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André Hellers Comeback-Album

Er hatte Sehnsucht

Von Rolf Thomas
Aktualisiert am 12.12.2019
 - 19:22
Er ist ein vielseitiger Künstler, aber auch ein Musiker: André Heller
Wer vergessen hatte, dass André Heller auch Sänger und Musiker ist, wird nun eindrucksvoll daran erinnert: „Spätes Leuchten“ ist ein großes Comeback-Album aus Melancholie und Überschwang.

„Ich wär' ein schlechter Kapitän, die Meridiane sind mein Handwerk nicht“: Mit diesen Zeilen beginnt „Die wahren Abenteuer sind im Kopf“, eins der bekanntesten Lieder von André Heller. Was bei jedem anderen zumindest verstiegen geklungen hätte, bei ihm hört es sich lässig, originell und absolut stimmig an.

Wie groß die musikalische Karriere Hellers von den späten sechziger bis zu den frühen achtziger Jahren war, haben viele vergessen. Das liegt auch an Heller selbst, der sich nicht nur anderem zuwandte - einem Zirkus, Feuerwerken, Gärten, Artisten-Shows, Wunderkammern -, sondern sich auch relativ rüde von seinem musikalischen Schaffen abgrenzte: „Ich musste meine Konzerttätigkeit beenden, weil es mir zur Qual wurde, um 20 Uhr vor einigen tausend Zuhörern begabt zu agieren, nur weil sie Eintritt bezahlt hatten“, lautet das berühmte Zitat. Heute äußert Heller sich gnädiger über sein damaliges Publikum: „Ich durfte spüren, was das für ein enormer Energieaustausch ist. Und wie man in den gesegnetsten Augenblicken zu fliegen beginnt und wenn man, was eine Wollust von mir ist, viel improvisiert, sich selbst überraschen kann und aus der Reserve locken."

Ein Liedermacher?

Es waren aber auch seine Studioplatten, die sich bei denen, die sie gehört haben, nachdrücklich ins Gedächtnis gebrannt haben, von der wohl schönsten Einspielung von Wienerliedern namens „A Musi! A Musi!“ über das dunkel leuchtende „Basta“ bis zum nachgereichten „Stimmenhören“ mit der beeindruckenden Friedensballade „Erhebet Euch, Geliebte“ und dem jiddischen Volkslied „Zehn Brider“. Eingeordnet wurde Heller damals in die Schublade „Liedermacher“, aber sein Sinn für musikalische Qualität hob ihn weit darüber hinaus. Wenn es ihm notwendig erschien, ließ er den amerikanischen Jazz-Saxophonisten Joe Henderson für ein Solo einfliegen, er arbeitete mit Chaka Khan, Freddie Hubbard, Toni Stricker, Laurindo Almeida, Vinnie Colaiuta und Terry Bozzio.

Mit „Ruf und Echo“ erschien vor fünfzehn Jahren eine CD-Box, auf der Hellers Einfluss auf jüngere Musiker dokumentiert wurde, er sang dort unter anderem mit den Walkabouts, mit Brian Eno, Xavier Naidoo und Thomas D von den Fantastischen Vier. Auch die CD-Sammlung „BestHeller“, die 2008 erschien, erhielt einige neue Lieder wie „Leon Wolke“, das in berührenden Worten („wer Treblinka überlebt hat, fürchtet sich auf Erden nicht“) und poetisch verklausuliert das Schicksal des Holocaust-Überlebenden und Gründer des Jewish Welcome Service in Wien, Leon Zelman, schildert.


Jetzt hat André Heller also wieder ein ganzes Album gemacht und es ist, als wäre er nie weg gewesen. Die Mischung aus Melancholie und Überschwang, die seine besten Lieder auszeichnete, prägt auch die sechzehn Lieder auf „Spätes Leuchten“. Geholfen bei der Einspielung haben ihm die britischen Produzenten Robert Rotifer und Andy Lewis, dabei sind Musiker wie der Jazzpianist Martin Klein, der Trompeter Herbert Pixner, der Knopfharmonika-Virtuose Walther Soyka und die persische Sängerin Golnar Shahyar. „Papirossi“ ist eine Feier des Lebens, „Mutter sagt“ eine Erinnerung an Hellers Mutter, die über hundert Jahre alt wurde, „Heldenplatz“ eine typisch ätzende Abarbeitung an seiner Heimatstadt und „Hab so Sehnsucht“ eigentlich ein Liebeslied. Gleichzeitig erklärt es, was Heller als Musiker antreibt. Und den alten Trick, ganz nah ans Mikrofon zu treten, damit er eindringlicher klingt, den beherrscht André Heller natürlich immer noch.

André Heller: „Spätes Leuchten“. (Membran/Sony)

Quelle: FAZ.NET
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