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Album der Woche

Die Könige der Merkwürdigkeiten

Von Johanna Dürrholz
 - 14:29

Niemand weiß, ob es Trotz war, Unwillen im Angesicht des Kommerz, oder doch der Glaube an eine zumindest noch musikalisch gute Welt, irgendwo da draußen. Was der Antrieb für MGMT war, nach ihrem Welthit „Oracular Spectacular“ zwei Alben herauszubringen, die nicht im Mindesten an die Eingängigkeit und Einfachheit ihres Vorgängers anknüpfen wollten, ist ungewiss. Gewiss ist nur: Die Durststrecke ist vorüber, die Hits sind wieder da!

Eigenartiger denn je, auf ungelenke Weise abstrakt und dabei immer mit der Portion Ironie, die eine sich auf Synthie-Pop konzentrierende Band im Jahr 2018 vielleicht braucht, so kommt „Little Dark Age“ daher. Und schreit förmlich die Zweifler an, die, die ihre Schöpfer bereits vergessen hatten: Ja, es gibt ihn noch, den sogenannten Indiepop. Den guten Indiepop.

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MGMT – „Little Dark Age“

Und so stürzen sich Kritiker und verzweifelte Endzwanziger gleichermaßen auf eines der letzten Überbleibsel ihrer musikalischen Hochzeit: MGMT sind zurück und damit auch unsere Jugend! Immerhin ist die Flut der Indiebands in den letzten Jahren beinahe rückstandslos versickert, aus großen Helden sind traurige Gestalten geworden. Der Sänger der Kaiser Chiefs (die immerhin ein tanzbares Debütalbum hatten) springt als Typ alternder Rockstar in der Jury von „The Voice UK“ herum. Die Libertines haben zwar sich, nicht aber ihren Sound wiedergefunden. Und die Wombats sind, zugegeben, genauso schlecht wie immer. Und sogar die ganz Großen, die eigentlich über allem schweben, haben eingebüßt: Arcade Fire werden nie wieder eine Single haben, in der David Bowie kurz mitjammt. Liam und Noel dissen sich peinlicherweise immer noch. Und Ringo Starr hat sein ungefähr 74. Solo-Album veröffentlicht, das keiner hören will.

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MGMT – „Hand It Over“

Dann also MGMT! Sie leben noch, sie machen Musik und sie machen gute Musik! Mehr braucht es nicht, um Musikrezensenten beschwören zu lassen, dass das nächste Sternestündlein der sogenannten Synthieboys geschlagen hat, dass sie nun ernst machen (The Guardian).

Und tatsächlich machen MGMT ihre Sache großartig: „Me And Michael“ klingt nach einem Achtziger Jahre-Klassiker, wie ihn Wham! nicht besser hätte machen können, „Little Dark Age“ sieht frisurentechnisch aus wie The Cure, klingt aber nach New Order und „She Works Out Too Much“ ist nicht nur lustig, man fühlt sich zugleich in ein Fitnessvideo von Jane Fonda und in einen mittelmäßigen Instagram-Fitnessaccount gebeamt. MGMT sind noch immer selbstreferentiell und ironisch, komische Sonderlinge, sie sind die Könige der Merkwürdigkeiten.

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MGMT – „Me and Michael“

Und das ist es, was „Little Dark Age“ auszeichnet: Es klingt zuweilen befremdlich und ist dabei doch erwartbar. Und das wiederum charakterisiert die Band MGMT, ihr Selbstverständnis und ihre Musik schon immer: Herkömmliches elaborieren, alten Melodien einen neuen Spin verpassen, gekonnt dort klauen, wo es am wenigsten auffällt und dabei zugleich so originell sein, dass alles brandneu klingt.

Das Video zu „Me and Michael“ parodiert diese im Pop selbstredend übliche Herangehensweise: Zwei abgehalfterte Popstars entdecken einen philippinischen Popsong, sind zu Tränen gerührt – und beschließen, das Lied zu stehlen. Es wird ein Hit, sie werden gefeiert, nur um dann aufzufliegen. Doch schönerweise können sich Stars ja einfach entschuldigen und alles ist wieder gut. MGMT erfinden dabei weder sich selbst neu noch den Synthiepop. Sie machen einfach gute Musik – ohne sich selbst dabei zu ernst zu nehmen.

MGMT bemühen mit „Little Dark Age“ alte Muster und sind dabei so innovativ und selbstkritisch wie nie. Die selbstironischen Momente sind dabei oft so überspitzt, dass man meint: Es ist alles nur ein Spiel, ein Spiel mit Melodien, ein Spiel mit Farben, ein Spiel mit Klangmustern. Dabei hinterfragt die Band allerdings nicht nur ihr Schaffen, sie hinterfragt ihr gesamtes Genre. Ihre Entwicklung ist eine Allegorie auf die Entwicklung der Indie-Musik, ihr Album eine Allegorie auf die Methoden des Pop.

MGMT: „Little Dark Age“. Smi Col (Sony Music)

Quelle: FAZ.NET
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
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