50 Cent in Frankfurt

King Kong oder Chandon?

Von Uwe Ebbinghaus
30.06.2022
, 20:38
Neunzig Minuten Schwerstarbeit: Der Rapper 50 Cent tritt nach fast fünfzehn Jahren wieder in Fankfurt auf.
Der stärkste Mann in der Frankfurter Festhalle steht auf der Bühne: 50 Cent, inzwischen ein alter Zirkusbär des Rap, will es nochmal allen zeigen.
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Wenn man sagt, der gestrige Auftritt von 50 Cent in der Frankfurter Festhalle sei um Längen besser gewesen als der in der Halbzeitpause des Superbowl zu Beginn des Jahres, heißt das noch nicht viel. In der gigantischen, von Dr. Dre, Eminem und Snoop Dogg angeführten Nummernrevue, die von vielen als letzter Beweis für die Dominanz des Hip Hop im amerikanischen Mainstream begrüßt wurde, kam 50 Cent als letzter an die Reihe und hing, als die Musik seines größten Hits „In Da Club“ erklang, zunächst in einem Bühnenkubus etwas hilflos von der Decke herab, als habe er gerade einen Haushaltsunfall erlitten. Die choreographische Anspielung auf das Video von damals ging schon dadurch verloren, dass unter dem dunklen Shirt vom früheren Sixpack nicht mehr viel zu sehen war.

Endlich auf den Füßen gelandet, tapste er zwischen den Tänzerinnen wie ein blinder Bär durch die Manege, von der alten Leichtigkeit, den kurzen Hüftschwüngen, war nichts mehr zu sehen. Aber er ist ja auch schon 46 Jahre alt, dachte man sich, dem Tod mehrfach von der Schippe gesprungen und hat seit Jahren kein neues Album mehr herausgebracht, von der Bühne war er fast ganz verschwunden. Zuletzt hatte er den Geschäftsmann herausgekehrt, er produziert Musik, zum Teil recht erfolgreiche Serien und Showformate, verkauft seinen eigenen Cognac und Champagner.

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Doch nach der Halbzeitpause mag in dem passionierten Hobbyboxer, der das Bild des muskelbepackten Rap-Sängers wie kein zweiter prägte, der Gedanke aufgekeimt sein, es nochmal allen zu zeigen – die Ur-Dramaturgie im Hip Hop. Wenig später wurde eine neue Tour angekündigt, Berlin war sofort ausverkauft, Termine in Köln und Frankfurt kamen hinzu. Jetzt warten mehr als 10 000 Gäste in der tropisch heißen Festhalle auf 50 Cents ersten Auftritt seit zwölf Jahren in Deutschland. Im ersten Rang nehmen noch einige bekannte Deutschrapper mit und ohne Knasterfahrung Platz neben einer Schar von Influencern oder Leuten, die so aussehen, und es kann losgehen.

Es gibt einen Knall, die Musik von „What Up Gangsta“ ertönt und 50 Cent springt quietschfidel auf die Bühne, über dem orangenen T-Shirt trägt er eine dünne Kapuzenjacke, die wohl nur signalisieren soll: Ich bin zurück, war nur kurz weg. In der brütenden Hitze fliegt sie nach wenigen Sekunden ins Parkett. „Fitty“, wie sich der Sänger in der ihm eigenen Aussprache nennt (großgeworden im New Yorker Stadtteil Queens, Kugelfragment in der Zunge), hat seit dem Februar unübersehbar hart trainiert, Schultern und Nacken erinnern an die eines Stiers; blickt man sich um im Publikum, in dem erstaunlich viele Jugendliche mitwippen, kommt man zu dem Ergebnis: Er ist wahrscheinlich der stärkste Mann in der Halle. Einige Sekunden sucht 50 Cent winkend und bouncend seine Mitte, dann ist er im Flow, kann aber zunächst die Assoziation mit einem Sporttrainer nicht ausräumen, welcher den ihn umgebenden Hektar mit reiner Körperpräsenz zu beherrschen versucht. Die Arme im Publikum bleiben oben, dafür gibt es gelegentlich eine Wasserdusche vom Meister der Zeremonie.

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Wie eine Amöbe im Energydrink

Rhythmus ist bei diesem Auftritt im Grunde alles, die Bässe sind von Anfang an so ohrenbetäubend laut, dass der Synthesizer untergeht, mit aller Kraft versucht sich das Schlagzeug zu behaupten. Von 50 Cents früherer Gesangstechnik mit ihren raffinierten Tempuswechseln und den genüsslich verschliffenen Binnenreimen, gibt es in dem Gewummere keinen Platz, seine Stimme ist auch dunkler geworden, Tonhöhen fehlen. So kommt es, dass gerade zehn Minuten vorüber sind, und 50 Cent von den 34 Songs des Abends mit leichter Hand schon sieben angesungen hat, darunter abermillionenfach gestreamte Hits wie „Hate It or Love It“ oder „P.I.M.P.“. Mit Extrajubel begrüßen die Zuschauer die mehr gesanglichen Passagen in „Candy Shop“, während im Hintergrund die alten Poser-Videos mit leicht bekleideten Frauen und regnenden Geldscheinen laufen.

In atemberaubender Geschwindigkeit spielte 50 Cent in der Festhalle 34 Songs
In atemberaubender Geschwindigkeit spielte 50 Cent in der Festhalle 34 Songs Bild: Lucas Bäuml

Wegen eines straffen Tanktops unter dem T-Shirt wandert die Schweißgrenze bei 50 Cent nur langsam von den Schultern herab: Der Solarplexus ist bei dem überraschenden Milow-Cover „Ayo Technology“ erreicht, bei „I’m The Man“ der Bauchnabel, bei „Disco Inferno“ der Hosenbund. Der Zuschauer fühlt sich in der alles durchfeuchtenden Hallenhitze inzwischen wie eine Amöbe im Energydrink. Während Dr. Dres „The Next Episode“ von den Begleitsängern gecovert wird, verlässt 50 Cent kurz die Bühne, um den ersten Zugabenblock mit frischem T-Shirt und neuer Baseballmütze zu eröffnen.

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Verschmitzt und wie aus dem Ei gepellt fragt er „Are you tired?“, wirft ein Handtuch in die Menge und geht mit „Cuffin Season Remix“ in die nächste Runde. Bei „In Da Club“ regnet es Konfetti ins verschwitzte Parkett, 50 Cent wirft ein fast feixendes Kinderstrahlen in die Menge, singt in seinem Privatslang „Itch your birthday“ und lässt die Hüften versuchsweise wie in alten Zeiten wippen. Schlagzeugsolo, zweiter Abgang, in der Halle herrscht derweil ein erwartungsvolles Raunen (Sollte es das schon gewesen sein?). Es ist eines der faszinierendsten Geräusche des Abends. Doch der Höhepunkt ist das jetzt folgende „Crack A Bottle“, für das er, zusammen mit Enimen und Dr. Dre, den einzigen, längst überfälligen Grammy seiner Karriere bekam. Fast zärtlich presst er seine Verse durch die stets fast ungeöffneten Zähne: „I’m the napalm, the bomb, the Don, I’m King Kong / Get rolled on, wrapped up and reigned on / I’m so calm, through Vietnam, ring the alarm / Bring the Chandon“, wobei man den Text nicht übersetzen muss, weil er sich einfach nur gut reimen und angeberisch anhören soll. Und doch scheint da ein wahrhaftiger Moment durch: Ja, wer ist dieser hochmusikalische Mann im Moment eigentlich, was gibt er seinem Publikum?

Die Antwort kommt nach dem Konzert auf dem Weg in die Stadt von einer Sechzehnjährigen, die zu ihren Freunden sagt: „Das waren jetzt nur eineinhalb Stunden, aber geil.“ Vielleicht war es wegen der Pandemie das erste Großkonzert ihres Lebens; bis heute fehlt 50 Cent auf keiner Teenager-Party. An der Mainzer Landstraße gehen ganze Besucherscharen bei rot über die Straße. So viel Gangsta muss auch bei Erwachsenen nach einem 50-Cent-Konzert noch immer sein.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ebbinghaus, Uwe
Uwe Ebbinghaus
Redakteur im Feuilleton.
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