Widerstand gegen den Zeitgeist

20.04.2009
, 12:00
Was heißt und wozu betreiben wir Politikwissenschaft? Auf diese Frage konnte der 1922 geborene Karl Dietrich Bracher, der das Scheitern der Weimarer Republik in existentieller Unmittelbarkeit miterlebt hatte, noch eine eindeutige Antwort geben. Die Politikwissenschaft hatte aufzuklären und ein politisches Bewusstsein ...
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Was heißt und wozu betreiben wir Politikwissenschaft? Auf diese Frage konnte der 1922 geborene Karl Dietrich Bracher, der das Scheitern der Weimarer Republik in existentieller Unmittelbarkeit miterlebt hatte, noch eine eindeutige Antwort geben. Die Politikwissenschaft hatte aufzuklären und ein politisches Bewusstsein zu entwickeln, damit die Bonner Demokratie nicht wie die erste deutsche Demokratie endete, die liberale Demokratie nicht wieder in eine totalitäre Diktatur umschlug. Dieser Impetus stand auch hinter seiner schon bald zum Klassiker gewordenen Pionierstudie "Die Auflösung der Weimarer Republik", die Bracher, der seine Karriere als ein an den Werken Thukydides geschulter Althistoriker begonnen hatte, als ein "typisches Modell für die Probleme der Erringung und Erhaltung, des Abbaus und Verlusts politischer Macht" verstanden wissen wollte. Die Kontroverse, die die Arbeit bei ihrem Erscheinen 1955 auslöste, verweist auf den Gegensatz einer Geschichtswissenschaft, die noch einer National- und Staatsideologie obrigkeitlicher Prägung verhaftet war, und einer Zeitgeschichte, die sich der Politikwissenschaft westlich-liberaldemokratischer Herkunft öffnete. Während der Historiker Werner Conze in Brüning den letzten Kanzler vor der Auflösung der Weimarer Demokratie sah und dem Parteienstaat große Schuld an deren Scheitern zumaß, interpretierte Bracher die von Brüning betriebene Politik der Notverordnungen als eine Rückkehr des bürokratischen Obrigkeitsstaates, als ein Präludium für die Machtübernahme der Nationalsozialisten.

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Bracher hatte drei Jahre als Kriegsgefangener in den Vereinigten Staaten verbracht, als Postdoktorand ein Jahr in Harvard studiert und am Berliner Institut für Politische Wissenschaft eng mit dem aus Amerika zurückgekehrten Emigranten Ernst Fraenkel zusammengearbeitet. Und er verstand wie die meisten Vertreter des Faches in den fünfziger Jahren Politikwissenschaft als "Wissenschaft der Demokratie, jener politischen Lebensform, die nicht einfach in formalen Staatseinrichtungen besteht, sondern in dem Willen und Vermögen der Nation, einen maßgebenden und selbstbewussten Einfluss auf die Staatsgeschäfte zu gewinnen". Zugleich begriff Bracher die neue, noch um ihre Anerkennung ringende Disziplin als eine Integrationswissenschaft, die die Rückkoppelung mit Nachbardisziplinen wie der Philosophie, der Geschichte, der Rechtswissenschaft und der Ökonomie suchen müsse. Seine große innovative Leistung lag in dem Brückenschlag von der Zeitgeschichte zur Politikwissenschaft, in der Verbindung von Strukturanalyse, Ereignisgeschichte und ideenpolitischer Theoriebildung.

Mit dieser Verknüpfung von Zeitgeschichte und Politikwissenschaft prägte Bracher die Bonner Tradition der Politikwissenschaft, seit er dort 1959 den ersten Lehrstuhl für Wissenschaft von der Politik übernahm, der auf seinen Wunsch schon bald in Lehrstuhl für Wissenschaft von der Politik und Zeitgeschichte umbenannt wurde. Der Bonner Ordinarius verhehlte nicht die pädagogische Mission des neuen Faches, das er lehrte, hatte doch die Kapitulation der Wissenschaft vor dem Nationalsozialismus deren Unfähigkeit zur politischen Urteilsbildung demonstriert und damit die Notwendigkeit von politischer Bildung.

Dass Bracher trotz zahlreicher Rufe an in- und ausländische Universitäten dem Bonner Lehrstuhl bis zu seiner Emeritierung 1987 die Treue hielt, dürfte sich der unmittelbaren Nähe zur großen Politik verdanken. Der Großmeister der Zeitgeschichtsforschung und Politikwissenschaft war ein häufiger Gesprächspartner von Journalisten und Politikern über alle Parteigrenzen hinweg. Ulrike Quadbeck allerdings schwankt in ihrem Urteil über Brachers Rolle in der politischen Öffentlichkeit und seine politische Beratertätigkeit. Einerseits schreibt sie, dass Bracher nur "selten ins politische Geschehen der Bundeshauptstadt" eingriff, wenig "politischen Aktivismus" ausstrahlte, vielmehr ein "Gelehrter war und blieb". Andererseits nennt sie das Bonner Politikwissenschaftliche Seminar eine Art "Clearing-Stelle für Politik in der Bundeshauptstadt". Fest steht, dass sich Bracher nie gescheut hatte, in den großen politischen Auseinandersetzungen Stellung zu beziehen.

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In den fünfziger und sechziger Jahren, als ihm, der nie einer Partei angehörte, noch der Ruf anhaftete, ein Linksliberaler oder gar ein "Roter" zu sein, hatte er zu den Kritikern der nach seinem damaligen Dafürhalten autoritären Kanzlerdemokratie Adenauers gezählt und in Übereinstimmung mit den revoltierenden Studenten die Notstandsgesetze angegriffen, die nach seiner Einschätzung Einbruchstellen für autoritäre, bürokratische und militärische Eingriffe enthielten. Für "schwer verständlich" hält die Autorin Brachers Gedenkrede auf Benno Ohnesorg, in der er ein Recht auf Kritik und Opposition einklagte und die Springer-Presse mit der Hugenberg-Presse verglich.

Bracher stand auf der Seite der Studenten, solange er in ihrem Protest eine Revolte gegen den Obrigkeitsstaat zu sehen vermochte. Sein anfängliches Verständnis für die revoltierenden Studenten schlug jedoch in radikale Ablehnung um, als Linksradikale auch vor Gewalt nicht mehr zurückscheuten und in der Politikwissenschaft neomarxistische Theorien breiten Zuspruch fanden, die durch einen ausufernden Faschismusbegriff einer Bagatellisierung kommunistischer Diktaturen wie auch des Nationalsozialismus Vorschub leisteten. Brachers Warnungen vor einer Verdrängung der Totalitarismustheorie durch den Faschismusbegriff und der intellektuellen Verführung durch für überholt geglaubte Ideologien und Weltverbesserungspläne wurden in den siebziger und achtziger Jahren Legion. Sein Widerstand gegen den Zeitgeist tat seinem überragenden Renommee keinen Abbruch; davon zeugt die große Anzahl von 130 Doktoranden, die von Bracher promoviert wurden, und von 200 Magisterkandidaten, die bei ihm die Prüfung ablegten.

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Da Frau Quadbeck nur einen restriktiven Zugang zu den einschlägigen Quellen hatte, führte sie zahlreiche Interviews mit Bracher selbst wie auch mit seinen Schülern, Kollegen und Wegbegleitern, die die Darstellung durchaus beleben, wenn man auch davon ausgehen kann, dass nicht jeder Schüler und Kollege immer alles sagte, was er dachte. Dass die Lektüre der Arbeit keine reine Freude ist, liegt vor allem daran, dass die Autorin ihren Stoff nicht zu strukturieren versteht, so dass chronologische und systematische Zusammenhänge auseinandergerissen werden, der Erzählfluss durch zahlreiche Exkurse gestört wird und unzählige Wiederholungen ermüdend wirken. Einige Stilblüten sorgen hingegen für Erheiterung. So liest man beispielsweise: "Die Professorenschaft entwickelte sich zu einer massenhaften Erscheinung." Mit einigem Sarkasmus könnte man hinzufügen: Massenhaft ist die Zahl der Dissertationen, die von Doktorvätern und -müttern nicht mehr betreut werden.

PETRA WEBER

Ulrike Quadbeck: Karl Dietrich Bracher und die Anfänge der Bonner Politikwissenschaft. Nomos Universitätsschriften, Baden-Baden 2008. 436 S., 69,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.04.2009, Nr. 91 / Seite 7
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