Plagiatsfall bei Schülerwettbewerb

Skandal war das Thema

Von Cornelia Reichert
29.06.2011
, 19:17
Der Geschichtswettbewerb wird schon seit 1973 ausgetragen und ist der größte historische Forschungswettbewerb Deutschlands
Klar strukturiert, flüssig geschrieben und aufwendig gestaltet: Eine junge Geschichtsstudentin erntet für ihren Beitrag über einen Bremer Gerichtsfall einen Landessiegerpreis. Die Ausarbeitung stammt jedoch aus einem Sammelband des Jahres 2010.

„Das letzte Mal, dass ich mich richtig empört habe, war die Plagiatsaffaire um unseren ehemaligen Verteidigungsminister“, sagt Klaus Wehmeier, der stellvertretende Vorsitzende der Hamburger Körber-Stiftung, auf der Bremer Preisverleihung des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten. "Es ist eine große Enttäuschung, wenn sich ein Hoffnungsträger dieser Methoden bedient." Umso stärker dürfte es Wehmeier treffen, dass aktuell eine Landesieger-Arbeit in dem von der Körber-Stiftung ausgetragenen Wettbewerb unter Plagiatsverdacht steht.

"Ärgernis, Aufsehen, Empörung. Skandale in der Geschichte" lautet das Thema der aktuellen Runde 2010/2011. Hieran nimmt auch eine junge Geschichtsstudentin teil. Für ihren Beitrag wählt sie den Bremer Fall Kolomak aus den zwanziger Jahren: Die sechzehnjährige Lisbeth Kolomak stirbt, nachdem die Polizei ihr fälschlicherweise Prostitution vorgeworfen hat und sie sich einer Zwangsbehandlung gegen Syphilis mit dem damals neuen und kaum gestesteten Mittel Salvarsan unterziehen musste. Ihre Mutter fingiert zur Ehrenrettung ihrer Tochter deren Tagebuch. Sie veröffentlicht es anonym und prangert damit die Doppelmoral und die Zustände auf den Behörden und im Krankenhaus an. Doch schnell ist die eigentliche Tagebuchschreiberin enttarnt. Der Bremer Senat debattiert über Sitte und Moral, gestrenge Bürgerlichkeit kämpft gegen die lockereren Normen der Arbeiterschicht und Mutter Kolomak landet auf der Anklagebank wegen Kuppelei.

Den Gewinnern winken 250.000 Euro

Die Studentin fasst den Fall gut zusammen und beleuchtet ihn vor dem Hintergrund der Weimarer Zeit - klar strukturiert, flüssig geschrieben, aufwendig gestaltet. Sie erntet in Niedersachsen einen Landessiegerpreis. Allerdings scheint ihre Abhandlung kaum mehr als eine gute "Zweitverwertung" zu sein, denn sie ähnelt verdächtig einem Sammelband, der 2010 zum gleichen Thema erschienen ist.

Der seit 1973 ausgetragene Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten ist der größte historische Forschungswettbewerb für junge Menschen in Deutschland. Er ruft Schüler und junge Studenten auf, Geschichte vor Ort zu erforschen. Den Gewinnern winken in diesem Jahr insgesamt 250.000 Euro, 250 Euro pro Landessieg und 100 Euro für einen Förderpreis. Viel wertvoller aber ist das Renommee, das der Preis mit sich bringt.

Die junge Forscherin sammelt fleißig Wissen - so viel, dass sie "inhaltlich einen Großteil auswendig hätte aufschreiben können. Sobald ich etwas geschrieben hatte, musste ich erst einmal sämtliche Quellen und Bücher wälzen, um eine Stelle zu finden, die meinen Punkt aufführte und auf die ich verweisen konnte", schreibt sie im Bericht zu ihrer Arbeit. Baute sie hier womöglich schon vor, falls am Ende nicht alle übernommenen Stellen quellenbelegt sind?

„Nur“ ein Schülerwettbewerb

Gleich mehrere ihrer Kapitel ähneln im inhaltlichen und strukturellen Aufbau sehr den Aufsätzen, die eine Studentengruppe der Universität Bremen veröffentlicht hat. Im Rahmen des Projektes "Aus den Akten auf die Bühne" hatten sie den Kolomak-Fall umfassend analysiert und für eine szenische Lesung der Bremer Shakespeare Company aufbereitet. Der Begleitband zu eben dieser Lesung scheint die Hauptquelle der (noch) Körber-Preisträgerin zu sein. Zwar verändert der Wettbewerbsbeitrag den Wortlaut jeweils leicht, dennoch stehen manchmal sogar gleiche Zitate an gleicher Textposition. Teilweise wird auf das Buch verwiesen, teils nicht. Im Literaturverzeichnis tauchen kaum andere Quellen auf, als schon die Bremer Studenten genutzt haben. Ein Schelm, wer meint, dass diese Arbeit gut auch ohne intensive Archivarbeit praktisch allein aus der Lektüre jenes Buches hätte entstehen können. Die Bremer jedenfalls sind zu Recht enttäuscht: "Wir haben ein Jahr daran gearbeitet, eigentlich wäre das unser Preis." Allein, sie sind zu alt für den Wettbewerb.

Nach einem Hinweis von außen lässt die Körber-Stiftung die Arbeit derzeit extern gutachterlich prüfen. Der alles entscheidende Sammelband ist nur in gedruckter Fassung erschienen und zudem nicht im freien Handel erhältlich. Er steht in Bibliotheken und kann sonst nur über die Herausgeberin an der Universität Bremen bestellt werden. Ist er zur Hand, braucht es allerdings nur ein paar Stunden des Blätterns, dann fallen die besagten Ähnlichkeiten auf.

Hier geht es um das Verletzen von guten Sitten. Auch medial? Die Medien versuchen, "aus einem mutmaßlichen Fehlerhalten einen Skandal zu machen", schreibt die Körber-Stiftung im Vorwort ihres Magazins "spurensuchen" zum Wettbewerb. Und richtig: "Nicht jeder war eine Aufregung wert!" In der Tat wird dieses Mal kein Doktorhut aberkannt und es rollt auch kein Politikerkopf. Hier geht es "nur" um einen Schülerwettbewerb und auch "nur" um einen Landessieg. Aber dass schon ganz junge Menschen mit geistigem Eigentum anderer Vorteile ergattern wollen ist des Nachdenkens wert. Und sei es nur, weil herauskommt, dass sie vielleicht nicht aufgeklärt genug sind, um zu wissen, was ein Plagiat ist.

Quelle: F.A.Z.
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