Wir brauchen nur Diäten

21.12.2005
, 12:00
"Dieses spitznasige Pergamentgesicht, dieser Pater Filucius", schmähte Carl von Ossietzky, Herausgeber der "Weltbühne", 1930 Heinrich Brüning, den letzten parlamentarisch gewählten Reichskanzler der Weimarer Republik: zu einer Zeit, als die verbliebenen Anhänger von Recht und Freiheit allen Grund gehabt hätten, ihre Wut ganz auf die NSDAP zu konzentrieren.
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"Dieses spitznasige Pergamentgesicht, dieser Pater Filucius", schmähte Carl von Ossietzky, Herausgeber der "Weltbühne", 1930 Heinrich Brüning, den letzten parlamentarisch gewählten Reichskanzler der Weimarer Republik: zu einer Zeit, als die verbliebenen Anhänger von Recht und Freiheit allen Grund gehabt hätten, ihre Wut ganz auf die NSDAP zu konzentrieren. Aber das Negativ-Image Brünings - diese Mischung von bürokratischer Blutleere und jesuitischer Tücke - vereinte alle herkömmlichen linksliberalen Horrorbilder. Daher konnte sich ein Ossietzky so gut auf ihn einschießen. Am witzigsten kämpft die Satire oft gegen die Feinde von gestern.

Gerade der "Weltbühne" Ossietzkys wird Hellsichtigkeit gegenüber der nationalsozialistischen Gefahr nachgerühmt. Und doch: Noch 1931 verhöhnte Ossietzky Hitler als "feige, verweichlichte Pyjamaexistenz" und "schnell feist gewordenen Kleinbürger"; dieser habe nicht den Schneid, die ihm durch den lawinenartigen Anstieg der NSDAP zugewachsene Chance wahrzunehmen und einfach loszuschlagen, also den Griff nach der Macht zu wagen. Nicht daß er ein schlechter Demokrat sei, machte Ossietzky Hitler zum Vorwurf, vielmehr einen Mangel an Mut und Brutalität: Der angebliche "Führer" sei kein wahrer Führer. Im Grunde also eine hyperfaschistische Kritik, die Hitler darin bestärken mußte, daß er gar nicht rücksichtslos genug sein konnte, um nicht nur seinen Gefolgsleuten, sondern auch seinen Gegnern zu imponieren. Zugleich wird in peinlicher Weise deutlich, wie Ossietzky das politische Getriebe der Weimarer Republik dermaßen verabscheut, daß er fast um jeden Preis eine radikale Veränderung herbeisehnt.

Bereits Kurt Sontheimer hatte in seinem Klassiker "Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik" (1962), der sich mit der Demokratiefeindschaft der nationalistischen Rechten befaßte, zu erkennen gegeben, daß auch die intellektuelle Wühlarbeit der extremen Linken gegen die Weimarer Demokratie ein weites Feld sei, mit der "gnadenlosen und höhnischen Aburteilung der deutschen Demokratie" durch Kurt Tucholsky als besonders üblem Exempel. Dabei ist dessen Gedicht von 1920, als die Zukunft der Weimarer Republik noch offen war, eines der eher harmlosen, noch halb humorigen Beispiele: "Der Schmerbauch, der im Reichstag sitzt, / trieft von des ,Volkes Würde'. / Die Brille rutscht. Der Brave schwitzt. / Trägt schwer an seiner Bürde. / Zum Teufel mit den Räten! / Wir brauchen nur Diäten! / Und Herrn im steifen Oberhemd / Im Pi-Pa-Parlament."

Riccardo Bavaj, Jahrgang 1976, der diese Reimerei zitiert, sucht nun mit seinem Buch das auf die Linke gerichtete Pendant zu Sontheimer zu präsentieren. Er handelt von "antiparlamentarischem", nicht von antidemokratischem Denken: Ein zumindest verbales Bekenntnis zur Demokratie war auf der Linken allgemein, wenn die Geschichte auch gezeigt hat, daß die radikale Linke für die totalitäre Versuchung nicht weniger anfällig war als die Rechte. Zumindest ein gedankliches Grundmuster hatten beide Seiten, wenn auch in unterschiedlichem Jargon formuliert, miteinander gemein: die auf Rousseau zurückgehende Vorstellung, es gebe tatsächlich "das Volk" als einen zu einem gemeinsamen Willen fähigen Akteur, der keine Repräsentanten brauche, ja dessen Wille durch repräsentative Organe nur verfälscht werde. An neuere Forschungen anknüpfend, glaubt Bavaj, es lohne sich, "das Phänomen von ,Austauschdiskursen' zwischen rechter und linker Intelligenz" stärker ins Blickfeld zu rücken - entsprechend der Blödelei von Ernst Jandl, daß sich "lechts und rinks" mitunter "velwechsern".

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Der Führerkult trieb bei den Kommunisten nicht geringere Exzesse als bei den Faschisten, nahm aber nicht in gleichem Maße ideologische Form an. Wie einst Otto-Ernst Schüddekopf in seinen "Linken Leuten von rechts" (1960) zeigte, gab es während der Weimarer Republik zwischen der radikalen Linken und der radikalen Rechten Fluktuationen, personelle wie ideelle; insgesamt allerdings wurde die Polarisierung zwischen rechts und links deutlich starrer, als sie das unter den Intellektuellen vor 1914 gewesen war, als Nietzsche - der hier nur noch sporadisch vorkommt - von radikalen Neuerern wie von Neu-Rechten verehrt wurde. Bavaj präsentiert über 500 Seiten eine Zitatenkaskade von linkem Antiparlamentarismus, tut sich jedoch schwer damit, gedankliche Grundmuster herauszuarbeiten. Schon die Gliederung des Buches zeugt von der Mühsal, in die Zitatenmasse eine Struktur hineinzubringen. Die Zergliederung nach "Parteienlandschaft" und "Kulturleben" ist gerade in der Linksintelligenz teilweise recht künstlich; Organisationen wie die KPD rangieren auf gleicher Ebene neben Einzelpersönlichkeiten wie Karl Korsch und Georg Lukács.

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Die Räte von 1918/19 spielten im linken Antiparlamentarismus eine geringere Rolle, als viele von dem neuen Räte-Mythos der "Apo" der sechziger Jahre her erwarten würden: Wie neuere Forschungen zeigten, war das Gros der bei Kriegsende entstandenen Räte vorwiegend eine aus der Not geborene Improvisation, die nicht als Alternative zum Parlament gedacht war. Weitaus wichtiger war der letztlich auf Rousseau zurückgehende Mythos des zu einem einheitlichen Willen und vereinter Aktion fähigen Proletariats. Auch die kommunistischen Führer glaubten allerdings im eigenen Interesse, daß das Proletariat eine Repräsentation, eine "Avantgarde" brauche. Im übrigen waren der radikalen Linken eine harmonistische Vorstellung vom "Volk" und eine entsprechende Abscheu vor dem Parteikampf im allgemeinen fremd. Daher kristallisiert sich aus der Vielzahl linker Polemiken gegen den Weimarer Politikbetrieb doch insgesamt nur fragmentarisch ein antiparlamentarischer "Diskurs" heraus. Entsprechende Schwierigkeiten hat Bavaj damit, seinem langen Sündenregister einen "roten Faden" zu geben.

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Vermutlich hätte es sich gelohnt, manche Ansätze konsequenter zu verfolgen, wenn Bavaj etwa bei manchen Linksintellektuellen eine Radikalisierung "allein um der Pointe willen" beobachtet. Ein hochaktuelles Phänomen: Wo es keine praktische Verantwortung gibt, besteht stets die Tendenz, daß ein für die Praxis irrelevanter Verbalradikalismus die pragmatische Bedächtigkeit übertrumpft. Ein Standardmotiv der Kritik an der Weimarer Demokratie - von rechts wie von links, ja sogar aus der Mitte - war die Klage, diese Republik sei so grau, so farblos, so langweilig. Auch bei diesem Motiv lohnt es sich, zu verweilen: ein Beleg dafür, wie die Wahrnehmung der Politik durch die Massenmedien imprägniert wird, so als ob nicht die Erhaltung von Frieden und Lebenschancen die Aufgabe der Politiker sei, sondern, dafür zu sorgen, daß "immer etwas los" ist. In der Tat, dieses schon von Wilhelm II. genährte Bedürfnis verstand Hitler besser zu befriedigen als die Weimarer Politiker.

Bavaj neigt dazu, unter der Rubrik "Antiparlamentarismus" Parlamentarismuskritiken unterschiedlicher Art in einen Topf zu werfen. Nachdenkliche Geister wie Erich Mühsam und Ernst Toller, die relativ früh zu einer für ihre Zeit hellsichtigen Beurteilung der nationalsozialistischen Bewegung hingelangten, stehen als politische Denker auf anderem Niveau als Apparatschiks der KPD und auch als Tucholsky oder Kurt Hiller, die immerzu witzig und pointiert sein wollten. Tollers Zeitrevue von 1927 "Hoppla, wir leben" läßt sich entgegen der Tendenz dieses Buches mindestens so sehr als Ausdruck der Lebendigkeit jener Zeit denn als Sargnagel zur Weimarer Demokratie verstehen.

Nicht jede Kritik am aktuellen Parlamentsbetrieb zeugt von Demokratiefeindschaft, ganz im Gegenteil: Die Demokratie braucht solche Kritik. Bereits Max Weber schilderte, daß die großstädtischen Parteibosse in den Vereinigten Staaten in typischen Fällen eine gewisse Ähnlichkeit mit Gangsterbossen hätten. Es hat der Stabilität der bundesdeutschen Demokratie nicht geschadet, daß sie von Anbeginn permanent von Kabarettisten und Karikaturisten verulkt wurde. Für den Weber-Schüler Theodor Heuss, der auf weise Art aus seinen Erfahrungen in Weimarer Parlamenten und im "Dritten Reich" lernte, war es die Wunde seines Lebens, daß er dem Fraktionszwang nachgegeben und 1933 für das Ermächtigungsgesetz gestimmt hatte. Dem Bundespräsidenten der Jahre 1949 bis 1959 war stets bewußt, daß sich "Demokratie als Lebensform" - und auf diese kommt es an - nicht mit einer Alleinherrschaft der Parteien verträgt, sondern couragierte Bürger erfordert, die sich aus eigener Verantwortung in die Politik einmischen. So gesehen, machen ein Mühsam oder ein Toller keine gar so üble Figur. Derartige Reflexionen zur Bewertung der Kritik vermißt man häufig in dem ansonsten informationsreichen Buch.

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JOACHIM RADKAU

Riccardo Bavaj: Von links gegen Weimar. Linkes antiparlamentarisches Denken in der Weimarer Republik. Verlag J. H. W. Dietz Nachf. GmbH, Bonn 2005. 535 S., 38,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.12.2005, Nr. 297 / Seite 7
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