

Fast immer gibt es „Post-“ und „Post-post-edits“ bei solchen Transparenzdiskursen, die tatsächlich ihre Privatangelegenheit wären, wenn sie sie nicht immer politisierten. Legendär war ihr Abschied von der „Spackeria“. Vor einem Jahr stellte sich die Mitbegründerin der datenschutzkritischen Gruppe in einem „Spiegel“-Interview gegen die Datenschützer ihrer Partei: „Im Internet ist es eben vorbei mit der Privatsphäre, darüber sollte man sich klar sein. Schon der Begriff Datenschutz gaukelt eine falsche Sicherheit vor, die es praktisch nicht mehr gibt.“

Einige Zeit später kam Julia Schramm bei einer Zugfahrt mit dem früheren FDP-Innenminister Gerhart Baum ins Gespräch. Baum habe ihr das Bild des ehrenvollen Datenschutzritters gezeigt, erzählt sie. Er sei die „Kirsche auf der Sahnetorte“ gewesen, der Endpunkt eines Prozesses, in dessen Verlauf sie sich selbst noch einmal kritisch hinterfragt habe.

Jetzt, sagt sie im Gespräch mit der F.A.Z., sei alles anders gewesen. „In gewissermaßen hegelscher Dialektik befinde ich mich im Augenblick in der Negation der Negation. Ich verstehe jetzt die Funktion von Datenschutz - und dass er den Piraten als Instrument dient, das Individuum zu schützen.“ Der arg instrumentalisierte und bei den Piraten hoch angesehene Gerhart Baum, dessen väterliche Beschützerinstinkte im Widerstreit zur Wahrheit standen, musste einiges tun, um den Eindruck zu entkräften, er würde Julia Schramms Kandidatur unterstützen. Fakt ist: Die Spackeria-Position wäre bei den Piraten niemals mehrheitsfähig gewesen.

Gestern Papkeianer, heute Googleianer, morgen Baumianer: Solche Strategien sind nicht ungewöhnlich. Sie sind Bestandteil politischer Karrieren, und viele, die den Werbefeldzug der jungen Frau kritisieren, stehen im gleichen Konflikt wie Baum. Soll man jemand, der offensichtlich nicht weiß, was er schreibt und verbreitet, auf seine Widersprüche öffentlich hinweisen? Anderseits, um einen Berliner Piraten zu zitieren: „Kann jemand mit der Internetkompetenz einer Zwölfjährigen die Partei repräsentieren?“

Für die Öffentlichkeit ist etwas anderes wichtig: Es gibt wohl keinen Piraten, der so hämisch über Künstler redet und schreibt wie Julia Schramm. Selbst diejenigen aus den Funktionsebenen, die sich für eine radikale Reform des Urheberrechts einsetzen und damit viele Künstler und Intellektuelle verängstigen, räumen immerhin noch den Wert geistiger Arbeit ein. Julia Schramm freilich hat den Trick zur Perfektion entwickelt, wann immer sie mit einer ihrer hegelianischen Thesen in die Defensive gerät, sich mit einer anderen These zu radikalisieren - Spackeria-Feminismus-Urheberrecht.

Offenbar funktioniert das gut. In einem gruseligen Podcast (mit Max Winde) kann sie über den Begriff des „geistigen Eigentums“, den sie für „ekelhaft“ hält, nur lachen. Künstler sind nur „Filter“ für das, was in der Welt ist und allen gehört. Auf die verzweifelten Versuche von Max Winde, klarzustellen, das ein Kunstwerk deshalb ein Kunstwerk sei, weil es etwas Neues sei, das es vorher nicht gegeben habe, sagt sie nur: „Nein, das stimmt nicht.“

„Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin“

Wer das alles liest und hört, dem fällt ein, dass es nur in den schlimmsten Spießerzeiten der CDU in den fünfziger Jahren solch einen Künstlerhass gegeben hat wie hier. Künstler, die an Geld denken, sind für sie keine Künstler. Ein Künstler, sagt Julia Schramm, müsse irgendwie „verrückt“ sein, also außerhalb der Gesellschaft stehen. „Viele Künstler tragen die kapitalistische Logik stolz vor sich her und wollen in erster Linie Geld verdienen. Das finde ich in der aktuellen Urheberrechtsdebatte schade.“ In einem Podcast sagt sie: „Das ist das, was mich wirklich richtig sauer macht. Du kannst sagen, mein Geschäftsmodell ist voll awesome und hat mir voll viel gebracht und ich möchte es erhalten und ihr Ficker, ihr macht mir das Geschäftsmodell nicht kaputt.“

Nicht das Gefasel ist das Problem, sondern die Tatsache, dass es offenbar völlig egal ist, was sie heute und morgen sagt und tut. Und dass das offenbar in der liquiden Diskursstruktur der Piratenpartei honoriert wird. Manchmal agitiert sie präventiv, wenn sie von Medienanfragen hört, und verändert ihre Meinung in 140 Zeichen. Julia Schramm ist selbst Urheberin.

Am 17. September, im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse, erscheint ihr Buch „Klick mich. Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin“. Auf dem knallgelben Cover ist eine rosarote Frauen-Silhouette abgebildet, die an die tänzelnde Damen im Vorspann eines alten James-Bond-Films erinnert. Es soll Charlotte Roche Konkurrenz machen. Das Buch erscheint im Knaus-Verlag, der zur Random House Gruppe, also dem Buchriesen der Branche, gehört, der wiederum Teil der Bertelsmann-AG ist.

Gewiss: Julia Schramm sagt, sie hatte Angst, ihr Buch ausgerechnet bei Random House zu veröffentlichen, doch ihre Lektorin habe sie als Person überzeugt. Es sei außerdem sehr spannend, einen Einblick in die Branche zu bekommen - als machte sie bei Random House gerade ein Praktikum.

Teil der Verwertungsmaschinerie

Der angebliche Einblick in die Branche funktioniert, was man ihr gönnen kann, nach allen profitablen Gesetzen des Buchmarkts. Das Buch wurde durch eine Agentur auktioniert, Julia Schramms Vorschuss soll sich auf mindestens 100.000 Euro belaufen. Knaus behält sich auf Nachfrage alle Rechte vor, und auf die Frage eines Twitterers, ob er Schramms Buch kostenlos online stellen dürfe, antwortet sie: „Da musst du meinen Verlag fragen.“ Während der Recherchen zu diesem Artikel suggeriert sie, sie würde die „Kohle“ für die Partei verdienen und twittert es dann auch. Jeder muss oder soll denken, sie spende das Geld. Als wir nachfragen, twittert sie erneut: „Presse fragt, ob ich mein Buchgeld komplett der Partei spende. Der Artikel wird lustig...“. Der Irrsinn ist ja: jeder würde ja sagen, es ist gut, dass man mit Büchern Geld verdienen kann. Nur nicht Julia Schramm: sie kassiert, weil sie mal die kapitalistische Logik kennenlernen will.

Eine fast atemlose Präventions- und Vertuschungslogik, vermischt mit Unterstellungen an Kritiker - man kann sich ausmalen, dass das im politischen Alltag zu Überraschungen führen wird. Aber fairerweise muss man hinzufügen, dass es auch hierzu eine Art von präventivem Edit gibt. „Ich saß in so einer Vertreterkonferenz, da kam die Marketingchefin und meinte: Frau Schramm, wie sieht es denn aus, wenn hier illegal Ihr Buch heruntergeladen wird? Ich so: Ich will natürlich, dass die Leute dafür bezahlen. Ich will aber nicht, dass sie behandelt werden wie Mörder. Schaffen Sie doch legale Angebote.“

Julia Schramm ist Teil der Verwertungsmaschinerie. Ihr Buch wird in den kapitalistischen Kreislauf eingespeist, es wird in Buchhandlungen für 16,99 Euro und im Netz zu kaufen sein. „Mal in der Kapitalismuslogik zu sein ist eine interessante Erfahrung“, twittert sie. Besonders interessant freilich ist es nicht, aufgrund der politischen Bedeutung der „Piraten“ sich jetzt in die Logik von Julia Schramm einzulesen. Viel lieber täte man es bei denen, die diese politische Kraft jetzt wirklich weiterdenken. Auch zum Holocaust hat sich Frau Schramm übrigens geäußert: dass es keine Schuld gebe und der Holocaust auch „wirtschaftlich“ ausgeschlachtet werde. Darüber berichtete der „Tagesspiegel“. Dann kamen die post-edits.

Quelle: F.A.Z.
Melanie Mühl
Redakteurin im Feuilleton.
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