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Album der Woche

Neue Schocks von der elektrischen Lady

Von Philipp Krohn
 - 14:02

Als die amerikanische Soulsängerin Janelle Monáe um den letzten Jahrzehntwechsel herum einem breiten Publikum bekannt wurde, waren ihre Talente schnell erkennbar. Da hatte jemand die gesamte afroamerikanische Musikgeschichte verinnerlicht und setzte das Beste davon so zusammen, dass es wie ein völlig organischer neuartiger Mix klang.

Diese Begrifflichkeit aber versachlicht unnötig, was ihr Debüt „The ArchAndroid“ war: ein völlig verrücktes Ding, das an jeder Ecke eine unerwartete Wendung nahm, das Soul aus Detroit mit House aus Chicago, Pop aus Los Angeles mit dem erst spät erblühten und dann als dritte Säule des Hip-Hop etablierten Rap aus Atlanta und globalem Rock vermählte.

Dazu hatte sie die zündendsten Songeinfälle der gesamten Dekade. Noch ein bisschen Filmmusikanmutung, eine versponnene, bowieartige Konzeptalbum-Story. Kurz: „The ArchAndroid“ war die irrsinnig-schönste und eklektizistischste schwarze Musik seit Sly & The Family Stone, bot eine Alternative zum (auch tollen) Retro-Sound von Amy Winehouse, Sharon Jones, Lee Fields und Co. und ist bis heute die beste Platte der zehner Jahre!

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Janelle Monáe – „Make Me Feel“

Janelle Monáe hat unglaublich viele Talente: Scheinbar mühelos bringt sie widersprüchlich Wirkendes zusammen, sie produziert, schauspielert, kümmert sich um ein Label und ist ein Aushängeschild für die Szene in Atlanta. Einer der ersten ganz Großen, die sie von ihren Gaben überzeugt hat, war Big Boi, der als Partner von Andre 3000 mit Outkast eine melodische, lustvolle und Alternative zum Gangsta-Rap und zum politisch bewussten Eastcoast-Rap erfunden hatte (und Hits für die Ewigkeit wie „Hey Ya“ und „Ms Jackson“). Er beförderte ihre Karriere und trat als Gast auf ihrem Debüt auf.

Eine Künstlerin mit vielen Projekten

Seither hat sie Musiker wie Prince, Erykah Badu, Solange und auf ihrer jüngsten Platte Brian Wilson, Pharrell Williams, Grimes und Zoe Kravitz (die Tochter von Lenny) um sich geschart. Doch nach ihrem ebenfalls starken zweiten Album „The Electric Lady“ dauerte es fünf Jahre, bis sie die nächsten Töne von sich gab. Denn es war so viel zu tun: Sie fand eine neue Heimat für ihr Label „Wondaland“, begleitete die Poplegenden Chic und Duran Duran auf ihren neuen Platten, unterstützte Michelle Obama, eine Dritte-Welt-Initiative voranzubringen.

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Janelle Monáe - „PYNK“

Vor allem aber trat dieses schwer zu fassende Multitalent in den Filmen „Hidden Figures“ und „Moonlight“ auf. Letzterer ist nicht irgendein Spielfilm, sondern laut „New York Times“ der bislang beste Film des 21. Jahrhunderts, eine Coming-of-Age-Geschichte über den homosexuellen Afroamerikaner Chiron, der seine Identität hinter der Dicken-Hose-Pose verstecken muss. Monáe spielt in den ersten beiden Episoden dieses dreiteiligen Films die Freundin von Chirons Mentor Juan, eines Drogendealers. Sie interpretiert ihre Figur Teresa so, wie sie singt: nicht virtuos, aber mit einer klaren Linie, eher nimmt sie Komplexität heraus, vereint Unvereinbares und lässt es leicht wirken. „Moonlight“ war der große Gewinner bei der Oscar-Verleihung, sahnte die Auszeichnungen als bester Film und bestes adaptiertes Drehbuch (Barry Jenkins) ab.

Es war also buchstäblich keine Zeit für ein drittes Album in den vergangenen fünf Jahren. Seit diesem Freitag ist nun „Dirty Computer“ auf dem Markt. Und natürlich – es ist ein Werk von Janelle Monáe – ist es wieder eine prima Platte geworden. Die hier makellos klingende Stimme des Beach Boys Brian Wilson fügt sich nahtlos in den großartigen Titelsong ein. Grimes und Zoe Kravitz liefern richtig gute Gastbeiträge ab. Vor allem das mit der Kravitz-Tochter gesungene „Screwed“ ist einer dieser typischen Monáe-Songs: ein E-Gitarren-Riff, wie man es seit „That Lady“ von den Isley Brothers nicht mehr gehört hat, ein fester Bass-Groove, eine unwiderstehliche Melodie und die klare Aufforderung, alles weitere auf dem Dancefloor zu klären.

Die Pophymne „Americans“ lotet die Vereinbarkeit vom Elektropop Stockholmscher Prägung mit Afro-Sprechgesang aus. Wahnsinnig eingängig und glücklich machend. Auch die Singles „Django Jane“, „Pynk“ und „Make Me Feel“ (bei der man gleich Prince um die Ecke biegen erwartet) und die schlichte Ballade „Don’t Judge Me“ passen sich in Monáes bisheriges Werk ein.

Dann gibt es von den 14 Songs (davon zwei Kurzskizzen) auch einige, die ein bisschen dahinplätschern. Das ist eigentlich schade, denn auch bei „Crazy, Classic, Life“ oder „Take A Byte“ lassen sich eigentlich gute Ideen heraushören. „I Got The Juice“ mit Superstar Pharrell Williams dagegen verpufft nahezu unbemerkt. Waren ihre bisherigen Alben 70-minütige Höllenritte ohne schwache Momente, begnügt sich Janelle Monáe diesmal mit 48 Minuten. Die Mehrzahl der Songs ist wieder stark, doch auf die umwerfenden Momente, von denen das erste Album nicht nur in den Hits „Tightrope“, „Locked Inside“, „Wondaland“ oder „Cold War“ voll war, muss man diesmal mehr warten. Für ein drittes Album einer so tollen Künstlerin ist das aber gar nicht wenig. Und so bleibt zu hoffen, dass Monáe zwischen allen ihren verdienstvollen Aktivitäten auch weiterhin Zeit für solch großartige Songs wie „Screwed“, „Dirty Computer“, „Don’t Judge Me“ oder „Americans“ findet.

Janelle Monáe: „Dirty Computer“.

Quelle: Faz.net
Philipp Krohn
Redakteur in der Wirtschaft.
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