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Im Paradies ist es nie mies

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Seit Emile Durkheims berühmter Studie "Le Suicide" von 1897 interessieren sich Soziologen, Psychologen, Mediziner und zunehmend nun auch Historiker für das Phänomen der Selbsttötung. Inzwischen gehört der Suizid zu den bestuntersuchten menschlichen Handlungsweisen. Bereits Durkheim hatte auf breiter statistischer Grundlage versucht, Zusammenhänge zwischen dieser radikalsten individuellen Entscheidung und den sozialen Strukturen des Umfeldes zu ergründen. Er wies nach, dass eine intakte Familie und feste religiöse Einbindung das Suizidrisiko vermindern. Seine Ergebnisse sind auch heute noch nicht überholt, nur spricht man jetzt von "sozialen Netzwerken". Für marxistische Suizidforscher waren meist Fragen nach der beruflichen Situation im Kapitalismus von Interesse, nach Arbeitslosigkeit, wirtschaftlicher Notlage oder Verarmung. Kausalitäten herzustellen ist jedoch bei diesem Phänomen naturgemäß schwierig. Selbsttötung, so der Forschungsstand, entsteht wohl aus einem Zusammenspiel von äußerem Leidensdruck und innerer Suiziddisposition. Im Zeitalter ausgefeilter Statistik lockt jedoch immer wieder der Versuch, Konjunktur und Krise, Aufbruchsstimmung oder politische Repression mit den Suizidraten zu korrelieren.

Die DDR hatte, zum Entsetzen der Machthaber, hinter Finnland die höchste Selbsttötungsrate der Welt: Jährlich nahmen sich 5000 bis 6000 DDR-Bürger selbst das Leben. Laut DDR-Staatsideologie durfte es das nicht geben, galt Selbsttötung doch als typisches Phänomen der kapitalistischen Gesellschaft. Die Konsequenz war eine jahrzehntelange Verschleierung der Statistiken und eine gesellschaftliche Tabuisierung des Themas, wenn auch begleitet von intensiven Präventionsbemühungen. Die Tabuisierung schuf jedoch erst das Übel, das sie verhindern wollte: Es entstanden innerhalb der DDR immer wieder Gerüchte, die hinter unklaren Todesfällen politischen Mord oder Selbstmord vermuteten. Auch für bundesrepublikanische Forscher lag diese Schlussfolgerung im Zeichen der deutsch-deutschen Systemkonkurrenz nahe.

Udo Grashoff geht hier auf intelligente und überzeugende Weise neue Wege und kommt zu ebenso überraschenden wie faszinierenden Schlüssen. Die Makroebene der Statistiken wird in seinem Buch durch die Mikroebene der Einzelfallanalysen und die aufschlussreiche Diskursebene ergänzt, historische Argumentation zu psychologischen und medizinischen Erkenntnissen in Bezug gesetzt; damit ist das Buch auch ein Beleg für die Erträge interdisziplinären Arbeitens.

In einem ersten quantifizierenden Teil untersucht der Autor die Ursachen und die Häufigkeit von Selbsttötungen in der SBZ/DDR, er betrachtet die Entstehung der Selbstmordstatistik, die Lebensbedingungen, die protestantische Tradition sowie die Suizide in DDR-Gefängnissen und in der "Nationalen Volksarmee" - dies sowohl auf der Makro- wie auf der Mikroebene. Überaus spannend liest sich dann das Kapitel, in dem scheinbar eindeutig "politische" Einzelfälle neu betrachtet werden, so Suizide von nichtmarxistischen Geschichtswissenschaftlern wie Karl Griewank, von Bauern während der Zwangskollektivierung, ebenso die Suizide nach dem Mauerbau oder nach dem Mauerfall. Das Ergebnis: Bereits im 19. Jahrhundert lagen die Selbsttötungsraten in dem protestantisch geprägten Gebiet der späteren DDR höher als im westlichen, vielfach katholischen Teil des Deutschen Reiches. Außer einer tatsächlich katastrophalen Selbstmordwelle zu Kriegsende beim Einmarsch der sowjetischen Truppen, gab es den unterstellten massiven Einfluss politisch-gesellschaftlicher Rahmenbedingungen auf die Suizidrate nicht. Das Ansteigen und Absinken dieser Rate ist wohl eher Teil weltweiter Trends als ein Produkt der DDR-Gesellschaft.

In seinem zweiten Teil, "Zwischen Tabu und Fürsorge", wendet sich der Autor dann dem Umgang mit den Selbsttötungen zu. "Selbstmord", wie der Suizid lange hieß, ist immer zutiefst mit moralischen Bewertungen verbunden: Er gilt im Katholizismus als "Todsünde", im evangelischen Bereich zumindest als schimpflich, und ist auch für die Angehörigen oft mit moralischer Schuld verbunden. Suizidversuche wurden vielfach, so auch in der Nationalen Volksarmee der DDR, hart bestraft. Selbsttötungen und der Umgang damit liegen auf zwei verschiedenen Ebenen. Grashoff kommt daher für die DDR zu dem Resümee: "Der Umgang mit Selbsttötungen war wesentlich stärker als die Höhe der Selbsttötungsrate durch die SED-Diktatur geprägt. Die SED verschärfte die Geheimhaltung selbst dann, wenn politische Ursachen für den Anstieg der Selbsttötungsrate eher unwahrscheinlich waren, weil sich aus dem ideologischen Kausalnexus von Sein und Bewusstsein nahezu zwangsläufig die Schlussfolgerung ergab, dass Anstiege der Selbsttötungsrate soziale Ursachen haben müssten".

In der Suizidforschung, dies zeigt die Arbeit von Grashoff, gibt es keine einfachen Erklärungen. Die öffentliche Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz am 18. August 1976 in Zeitz war wohl tatsächlich ein Einzelfall.

MARITA KRAUSS

Udo Grashoff: "In einem Anfall von Depression . . ." Selbsttötungen in der DDR. Ch. Links Verlag, Berlin 2006. 450 S., 29,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.08.2007, Nr. 186 / Seite 6
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