Neues Album von Adele

Klingelton-Soul und Kalendersprüche

Von Jan Wiele
20.11.2021
, 11:11
Bleibt sich verändert treu: Adele Adkins
Das soll ernsthaft der Pop-Höhepunkt des Jahres sein? Das neue Album von Adele ist eine Songsammlung, die alle Stile und Genres zu einem großen Brei vermischt.
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Die körperliche Veränderung der Sängerin Adele, die seit gut einem Jahr rauf- und runterkommentiert wurde, hat vor allem eines gezeigt: dass Pop-Industrie und Boulevardmedien bleiben, was sie sind. Kann man das auch über die Musik der 1988 in London Geborenen sagen? Auf dem sogenannten Album „30“, das nun also einige Zeit nach ihrem dreißigsten Geburtstag erscheint, mag man kurz den Eindruck haben, etwas Neues zu hören – oder zumindest etwas Altes ganz neu, wie es ja oft im Pop ist.

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Das Eröffnungslied „Strangers by Nature“ klingt wie aus dem Great American Songbook, man könnte es sich auch von Ella Fitzgerald oder Billie Holiday gesungen vorstellen: mit chromatischer Melodieführung, die ja sonst ziemlich aus der Mode gekommen ist, mit dramatischen Harmonien, die glücklich aufgelöst werden, mit Zuckergeigen im Refrain, die das Lied spielfilmtauglich machen (Motto: Sind wir nicht alle ein bisschen fremd?).

Die Kinder sollen es besser haben

Schon drängt sich die Frage auf: Wird die ganze Platte so? Adeles Kollegin von Weltruhm, Lady Gaga, hat schließlich auch gerade ein komplettes Album in diesem Stil zusammen mit dem alten Crooner Tony Bennett gemacht, dem wohl letzten lebenden Vertreter der Generation Sinatra. Ein bisschen Swing-Revival geht ja immer wieder. Aber schon Adeles zweites Stück verrät, dass es bei dem Stil nicht bleibt. „Easy On Me“ ist eine Klavierballade, die den Schmalz von Ed Sheeran mit den Freak-Vokalisen von Mariah Carey garniert, übrigens schon jetzt die meistgestreamte Single des Jahres.

Und bei Lied Nummer Drei, „My Little Love“, erklingt plötzlich Smooth Jazz der Neunziger, als säße man in der Lobby einer großen Hotelkette, grundiert mit „schwarzem“ Soulgesang. Im Hintergrund ist ein Gespräch zu hören, in dem eine weinende Mutter, die offenbar aus Überforderung ihr Kind verlassen hat, ihr Leid klagt: Sie habe es einfach zu schwer gehabt („Do you feel the way my past aches?“), beteuert aber: „I wanted you to have everything.“

Unsere Kinder sollen es einmal besser haben als wir: Dass dieser Wunsch nun von einem der zurzeit erfolgreichsten Popstars gesungen wird – Adele hat schon jetzt mehr als hundert Millionen Tonträger verkauft –, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Aber natürlich singt sie nur stellvertretend für alle, die es schlechter haben. Das ist auch ganz in Ordnung, und dass die Songs um Grundthemen wie Scham, Schuld und Scheidung kreisen, dürfte sie für viele anschlussfähig machen.

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Mit Schlumpfstimmen

Es ist nur musikalisch schwer auszuhalten, wie dabei wahllos durch die Regale gekehrt wird. Dass die Idee eines Albums, von Konzept mag man ja kaum noch sprechen, immer weniger zählt, diese Entwicklung der Streaming-Industrie bringt Adele mit „30“ noch einmal auf fast schon groteske Weise zum Ausdruck. Besser gesagt tun das vor allem die Produzenten, und das sind einige, darunter Greg Kurstin, Tobias Jesso Jr. und Max Martin. Von einem Team ist wohl nicht zu sprechen, denn die Stücke sind über einen längeren Zeitraum und an verschiedenen Orten aufgenommen worden.

Somit wird in ihnen so ziemlich alles an Stilen, Themen und einzelnen Sound-Elementen abgeräumt, was auf dem Markt ist, und in einem Topf zusammengerührt – neben dem bereits Erwähnten ist das noch Sixties-Soul wie bei den Ronettes, nur dass der Chorgesang hier von Schlumpfstimmen kommt, Folk-Rock („Can I Get It“), Hip-Hop nebst Sampling-Passagen des Jazzpianisten Erroll Garner („All Night Parking“) und schließlich Gospel – hier dann mit ordentlichem Chor, dafür aber ziemlich entkernt von christlicher Naherwartung. Adele hält es eher mit diesseitigen Ratgeberthemen zwischen Selbstkritik und Ermunterung zur Selbstliebe, immer mit dem Notausgang zum Kalenderspruch: So hoch wir auch klettern, werden wir doch nicht weiser.

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Man hört und staunt, auch über die Einschätzung anderer: Das soll nun der „größte popkulturelle Moment des Jahres“ sein (so die Zeitschrift Der Spiegel)? Vielleicht in dem Sinne, dass man damit man wahlweise Werbung für Mobilfunk, Autos oder Krankenversicherungen, für Alkohol oder auch dagegen machen könnte.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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