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Album der Woche

So viel Hunger

Von Elena Witzeck
 - 16:54

Erinnerungsschnipsel an diese Schweizerin im Lichtkegel der Bühne: Sie steht mit langem braunen Vorhanghaar und verklärtem Blick über ihre stattliche Western-Gitarre gebeugt, verzieht, wenn die Melodie besonders hoch oder tief oder es musikalisch besonders anspruchsvoll wird, das ungeschminkte Gesicht, und ihre Bewegungen werden wilder, als gelte es, jede Note mitzufühlen, auch die schmerzhaften. Unvermittelt wechselt sie das Instrument, Klavier kann sie auch, oder erzählt mit beruhigender Stimme nebensächliche Geschichten. Wenn Sophie Hunger ihre Musik teilte, hatte das immer etwas Intimes, Verkleinerndes, ein Kammerkonzert vor Hunderten, die kaum zu atmen wagten.

Ihr neues Album heißt „Molecules“ und beginnt mit einem Beat, der klingt, als pralle ein elastischer Ball auf einer dumpf tönenden Fläche auf, immer wieder, bis der Bass in einen endlosen Synthie-Beat überläuft. Dann schaltet sich Sophie Hungers gläserne Stimme ein, pathetisch und verwirrend, und auf einmal breitet sich der Elektropop im Raum aus, mit ganz anderen, neuen Bildern: Sommerabend-Raves im Grünen, Sternenhimmel, Tanzen bis zum Morgengrauen, filmreife Szenen. Ihre neue Musik klingt merkwürdig groß.

Zu den spannenden Seiten an der Berner Musikerin gehört die Verweigerung von Festlegungen. Im Frühjahr wurde sie 35 Jahre alt, aber bei allem, was sie schon ausprobiert hat, verwundert das fast: Mit 23 die erste Platte, selbst aufgenommen und vermarktet, ein Jahr später der erste Auftritt auf dem Montreux Jazz Festival, dann immer neue Alben und Preise – es lief auch einfach zu gut. Das Normale, Erwartbare war nie Sache der in drei verschiedenen Ländern Aufgewachsenen, die mit Hiphop, Rock, Country, Folk, Volksmusik experimentierte. Wenn Sophie Hunger auf Französisch singt, klingt sie wie eine Chansonnière, auf Englisch wie eine Schwester von Feist. Manchmal komponiert sie tatsächlich Film-Soundtracks. Auch dafür hat sie Preise bekommen.

Seit sie in Berlin lebt, geht Sophie Hunger mehr aus. In den Clubs der Hauptstadt kann sie zu jeder Uhrzeit und in jeder Stimmung elektronische Musik hören. Nach ihrem Album „Supermoon“ hat Hunger einen Kurs in Ton- und Aufnahmetechnik gemacht, in Los Angeles, wo man sich die Inspiration grenzenloser vorstellt als an einer Berliner Volkshochschule. Zugleich wird jetzt wieder an ihre Vergangenheit in Indie- und Elektrobands erinnert. Sie selbst nennt ihre neue Entdeckung „Minimal Electronic Folk“.

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„She Makes President“ – Sophie Hunger

Das klingt zunächst sehr seltsam, denn das Zusammenspiel ihrer Musiker und die Improvisation waren mehr als zehn Jahre lang Markenzeichen von Sophie Hungers Arbeit. Ihre Komplexität stand für die Qualität ihrer Musik. Und dann ein ganzes Album auf Englisch, wo sie doch genauso gut auf Deutsch, Französisch, Schwyzerdütsch singen könnte! Das Spiel mit den Sprachen, hat Sophie Hunger einmal gesagt, lasse ihr die Freiheit, forschend, wie blind vorzugehen. Dass sie irgendwann die Strategie wechseln würde, hätte man sich denken können: „Und wenn du bald nach Hause kommst, dann bin ich nicht mehr hier“, sang Hunger 2012 in „Das Neue“. „Ich kann nicht bleiben, wie ich bin. Mit dir.“ Für diese Fluidität liebte man sie ja auch.

Was jetzt kommt, ist eine Mischung aus poppig-plakativ und düster-dekonstruierend, vor allem aber ist es sehr elektronisch. „She was born to be impatient”, deklariert Sophie Hunger mit hallender Puppenstimme, und: „She will not make you babys. She will make the President.” Die politischen Entwicklungen der vergangenen Jahre, versichert der Song, sind auch an dieser Künstlerin nicht spurlos vorübergegangen. Es geht um den Einfluss der amerikanischen Frauen auf die Präsidentschaftswahl 2016, um gesellschaftliche Umbrüche und um persönliche Tiefpunkte, wie in „There Is Still Pain Left“. Die tragenden Rollen, die vorher den Bläsern und der Rhythmusgruppe zustanden, haben Synthesizer und Mischpult übernommen, und dass diese neue, elektronische Sophie Hunger unzählige Assoziationen hervorruft, an Morcheeba, an Björk, hin und wieder an Cat Power und die betörende Sade, liegt auch an ihrer hohen, verfremdeten Stimme und diesen Texten, die so viel weniger schrullig klingen, so viel eingängiger als sonst: „Why can’t you see, you should be kissing me.”

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„Tricks“ – Sophie Hunger

Für die Fans der alten Sophie Hunger lösen solche Zeilen den Beliebigkeits-Alarm aus, den sie schon von Gemeinschaftsprojekten mit Max Herre für den Bundesvision-Songcontest kennen. „Fremde“ war eine brave, seltsam nichtssagende Ballade. Man sehnt sich zurück nach Sperrigkeit, nach einer Erinnerung an Nummer Zehn von Hungers eigens deklarierten Regeln der Kunst aus dem Jahr 2013: Versuche niemals, zu gefallen. Und wenn sich dann auch noch herausstellt, dass sie mit dieser Musik im Berliner Club Berghain auftreten wird, möchte man seufzen: Wieso auch du, Sophie? Das Berghain ist einer der besten Clubs Europas. Aber auch außerhalb seines Kosmos‘ sollte Platz für aktuelle, aufrührerische Musik mit elektronischem Einschlag sein. Was Sophie Hunger an Berlin liebt, ist das Subversive, die Verweigerung. Mit ihrem produktiven Spieltrieb hätte sie sich dem Berliner Mainstream verweigern können.

Wenn man sich also hinreichend empört hat, sollte man das Album noch einmal hören: mit „Let it come down“ beginnen, seinen Kinderlieder-Referenzen und strapazierenden Wiederholungen folgen bis zu seiner orchestrierten Auflösung, weitermachen bei der „I Opened A Bar“, wenn Sophie Hunger mit verschlafener Stimme maliziös ihre Umgebung charakterisiert. Und dann kommen irgendwann die Bilder von ihren besten Live-Auftritten zurück, bei denen sie in sich gekehrt auf der Bühne stand, ins Mikro hauchte und dabei eine unerträglich flirrende Spannung erzeugte. Oh lord, diese zarte Stimme, die alles Mögliche ausdrückt, Melancholie, Zorn, Hoffnung, Klage und Kraft. „Today today, hurray hurray“, singt Sophie Hunger, und weil das bitter und cool und retro klingt, weil es ihr auch auf diesem Album wieder gelingt, verletzlich und stark zugleich zu wirken, während sie das große Ganze dekonstruiert, zeigt sich: Trotz Berliner Einfluss ist das immer noch die sperrige Experimentalmusikerin aus Bern.

Nummer Drei von Sophie Hungers Regeln der Kunst: Erkläre niemals dich oder deine eigene Arbeit. „That Man” ist einer der persönlichsten Songs auf diesem Album. Er handelt von einem Mann, der an ihrem Fenster steht und den sie, obwohl er sie an sich erinnert, nicht erkennt. „It’s twenty past five, December, Berlin”, singt Sophie Hunger. “All my contracts are done. I can go wherever I please. I can change my name again if I need.” Sie will nicht verstanden werden. Das muss auch gar nicht sein. Sie macht es für sich.

„Molecules" erscheint am 31.August bei Caroline International/ Universal Music. Sophie Hunger spielt im September in München, Berlin und Köln und Hamburg

Quelle: FAZ.NET
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
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