<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Album der Woche

Die Sprache der Mundharmonika

Von Peter Kemper
 - 13:19

Es ist die perfekte Paarung: Obwohl durch eine ganze Generation getrennt, bilden der vierundsiebzigjährige Charlie Musselwhite und der sechsundzwanzig Jahre jüngere Ben Harper eine symbiotische Einheit. Harper ist inzwischen sogar der emphatischen Überzeugung: „Ich wurde geboren, um mit Charlie zu spielen.“

Als John Lee Hooker 1997, vier Jahre vor seinem Tod, den alten Mundharmonika-Haudegen und den passionierten Blues-Freigeist zusammenbrachte – „Ich höre in eurem Zusammenspiel eine tiefe Wahrheit, ihr müsst unbedingt zusammen weitermachen“ – sollte es dennoch ein paar Jahre dauern, bis die beiden seiner Bitte nachkamen: Ihr Debütalbum „Get Up!“ wurde 2013 prompt mit einem Grammy als „Bestes Blues-Album“ ausgezeichnet, weil es leichthändig den Spagat zwischen uralten Akkordfloskeln aus dem Mississippi-Delta und zeitgemäßem Rhythmusgefühl schaffte.

Auch ihr Nachfolgealbum „No Mercy In This Land“ bleibt dem beinahe paradoxen Anspruch treu, Blues in seiner reinsten und zugleich modernsten Form zu bieten. Das beginnt schon bei der geradezu „altmodischen“ Abmischung der zehn neuen Songs: Bass und Schlagzeug bleiben sehr weich im Hintergrund, während Gitarre und Harmonika sich eher in den Vordergrund schieben. Der growlende Wärmestrom, der sich durch die Lieder zieht, verdankt sich nicht zuletzt einer skrupulösen Klangästhetik. Harper und Musselwhite haben so lange mit der Positionierung der Mikrofone experimentiert, die im ganzen Studioraum verteilt waren, bis sie den sweet spot für ihren Sound gefunden haben.

Video starten

Harper & Musselwhite
„Movin On”

Dem Eröffnungstitel „When I Go“ geht ein samtiges Raunen voraus, das zunächst für eine Gospel-Messe zu werben scheint. Doch mit dem Ohrwurmriff der E-Gitarre entwickelt sich schlagartig ein druckvoller Rock. Sofort wird auch klar, dass Harpers Gesang hier unbedingte Leidenschaft verkörpert. Schonungslos ehrlich setzt er sich aus, trägt sein Herz auf der Zunge. Am eindrucksvollsten vielleicht im schläfrig-zärtlichen Schweben der Blues-Ballade „When Love Is Not Enough“. Seine Stimme besitzt hier eine Reife und Rauheit, so dass er jeder noch so kleinen Gefühlsregung mühelos Ausdruck verleihen kann. Meisterhaft lässig ist seine Phrasierung, oft gekonnt einen Sekundenbruchteil hinter dem Beat. Mal klingt sie Bourbon-durchtränkt, im nächsten Moment flehentlich wie ein kleines Kind. Und immer wieder lässt Harper seinen fahlen Falsett in einen volltönenden, honigsüßen Bariton abstürzen und kann so das ganze emotionale Spektrum des Blues auskosten.

Keine Gnade im amerikanischen Land?

Die Stücke verzichten weitgehend auf ausufernde Soli von Gitarre und Mundharmonika, beschränken sich stattdessen auf songdienliche melodische Miniaturen, um den kompakt-direkten Grundsound des Albums noch zu verstärken. Oft dient Musselwhites Harp der bloßen Riff-Verstärkung. Mit seiner ausgedörrten Gesangsstimme adelt er dagegen den Titelsong „No Mercy In This Land“. Mit Zeilen wie „The righteous and the wretched, the holy and the damned – is there no mercy in this land?“ kann der durchaus als Kommentar zur gegenwärtigen Stimmungslage in den Vereinigten Staaten verstanden werden. Zugleich gibt Musselwhite dem Text eine zutiefst persönliche Färbung, wenn er auf den frühen Weggang des Vaters und den Mord an seiner Mutter bei einem Raubüberfall in ihrem eigenen Haus im Jahr 2005 anspielt: „Father left us down here all alone, my poor mother ist under a stone.“

Während Harper virtuos zwischen dräuendem Slide-Spiel auf einer „National Triolian“-Resonatorgitarre und drahtigen Licks auf einer Fender-Telecaster pendelt, zieht und dehnt Musselwhite die Töne auf seiner Mundharmonika wie ein Gitarrist. Das Vibrato, Fauchen und Pfeifen seiner Harp wirkt sprachähnlich, dann wieder erinnert sie an Sounds von Orgel, Trompete oder Saxophon: „Die meisten Harmonika-Spieler hören sich nur gegenseitig zu. Ich habe dagegen alle möglichen Musiker studiert: Gitarristen wie Grant Green, Bläser wie Chet Baker, ich haben allen zugehört, um auf neue Ideen zu kommen,“ erklärt Musselwhite. Harpers souveräne Gitarrenarbeit vergleicht er inzwischen großherzig mit der jener Blues-Legenden, denen er einst seine Mundharmonika-Stimme lieh: Muddy Waters, Howlin' Wolf, John Lee Hooker oder Mike Bloomfield.

Video starten

Harper & Musselwhite
Live from The Manhattan Center

Es ist ihre knochentrockene Aufrichtigkeit, die die Musik der beiden so wertvoll macht. Zusammen mit den beiden Relentless7-Mitgliedern, dem Gitarristen Jason Mozersky und dem Bassisten/Pianisten Jesse Ingalls, sowie Jimmy Paxson am Schlagzeug gelingt ihnen ein intimes und zugleich offenherziges Bekenntnis zum Blues im 21. Jahrhundert. Mit einer Länge von nur fünfunddreißig Minuten ist das neue Album dennoch eine stilistische Wundertüte: Roher Chicago-Blues in Titeln wie „Bad Habits“ oder „Found The One“ kollidiert mit düsteren Geständnissen wie „I Trust You To Dig My Grave“ oder „The Bottle Wins Again“.

Und doch erschöpft sich das Themenspektrum nicht in den gängigen Blues-Klischees von Alkoholismus, gebrochenen Herzen und Spiritualität. Im ewigen Kampf mit den inneren Dämonen schöpft Musselwhite das ganze dramaturgische Potential seiner Mundharmonika im Schlusstitel „Nothing At All“ aus. Mit ihrem Gestus einer trägen Vergeblichkeit fällt die beschwörende Ballade fast ein wenig aus dem Album-Kontext heraus. Und doch schöpft auch sie letztendlich ihre Kraft aus einer Art offensiven Melancholie.

Diese Auffassung vom „Blues als Haltung“ ist für Ben Harper längst zu einer Lebensphilosophie geworden. Mit Blick auf das neue Album gesteht er: „Der Blues ist für mich Beichte und zugleich Quelle von Selbstbewusstsein und Klarheit. Er kann dich an der Kehle packen und allen Müll aus dir rausschütteln.“

Ben Harper and Charlie Musselwhite: „No Mercy In This Land“. Anti (Indigo) 75612

Quelle: Faz.net
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenGrammy Awards