<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Rezension: Sachbuch

Gegen den Strom

 - 12:00

Eike Geisel: Triumph des guten Willens. Gute Nazis und selbsternannte Opfer. Die Nationalisierung der Erinnerung. Critica Diabolis 75. Herausgegeben von Klaus Bittermann. Edition TIAMAT, Berlin 1998. 207 Seiten, 30,- Mark.

Ein Achtundsechziger der üblichen Sorte ist der kürzlich verstorbene Eike Geisel trotz seines Geburtsjahres 1945 nicht geworden. Klaus Bittermann, Herausgeber des letzten Bandes aus Geisels Feder, begründet es in seinem Nachwort: Geisel, so schreibt er, "hatte sich nicht auf den langen Marsch durch die Institutionen begeben, um eine A13-Stelle mit Pensionsanspruch zu ergattern. Er mochte sich nicht damit abfinden, daß mit dem schleichenden Einrichten der ehemaligen Genossen in der Bundesrepublik der freiwillige Verzicht auf Kritik an ihr einherging."

Nicht nur durch die verschmähte bürgerliche Karriere hat Geisel sich als Einzelgänger erwiesen. Während seine Altersgenossen sich auf ihren langen Marsch zu einer kurzlebigen Wende machten, ging er bereits zu Beginn der sechziger Jahre nach Israel, arbeitete in einem Kinderheim bei Haifa und lernte Hebräisch. Er tat das weder als Mitglied der Aktion Sühnezeichen noch im Namen einer Wiedergutmachung, an deren Möglichkeit er nicht glaubte, sondern als der schonungslose Kritiker, der er von Anfang an gewesen ist - er suchte den Ort auf, an dem die Misere seiner deutschen Nachkriegsexistenz ihre Wurzeln hatte, und an diesem Ort sammelte er seine Erfahrungen.

Auch Geisel hat Walter Benjamin gelesen und Adorno und besonders Hannah Arendt; aber anders als die Neue Linke hat er sie immer als Juden verstanden, denen ihr Deutschtum schlecht bekommen ist. Für ihn bildete das deutsch-jüdische Verhältnis die Tiefenstruktur einer unrettbar verlorenen Welt, und deshalb war man in Deutschland nie bereit, sich in Geisels politischen und gesellschaftlichen Analysen wiederzuerkennen.

Verdrängungen registriert er nicht nur bei Deutschen, sondern auch bei Juden. Schon sein erstes Buch - "Im Scheunenviertel" (1981) - erinnert an Berlins ostjüdisches Proletariat, das dem assimilierten jüdischen Mittelstand der Hauptstadt immer ein Dorn im Auge gewesen ist. Und sein letztes, 1992 mit Henryk M. Broder geschriebenes Buch - "Premiere und Pogrom. Der jüdische Kulturbund 1933-1941" - entlarvt das Wunschziel zahlreicher Juden als tödliche Fata Morgana. Sein letzter Band beklagt Verlogenheiten im wiedervereinigten Deutschland, das nun den Schlußstrich ziehen wolle. Unwiderrufliches Muster des falschen Lebens in der Bundesrepublik ist für ihn die ultimative Lüge, die man in den KZs praktizierte. Den Opfern, so schreibt er im Vorwort zu einem Tagebuch aus dem Zwischenlager Westerbork, ließ man "das bloß noch eingebildete Dasein auf einem Stück Papier. In Westerbork kursierten Listen der verschiedensten Art, auf denen die Häftlinge ein fiktives Dasein in der Hoffnung führten, mit dieser Scheinexistenz ihr wirkliches Leben zu verteidigen. Eine Liste - Spielmaterial des deutschen Sicherheitsdienstes, der untergetauchten Juden und deren Besitztum auf die Spur zu kommen suchte - führte Namen von begüterten Juden auf, die emigrieren und dafür bezahlen wollten. Letztlich aber gab es nur eine verläßliche Liste: Die Transportbücher der Lagerverwaltung."

Überall erkennt Geisel den Fluch der bösen Tat. Wie das Leben der einstigen Opfer sieht er auch die Existenz der Spätgeborenen als Scheinleben. Da sie die Wahrheit nicht ertragen könnten, entfalteten sie ihr eigenes Lügensystem, fänden etwa in "Schindlers Liste", was sie immer gesucht hätten: den Nationalsozialismus mit menschlichem Antlitz. "Das Happy- End kommt farbig daher", heißt es über den Spielberg-Film. "Der rosige Schimmer am Horizont der Massenvernichtung heißt Israel. Ghetto, Lager und Massenmord erscheinen damit als verschiedene Vorstufen der Errettung, als Fegefeuer vor der Erlösung. In dieser Teleologie sind die Nazis der verlängerte Arm Gottes."

Gut und Böse seien ausgetauscht, eine umgekehrte Eschatologie, in der nun auch Deutsche gerne als Juden aufträten. Der Streit um das Holocaust-Denkmal geht für Geisel um "den Stein der Waisen, die endlich ihre Eltern gefunden haben"; die endlose Diskussion sei "spiritueller Kannibalismus, in dem Angehörige eines wilden Stammes den getöteten Feind verspeisen, um dessen eingebildete Qualitäten auf sich selbst zu übertragen". Eine "Neigungsjüdin" - die zu Lea verwandelte Fernsehjournalistin Edith Rosh - spiele dabei eine Hauptrolle: "Sie unternahm den erfolgreichen Versuch, die toten Juden unter deutsche Vormundschaft zu bringen. Und wenn man heute in Deutschland das Wort Holocaust hört, denkt man unwillkürlich an eine GmbH unter dem Vorsitz von Lea Rosh."

Bei dem amerikanischen Juden Steven Spielberg borge man sich gute Nazis aus, den noch fehlenden Stein im Mosaik der deutschen Selbsterlösung habe der amerikanische Jude John Sack ein: böse Juden. Sein Buch über die Nachkriegsrächer liefert blutrünstige Schilderungen von Aktionen, die denen der SS-Schergen in nichts nachstehen. Geisel zitiert Sacks grausame Darstellung des Massakers im Lager Lamsdorf und fügt dann eine Korrektur an: "Erst achtzig Seiten später und in einem Wust von unlesbaren Anmerkungen findet sich ein Hinweis auf die Identität des Lagerkommandanten: es handelte sich um einen katholischen Polen."

Unter dem Titel "Antisemitische Rohkost" erschienen Geisels Korrekturen im Januar 1995 in der "Frankfurter Rundschau". Sie trugen dazu bei, daß der Piper Verlag das Buch kurz vor der deutschen Veröffentlichung zurückzog und es dem Hamburger Kabel Verlag überließ. Solche Eingriffe machten den Autor in Deutschland wenig beliebt, aber sein essayistisches Werk ging über den Anlaß des Tages hinaus. Es nahm die Kritische Theorie noch einmal ganz wörtlich und ehrte damit ein Erbe des deutschen Judentums.

JAKOB HESSING

Triumph des guten Willens

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.06.1998, Nr. 126 / Seite 9
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDeutschlandBerlinRezensionWalter BenjaminHannah Arendt