Rezension: Sachbuch

Erfahrungsgesättigtes Lernen

02.05.2001
, 12:00
Karl Dietrich Bracher: Vorbild für Zeithistoriker und Politikwissenschaftler in der Bundesrepublik
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Karl Dietrich Bracher: Geschichte als Erfahrung. Betrachtungen zum 20. Jahrhundert. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart/München 2001. 320 Seiten, 54,- Mark.

Karl Dietrich Brachers große Werke über Deutschland und Europa im 20. Jahrhundert sahen sich stets flankiert von Aufsatzsammlungen. Darin legte er seine Forschungen, Erkenntnisse und auch Empfehlungen zu historischen Einzelthemen und politischen Vorgängen und Entwicklungen in der deutschen und der europäischen Politik seiner Gegenwart dar. Vier oder fünf solcher Sammelbände gab es im Lauf der Zeit, zuletzt 1992 die "Wendezeiten der Geschichte". In ihnen präsentiert sich Bracher als ein Gelehrter von Rang, der seine wissenschaftliche Arbeit bewußt in den Dienst der historischen und politischen Bildung der Nation stellt.

In seinem jüngsten Buch präsentiert Bracher auf der Basis einer fruchtbaren lebenslangen Forschungstätigkeit seine Einsichten und Ansichten über das soeben vergangene 20. Jahrhundert sowie die daraus zu gewinnenden Erfahrungen. Das Thema wird nach verschiedenen Seiten hin entfaltet, wobei stets aktuelle Fragestellungen, wie sie sich seit der epochalen Zäsur von 1989/90 ergeben, zum Anlaß für die historische Aufarbeitung genommen werden. Dies betrifft zum Beispiel die Frage, ob das Zeitalter der Ideologien - jener verführerischen und zerstörerischen geistigen Bewegungen des alten Jahrhunderts - wirklich zu Ende sei. Dafür spricht einiges, was jedoch nur dann gilt, wenn das historische Bewußtsein Deutschlands und der vom Kommunismus befreiten europäischen Völker aus den Erfahrungen mit dem Jahrhundert der Ideologien und des Totalitarismus die notwendigen Lehren zu ziehen vermag. Bracher nennt dies "erfahrungsgesättigtes Lernen". Er hat sich immer auch als politischer Pädagoge verstanden, nie nur als historischer Berichterstatter sine ira et studio. Er ist nicht allein daran interessiert zu erforschen, wie ein historischer Vorgang gewesen ist, sondern was aus ihm gelernt werden kann.

Das Jahrhundert, zu dessen historischer Kenntnis er wichtige Beiträge geleistet hat - insbesondere über die Ursachen des Scheiterns der Weimarer Republik, über die nationalsozialistische Machtergreifung und die totalitäre Diktatur -, gipfelte im gegenseitigen Vernichtungskampf der beiden Weltkriege mit ihren Millionen Opfern. Es vermittelte die furchtbarsten Erfahrungen, die Menschen und Völker mit der Politik, ihren Ideologien und deren Waffen machen können. Folglich wollte Bracher - wie die meisten seiner westlichen Kollegen - herausarbeiten, wie es dazu kommen konnte. Eine für ihn besonders wichtige Erkenntnis war die historische Schlüsselrolle des Ersten Weltkrieges für die weitere Geschichte des 20. Jahrhunderts. Mit ihm habe jene Brutalisierung der Politik begonnen, die für das spätere Geschehen bis hin zu den Gaskammern von Auschwitz so kennzeichnend wurde.

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Es war diese durch richtungweisende historische Aufklärung unterstützte Erfahrung, die Bracher auch zum genauen und kritischen Analytiker und Beobachter der deutschen Entwicklung nach der Katastrophe von 1945 werden ließ. So hat er als historisch versierter Politikwissenschaftler bei der Erforschung und kritischen Beurteilung des politischen Lebens in der neuen Bundesrepublik - jenem schicksalsträchtigen zweiten Versuch, in Deutschland eine Demokratie zu errichten - eine wichtige Rolle gespielt. Er wurde so zu einer bedeutsamen geistigen Instanz bei der Beantwortung der immer wieder gestellten Frage, ob die Bundesrepublik stabil genug sei oder in der Gefahr sei, als Demokratie zu versagen.

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In dem neuen Buch kommt auch dieses Thema in dem Beitrag "Bonn war nicht Weimar" zur Sprache. Es verdient Erwähnung, daß Bracher in der europäischen Einbindung der Bundesrepublik und in ihren internationalen Beziehungen eine wichtige Voraussetzung für die dann erfolgte innere und institutionelle Verankerung der zweiten deutschen Demokratie sieht.

Brachers Lebenswerk dient dem Ziel und der Verpflichtung, geschichtliches Wissen und historische Erfahrung für die Bewältigung der politischen Probleme der Gegenwart heranzuziehen und zur Geltung zu bringen. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn man in ihm den idealtypischen Repräsentanten einer politischen und zeithistorischen Wissenschaft sieht, die dem entspricht, was die Bundesrepublik Deutschland, sofern sie eine Idee von sich hat, verkörpern sollte. Darin ist er den Nachgeborenen ein Vorbild.

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Brachers Weg in Richtung auf diesen Idealtypus war nicht vorgezeichnet. Er hatte nicht neuere, sondern alte Geschichte in Tübingen studiert. Erst durch seine Mitgliedschaft im neugegründeten Institut für politische Wissenschaft in Berlin (1950) konnte er an seinem wichtigsten Projekt über "Die Auflösung der Weimarer Republik" arbeiten. Das 1955 veröffentlichte Buch machte ihn international bekannt, obwohl es damals nicht den Beifall von Vertretern der historischen "Zunft" fand. Sie stuften den ersten Teil - eine politologische Analyse der Weimarer Machtverhältnisse - als unpassend ein, obwohl gerade diese Analyse für das Verständnis der realen politischen Vorgänge unverzichtbar war. So kam es bei Bracher zu jener gelungenen wissenschaftlichen Synthese zwischen "Geschichte und Politik", die sein Werk bis heute auszeichnet.

Das Buch schließt mit einem ausführlichen Interview, das Werner Link mit großer Sachkenntnis geführt hat. Es ist eine aufschlußreiche Quelle für die Herkunft, den wissenschaftlichen Werdegang und die historisch-politischen Positionen Brachers. Am Ende spricht er von der Verpflichtung, "wenigstens in einem Teil der Menschheit die Werte zu verankern, für welche die westlichen Demokratien nach 1945 unablässig und nicht zuletzt aus Erfahrung mit den großen Katastrophen und Verbrechen unseres Jahrhunderts eingetreten sind . . . Hier liegen . . . Aufgaben einer auch praktisch verstandenen Politikwissenschaft auf geschichtlicher Basis, die mögliche Hilfestellungen für demokratische Politik leisten will und kann, ohne zur Magd der Politik zu werden." Ebendies hat er beispielhaft vorgelebt.

KURT SONTHEIMER

Geschichte als Erfahrung

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.05.2001, Nr. 101 / Seite 11
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