Neues von AC/DC

Die Macht der lebenden Untoten

Von Edo Reents
Aktualisiert am 11.11.2020
 - 13:07
Ein Triumphbogen für die Hochspannungs-Band: Die Herren von AC/DC, hier projiziert auf den Londoner Marble Arch, werfen den Generator noch einmal an.
Weltkulturerbe unter Starkstrom: AC/DC bringen mit „Power Up“ tatsächlich noch eine neue Platte heraus. Das erschien nach allen Schlägen, die zuletzt einzustecken waren, sehr unwahrscheinlich – und kracht doch.

Als Malcolm starb, da dachte man: Jetzt ist es aus, jetzt ist das Monster endgültig zur Strecke gebracht, da wächst kein Kopf mehr nach. Aber AC/DC machten, kopf- und hirnlos wie eh und je, weiter. Malcolm war in seinem australischen Pflegeheim noch gar nicht hinübergedämmert in den Säuferhimmel, da hatte Bruder Angus, wie damals, als Bon Scott starb, schon Ersatz parat, und zwar, das bleibt dann wohl das größte Wunder der Bandgeschichte, adäquaten: Neffe Stevie, nur unwesentlich jünger, übernahm an der Rhythmusgitarre, von der man sich nie und nimmer hatte vorstellen können, dass sie jemand so bedienen könnte wie Onkel Malcolm. Bei seinem Einstand „Rock Or Bust“ hätte man wetten mögen, Malcolm Young habe sich noch mal berappelt, so gleich war der Sound geblieben.

Dass es mit diesem Hardrock-Spuk, mit dem die Band vierzig Jahre lang die Welt beschallt und irgendwann sogar Kritiker zum Aufgeben gezwungen hatte, ein für allemal vorbei sein würde, das musste man auch deswegen annehmen, weil es kurze Zeit danach aussah, als bestünde sie nur noch aus ihrem Leadgitarristen.

Sänger Brian Johnson, hieß es, sei schon bald taub und musste für eine Tournee durch Axl Rose vertreten werden (und zwar ausgesprochen würdig), der Bassist Cliff Williams hatte insgesamt die Nase voll und der Schlagzeuger Phil Rudd, der einzige richtige Australier, Ärger mit den Behörden (irgendwas mit Auftragsmord und/oder Morddrohungen). Alle drei seien, hieß es im Spätsommer so mir nichts, dir nichts, nun aber wieder an Bord. Schließlich spielt sich so eine Rock-’n’-Roll-Platte weder von alleine noch ausschließlich mit Toten ein.

Zum jüngsten und, bei der Lebenserwartung, vielleicht immer noch nicht letzten Album „Power Up“ (Columbia/Sony), das an diesem Freitag erscheint, ist zunächst zu sagen, dass es klingt, als wäre nie etwas gewesen. Druckvoll, effizient und kompakt gehen die Musiker nach wie vor zu Werke; man begreift nicht, wie sie diesen Sound immer wieder hinkriegen. An den Produzenten kann es eigentlich nicht liegen, obwohl man festhalten muss, dass der mittlerweile auch um diese Band verdiente Brendan O’Brien abermals, nach „Black Ice“ und „Rock Or Bust“, das Beste aus ihr herausgeholt und die Regler richtig bedient hat.

Jeder Song ein Schlag auf die Zwölf

Und doch ist eine, nun ja, Entwicklung zu verzeichnen: In der Bon-Scott-Phase waren die Lieder oft fünf oder sechs Minuten lang, manchmal schon fast Blues-Improvisationen mit Momenten delikaten vokalen Innehaltens. Dazu war Brian Johnson von Anfang an nicht in der Lage; er kann mit seiner Kopfstimme bloß röhren, was das Zeug hält. Daran wurden die von den Young-Brüdern besorgten Kompositionen angepasst und mit der Zeit immer ökonomischer, kompromissloser. Seit ihrem letzten ganz großen Hit „Thunderstruck“ (1990) gibt es so gut wie keine Gitarrenintros mehr, mit denen man den Hörer noch irgendwie auf die Folter spannen könnte. Das erwartet auch niemand. Jeder Song ist ein Schlag auf die Zwölf; nach drei bis dreieinhalb Minuten, immer noch die klassische Popsonglänge, ist die Sache erledigt, nächster Punch bitte.

Und so gleichen die ein Dutzend Lieder einander wie ein Ei dem anderen; wir haben es hier mit dem homogensten Album zu tun, das AC/DC je gemacht haben. Entschlossener als mit diesem haben sie die Zeit auf 1979/80, mit „Highway To Hell“ und „Back In Black“ die Phase ihrer größten Triumphe und gleichzeitig ihrer tiefsten Krise, nie zurückgedreht. Schon der Auftakt mit „Realize“ und „Rejection“ ist ein Wiederhören mit dem schlackenlosen Stil von damals. Für überflüssige Noten war diese Gruppe nie bekannt; inzwischen gibt es gar keine mehr. Aber Anklänge an Erfolgsmuster alter Kracher wie „Touch Too Much“, das jetzt „Systems Down“ heißt, oder an den schwerblütigen Blues, der hier auf „No Man’s Land“ ausgesprochen vorteilhaft zur Geltung kommt, gönnt sie sich reichlich, genauso wie Ausflüge in den schnellen, harten Boogie („Demon Fire“).

Man hat auch Brian Johnson schon schlechter erlebt. Vom Karriereende, das kürzlich noch drohte, scheint er sich wieder ein ganzes Stück wegbewegt zu haben. Natürlich kann man selbst so einem schrillen Organ wie seinem mit allerlei Studio-Tricks noch aufhelfen, aber das scheint er jetzt nicht mehr nötig zu haben. So intonationssicher war er lange nicht mehr, auch auf „Ballbreaker“ nicht, der einzigen vollauf zufriedenstellenden Platte der neunziger Jahre, deren Produktion durch Rick Rubin, der sich in jener Zeit offenbar in alles einmischen musste, ein beiderseitiges Missverständnis war.

Schließlich passt auch der Titel: „Power Up“ ist ein ausgesprochen machtvolles, muskulöses Album geworden, dem man die jahrzehntelange Orientierung am klassischen, unverzierten Rock ’n’ Roll anmerkt. „Vergiss Hendrix, vergiss Clapton; das Einzige, was zählt, ist Chuck Berry“, war schon die Devise der ganz jungen Young-Brüder. Das Letzte, was man sich von dieser Band erhoffte, wäre, dass sie sich noch einmal neu erfände; dazu wäre auch niemand von ihnen imstande, die Möglichkeiten sind dafür zu begrenzt.

Sie ballern uns ihre Riffs immer noch in die Ohren, dass es uns vorkommt, als steckten wir eine Stricknadel in die Steckdose – Gleichstrom/Wechselstrom: Allmählich versteht man den Bandnamen. Dass er noch einmal so eingelöst würde, damit war nicht mehr zu rechnen. Sind AC/DC etwa gar nicht von dieser Welt? Die treuesten Fans waren von Anfang an dieser Meinung. Weltlich formuliert: Pete Townshend lag falsch, es muss umgekehrt heißen – „Hope I get old before I die.“ Bleibt die Frage, woher der kleine Teufel Angus immer noch seine Energie bezieht.

Wahrscheinlich direkt aus der Hölle, in die Bon Scott 1980 in einer eiskalten Londoner Februarnacht auf dem Highway eingefahren ist. Den Rest hat, mit Malcolms trauriger Ausnahme, der Rock zwar nicht jung, aber immerhin am Leben gehalten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reents, Edo (edo.)
Edo Reents
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot