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Album der Woche

Babytigermilch für alle

Von Alexander Müller
 - 14:17

Songs und Alben zu betiteln, ist eine Kunst für sich. Ob eine Platte „Middle Class Revolt“ (The Fall), „From Enslavement To Obliteration“ (Napalm Death) oder „Auf einem Auge blöd“ (Fettes Brot) heißt, macht einen Unterschied. Belle And Sebastian beherrschen diese Kunst aus dem Effeff, und zwar derart gut, dass es zur Parodie herausfordert. Auf der Website von McSweeney's, dem von Dave Eggers gegründeten Verlag, machte sich der Journalist Dale Shaw im vergangenen Jahr einen Spaß daraus, die nächsten zwölf Albentitel der schottischen Band mitsamt einiger Songtitel vorherzusagen: „The Girl With The Girly Girl Girdle“ würde ein Lied namens „The Girl That I Saw On Some Form Of Public Transport“ enthalten, auf „All Songs By The Other Guy“ wären die Stücke „Lovely, Pretty, Happy“ und „Happy, Lovely, Pretty, Happy“ vertreten und immer so weiter.

Knapp daneben. Erstens gibt es streng genommen gar kein neues Album von Belle And Sebastian. Zweitens heißt die auf einer CD gebündelte Zusammenstellung dreier EPs, die seit Dezember im Monatsrhythmus erscheinen, „How To Solve Our Human Problems“. Na, wenn es weiter nichts ist. Die Cover der EPs zieren Fans der Band, die Sänger Stuart Murdoch in London fotografiert hat. Netter geht es nicht. Und genau das ist das Problem. Denn nett ist bekanntermaßen die kleine Schwester von scheiße. Belle And Sebastian erschaffen hübsche, schlichte Melodien, die seit ihrem Debüt „Tigermilk“ (1996) immer sauberer und kuscheliger arrangiert werden.

Die Texte dazu sind dem Alltag abgelauscht. Oft erzählen sie possierliche Anekdoten von Leuten wie dir und mir, von Erweckungserlebnissen im profanen Einerlei. Die Songs von Belle And Sebastian hört man in den Filialen von Kaffeehausketten, wo sie bei der Entscheidung zwischen Iced Kakao-Cappuccino und Caramel Macchiato nicht weiter stören.

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Belle and Sebastian
„I’ll Be Your Pilot“

Was stört, ist die Harmoniesucht. Auf „How To Solve Our Human Problems“, das abseits immerwährender Nettigkeit nicht einen Ratschlag dazu parat hat, wie sich menschliche Probleme lösen lassen, gibt es einen Song namens „Cornflakes“. Darin heißt es: „As I walked out into Glasgow City / The autumn light looked so pretty / As we walked out into Glasgow City / I scared myself, you looked so pretty“. Wurde das Herbstlicht je schöner besungen? Mit Sicherheit. Und das Erschrecken darüber, dass die Begleitung fesch daherkommt – irgendwie niedlich.

Kein Wunder also, dass Murdoch in „I'll Be Your Pilot“, einer innigen, von einer Oboe ausgeschmückten Folkrockweise, die mit Anspielungen auf Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ gespickt ist, seinem Sohn Denny ans Herz legt, sich mit dem Erwachsenwerden Zeit zu lassen. Das ist nämlich ganz schön hart: „It's tough to become a grown up / Put it off while you can“.

Halb so schlimm, das wird schon wieder

Nun sei es jedem Vater beim Anblick des eigenen, schlafenden Kindes verziehen, wenn er für einen Moment sentimental wird. Die Mär davon, dass man irgendwo tief drin immer ein Kind bleiben sollte, muss man deswegen aber nicht gleich anstimmen. Sind kindische Erwachsene nicht genau der Grund dafür, dass wir unsere Probleme eben nicht geregelt bekommen?

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Belle and Sebastian
„We Were Beautiful“

Zugegeben, Popmusik muss nicht zwingend auf dem neuesten Stand moralphilosophischer Diskurse sein. Sie muss sich auch nicht in Kritik und Selbstzerknirschung ergehen. Was Belle And Sebastian durch ihre Lieder vermitteln, ist Zuspruch, Trost, ein Wärmepflaster für den Liebeskummer und andere Zumutungen des Lebens. Halb so schlimm, das wird schon wieder. Ob im zaghaften Kammerpop von „Sweet Dew Lee“ oder in mit Waldhorn, Trompete, Glockenspiel und Tenorsaxophon opulent instrumentierten Nummern wie „Too Many Tears“ und „Best Friend“, das Herzeleid ist von kurzer Dauer.

Der beste Song dieses Compilation-Albums, „A Plague On Other Boys“, ist eine Rückbesinnung auf alte Stärken. Er erzählt eine Geschichte aus Nebraska, eine Liebesgeschichte, aus der nichts wird; an der Erinnerung an die damit einhergehende Kränkung hat der junge Mann, der sich ob des Elends den Notendurchschnitt versaut, noch lange zu knabbern. Das Lied ist milde melancholisch, nicht ohne Humor, ganz in der Gegenwart. Ein Kunststück in Zartbitter. Ausflüge in psychedelische Gefilde wie „Show Me The Sun“ oder Abstecher in die Indie-Disco wie „The Girl Doesn't Get It“ – ein Titel, der auch von Dale Shaw stammen könnte – wirken dagegen halbherzig und subaltern.

„How To Solve Our Human Problems“ ist ein Versprechen, das nicht eingelöst wird. Eine Ansammlung guter, durchschnittlicher und auch schlechter Songs, die allerdings keinem wehtun. Sie sind hervorragend produziert, sie klingen erbaulich und charmant. Allein es fehlt ihnen an Substanz. Aber genug gemosert. Seid nett zueinander.

Belle and Sebastian: „How to Solve Our Human Problems“. Matador/Beggars Group (Indigo)

Quelle: FAZ.NET
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