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Album der Woche

Gestern, als die Brillen noch rosarot waren

Von Elena Witzeck
 - 15:57

Was ist zu erwarten von dem Album einer Sängerin, die jahrelang nichts von sich hat hören lassen, und das schon im Namen die Sehnsucht nach dem Vergangenen trägt? An der Rückschau auf bessere, freiere, glücklichere Zeiten haben sich schon andere abgearbeitet, die auf mehr Leben zurückschauen konnten. Gestern ist bei Kate Nash noch gar nicht so lange her. Es war die Zeit der Chatrooms und Discmans, der Tony-Blair-Entzauberung und Nine-Eleven-Traumata, oder, wie sie es selbst zusammenfasst, die Zeit von Buffy, der Vampirjägerin, von Kaffeeflecken auf dem Lieblingsshirt, einsamen Take-Away-Abenden und Kleidungsstücken, an denen man roch, um sich an jemanden zu erinnern.

Es war auch die Zeit von „Foundations“, dem genialen Song über eine dieser Beziehungen, die längst beendet sein sollte, weil sie niemandem gut tut, weder den Beteiligten noch den gemeinsamen Freunden, die sich die Kämpfe anhören müssen, und die ihre Berechtigung nur noch aus einer täglichen Dosis Krach und Furore schöpft: „Every time that you’re upset and I smile, I know I should forget.” An ihren lakonischen Alltagsbeobachtungen und dem Londoner Cockney, das aus dem Lagerraum eines Tesco-Supermarkts zu stammen schien, orientierten sich deutsche Sängerinnen und gewannen damit Musikwettbewerbe. Es war 2007, aber es kam einem vor, als wäre die junge Kate Nash schon immer da gewesen.

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Kate Nash - My Little Alien

Dennoch konnte man sich bei ihr nie sicher sein, ob sie sich bei aller Authentizität nicht im nächsten Moment über die Vertrauensseligkeit ihrer Zuhörer amüsierte. Es gab öffentliche Auftritte, bei denen sie wie eine Persiflage ihrer Generation wirkte. Und so hält man skeptische Distanz, wenn Kate Nash jetzt vom Gestern schwärmt, für ihr neues Album bauchfrei und mit Blumenketten geschmückt in der Natur posiert, mit Schärpe und dem Sternenkranz der Jungfrau Maria, und dabei schüchtern – oder doch listig? – schaut. Wenn sie, Königin der exzentrischen Sonnenbrillen, eine rosa Symbolbrille trägt. Was will sie uns da wirklich vor Augen halten?

„Yesterday Was Forever“ sei ein Ausschnitt aus dem Tagebuch eines Teenagers, ließ sie vor der Veröffentlichung verlauten. „Drink About You“ war schon einige Wochen vorher zu hören und klang sehr vertraut. „When I wake up and we break up, I kinda wish you liked me more, But I don't care much”, sang sie da heiter über die Sinnlosigkeit einer Sehnsucht nach Anerkennung, die sich gleich darauf schon wieder neu kanalisieren lässt. Der Song steckt voller Wortspiele und raffinierter Rückblenden in eine Lebensphase, in der Liebe und Hass manchmal miteinander verschmelzen. Sie habe genug davon, eine Scheinheilige zu sein, singt Kate Nash und erinnert damit auch an die Zwänge von heute. Was richtig und wichtig ist, weiß man meistens erst später, manchmal auch nie, aber Alkohol ist immer eine Lösung.

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Kate Nash - Life In Pink

Ein Erinnerungsalbum also. Damals, als Kate Nash mit gerade zwanzig Jahren auf ihre erste Tournee ging, wurden ihr Stil, ihre Energie und ihr Gehüpfe auf den Bühnen der Welt als unangestrengt wahrgenommen, als Gegengewicht zur allgemeinen Selbstdarstellung: Sie wolle eben nur spielen. Wie schwer es in Wirklichkeit war, sich diese Freiheit zu erhalten, hat sie später nur angedeutet. Voller Wohlwollen wurden ihre Texte als unbeholfene Sammlungen von Alltäglichkeiten aufgefasst, mit denen sie Lily Allen nachfolge, die zwar aus derselben Schule des weiblichen Britpops stammte, aber immer schon andere Ansprüche an Gefälligkeit hatte. Zeitgeistig, aber zu schlicht, um es wirklich ernst zu nehmen. Trotzdem bekam Nash 2008 einen Brit-Award dafür.

Dann war lange wenig von ihr zu hören, und wenn doch, war es rockiger und aggressiver als das, was die Fans von ihr erwarteten. Für „Girl Talk“ gründete Nash ihr eigenes Label, um sich, inspiriert von der feministischen Riot-Girl-Szene der Neunziger, auszutoben. Eine emotionale Reinigung, wie sie sagte, von den Zwängen und Allüren der Musikbranche und deren Forderungen an das Aussehen und die Außendarstellung eines weiblichen Popstars.

Jetzt ist Kate Nash dreißig Jahre alt. Ihre neue CD klingt wieder nach ihrer eigenen Definition von Pop, einer Mischung also aus Singer-Songwriter-Gehauche, Dancefloor-Musik, Punkrock und Neunziger-Charts, und dabei geht es wieder sehr bunt und sehr wild zu. „Yesterday Was Forever“ ist voller geschickt verzahnter Gegensätze. Aus der mädchenhaft gesummten Strophe wird in „Life in Pink“ eine trotzige Ohrwurm-Hymne. „What’s wrong with me” krächzt Nash, und: „Wish I could let my brain decide and stop the pain.“ Wenn das noch Alltag ist, dann kein naiv-gefälliger. Im Musikvideo bringt ihr eine Pflegerin Pillen ans Bett, bevor sie von zwei gut gelaunten Hasen aus ihrer Zwangsjacke befreit und zum Tanzen ins Grüne gebracht wird. Der Traum endet nicht wieder im zur Krankenstation umfunktionierten Kinderzimmer, sondern auf der Schaukel im Freien – weil die Welt hinter den rosa Brillengläsern für Kate Nash eben auch Teil der Wirklichkeit ist und sogar dabei hilft, diese besser zu ertragen. „Yeah I’m trying”, singt sie. Aber nicht bis zur Selbstaufgabe.

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Kate Nash - Drink About You

Es geht nicht um die Welt da draußen, weder um die von gestern noch um die heutige der Brexits, Trumps und Datensammlungen, sondern um die vielen anderen Fragen, die sich eine noch immer junge, aber von der Welt geprägte Frau stellt. Ob man sich wirklich von Blumenketten und Vintagekleidern verabschieden muss, um zu beweisen, dass man erwachsen geworden ist. Was mit dem Bild passiert, das man jahrelang von sich hatte, wenn es auf einmal nicht mehr passt. Welche Erwartungen berechtigt sind und wie man sich über Idioten beschwert, ohne als „Bitch“ abgestempelt zu werden. Und wie mit der Schwärze im Kopf umzugehen ist, wenn sie sich breit macht.

Da sind Momente der Hoffnungslosigkeit wie in „Call Me“, aber auch jene, die tröstlich-schräg klingen, etwa wenn Kate Nash mehr zu sich als zu ihren Zuhörern singt: „Hey, it's alright“: Ich weiß, du denkst, du hast keine Zeit, aber in Wahrheit hast du noch ein ganzes Leben. Alltäglich und schlicht mag das sein, aber eine Prise von Nashs Selbstironie reicht aus, um den Verdacht des Pathetischen zu tilgen. Und um zu wissen, dass es genau das ist, was man sich von Pop erhofft: gestern und heute.

Quelle: FAZ.NET
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
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