Album der Woche

Der Apfel fiel recht weit vom Stamm

Von Edo Reents
28.06.2016
, 06:30
Hörprobe: „Station 2“
Nur selten trauen sich Kinder von Jazzern, herkömmliche Popmusik zu machen. Josh Haden hat den Mut. Aber so herkömmlich ist seine neue Platte nun auch wieder nicht.
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Wie viele Platten gibt es inzwischen eigentlich, auf denen ein Musiker den Tod eines Elternteils „verarbeitet“? Vielleicht ist es übertrieben, aber man hat fast den Eindruck, davon etwas in jeder zweiten Pressemitteilung zu lesen. Andererseits: Es ist nun mal eine allgemeinmenschliche Erfahrung, dass man, wenn die Reihenfolge eingehalten wird, Vater und Mutter irgendwann verliert - warum daraus nicht Kunst oder wenigstens Musik machen? Wer sagt, dass Unterhaltungsmusik immer fröhlich sein muss?

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Bei Josh Haden, der seit gut zwanzig Jahren das Bandprojekt Spain leitet, ja zeitweise dessen einziges Mitglied ist, kommt nun allerdings hinzu, dass sein Vater nicht irgendjemand war - womit über die Väter anderer Musiker nichts gesagt sein soll; „irgendjemand“ meint hier nur „einer breiteren Öffentlichkeit unbekannt“ -; sein Vater war nämlich Charlie Haden, der vor zwei Jahren im Alter von fast 77 Jahren gestorben ist und dem der Sohn mit seinem etwas pedantischen Ausdruck tatsächlich wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sieht. So weit, so normal.

Nicht normal ist, dass Josh sich in seiner Jugend nicht etwa auch dem Jazz zuwandte, der in Vater Charlie seinen vielleicht wichtigsten, jedenfalls wohl stilprägendsten (Kontra-)Bassisten hatte, sondern ausgerechnet einer Richtung, die der Vater so herzlich und von Grund auf verachtete: Rock und Pop. Das hielt ihn zu Lebzeiten nicht davon ab, auf die Produktionen ein Auge beziehungsweise Ohr zu haben oder sich wenigstens als Mentor beziehungsweise als das kritische Gewissen, als das er in Musikerkreisen durchaus auch verschrieen war, im Hintergrund bereit zu halten.

Worin auch immer der väterliche Einfluss oder zumindest Rat bestanden haben mag - jetzt ist „Carolina“ erschienen, die erste Spain-Platte, in die Charlie nicht mehr reinreden konnte. Sie ist aber, wie Hamlet, auf der Suche nach dem Geist des Vaters. Und man muss sich nur die Titel ansehen, um zu wissen, dass es hier nicht sonderlich fröhlich zugeht: „The Depression“, „Apologies“, „One Last Look“, „Battle of Saratoga“. Trotzdem ist es die mit Abstand schönste Spain-Platte geworden, die homogenste auch.

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Die Band gehörte Mitte der neunziger Jahre zu den Mitbegründern des Slowcore, einer provozierend langsamen, manchmal in Lautlosigkeit fast verschwindenden Unterart des Alternative oder Independent Rock, die den Frohsinn auch nicht gerade erfunden hatte. Das Debüt „The Blue Moods Of Spain“ war auf Anhieb so etwas wie ein Geheimtipp und klang dem ziemlich ähnlich, was zur selben Zeit Bill Callahan unter dem Namen „Smog“ auf die Leute losließ: extrem karg arrangiertes, rätselhaftes, aber irgendwie schönes Material, mit dem man noch heute durchaus einen Selbstmord beschallen könnte. Haden hauchte oder flüsterte mehr, als dass er sang - wahrscheinlich musste er zu Hause immer schön leise sein, während der Vater an seinen dicken Saiten zupfte.

Mit der Zeit hat er sich aber eine richtige Singstimme herangezüchtet, die erstmals auf dem gelungenen Album „The Soul Of Spain“ (2011) so richtig durchdrang, um dann auf dem gleichfalls guten, vorletzten Album „Sargent Place“ (2014) noch mehr zu sein als ein bloß zusätzliches Geräusch. Von „Gesang“ aber kann man erst jetzt sprechen; das ist eine der positiven Überraschungen der neuen Platte. Musste man sich früher die Gehörgänge ganz frei machen, um überhaupt eine Ahnung von so etwas wie einer Melodie zu bekommen, so wirft Haden damit nun geradezu um sich - singend! Und es sind durchweg ganz entzückende Melodien, die Hadens Gesang ganz alleine trägt, wenn auch natürlich nicht über vier Oktaven; ein Stimmwunder, das sich in alle Richtungen strecken kann, wird er nicht mehr. Aber das Gleichmaß macht er mit Wärme wett. Das erinnert damit sehr an das Trio America, und die Stimmfärbung ist genau wie bei Danny McNamara von der Band „Embrace“.

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Es sind feierlich klagende Elegien, die Josh Haden hier zu Gehör bringt, voller und gleichmäßiger instrumentiert als auf früheren Alben. Dafür ist vor allem der Sessionmusiker Kenny Lyon verantwortlich, der schon mit Springsteen, Sting und Joe Walsh gespielt hat und hier eine ausgezeichnete, dezente Gitarrenarbeit besorgt (von der Leadgitarre bis zu Steel Guitar und Banjo), in die Tasten greift und das Ganze auch noch produziert hat. Auf dem erlesenen, wunderbar weichen Americana-Klangteppich nehmen sich Hadens Moritaten durchweg passend aus. Sie gehen von tief Luft holenden historischen Reminiszenzen („Tennessee“) über großväterliche Erlebnisse aus der Steinbeck-Zeit („The Depression“) bis hin zu schmerzlichsten Liebesweisen („Carolina“).

Das alles ist nichts für Grillpartys, ja im Grunde noch nicht einmal etwas für den Sommer; reiner Zufall, dass diese Platte ausgerechnet jetzt erscheint. Aber eine anmutigere, mehr zu Herzen gehende wird man im Moment wahrscheinlich nicht finden.

Spain: „Carolina“. Glitterhouse Records (Indigo)

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reents, Edo (edo.)
Edo Reents
Redakteur im Feuilleton.
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