Annette Humpe wird 70

Nach dem Ideal

Von Elena Witzeck
Aktualisiert am 28.10.2020
 - 15:12
Annette Humpe mit Max Raabe
Denn küssen kann man nicht alleine: Die Musikerin, Texterin und Produzentin Annette Humpe berührt seit 40 Jahren etwas Existenzielles in unserem Popgefühlsverständnis. In diesen Tagen wünscht man sich mit ihr in die Südsee.

Wer in den späten neunziger Jahren nach weiblichen Vorbildern im Punk und nach musikalischen Wagnissen suchte, wer alles und nichts beinhaltende Sätze wie „Ich flieg nach Tel Aviv / zum Minimaltarif“ mitsang, kam natürlich nicht an Annette Humpe vorbei. Humpe klang schräger als Nina Hagen, so dass man sich für die eigene Stimme nicht zu schämen brauchte, ihr Sound dreckiger als der von Nena. Dabei stammte alles, was man damals zu hören bekam, aus einer anderen Zeit: den frühen Achtzigern. Man sah es an den Frisuren auf den Plattencovern. „Blaue Augen“ und „Ich küsse Ihren Mann“ waren längst Musikkulturgut. Was danach unter ihrem Namen erschien, ließ sich gar nicht so recht zuordnen. Es waren Hits. Humpe schrieb das auf, was sie und andere berührte.

Wie wandelbar Annette Humpe ist, haben die letzten vierzig Jahre gezeigt. Dieser zu den erfolgreichsten Protagonistinnen der deutschen Musikgeschichte gehörenden, mit Preisen überhäuften Musikerin und Produzentin kann man jedenfalls nicht vorwerfen, ihre Ideale verkauft zu haben. Nach dem Abitur studiert sie in Köln Klavier und Komposition, bricht ab, zieht 1974 nach Berlin, gründet mit ihrer jüngeren Schwester Inga die Neonbabies. Gemeinsam singen sie sarkastisch „Ich bin ein Mann“, spielen immer irgendein Instrument und scheinen auf nichts und niemanden angewiesen zu sein. Dann kommt Ideal. Als deren Frontfrau und Texterin ist Humpe, von Patti Smith und Blondie beeinflusst, stilbildend für die Neue deutsche Welle und den deutschen Pop überhaupt, prägt Synthiegewummer und kantige deutsche Verse. In Songs wie „Eiszeit“ spricht sie tonlos ihre Refrains. Wann war deutscher Pop je schneidiger?

Später schreibt und produziert sie weiter erfolgreich, aber für Männer: Reiser, Lindenberg („Sie wollen immer alle nur meinen Körper / Meine Seele wollen sie nicht“), die Prinzen, dann Max Raabes Palastorchester. Sie, die protestantisch erzogene Perfektionistin, wird entscheiden, dass sie nicht auf die Bühne gehört, ihre eigenen Ansprüche nicht erfüllt. Dabei hatte sich die Neue Deutsche Welle inzwischen in ihrer Schlagerhaftigkeit selbst beerdigt. Und Humpe mit ihrem Duo Ich und Ich und sphärisch-sanfter Stimme nach zwanzig Jahren im Geschäft alles noch einmal neu aufgerollt: Mehr als 2,5 Millionen Platten verkauften Ich und Ich.

Für Herbert Grönemeyers Album „Dauernd jetzt“ hat Annette Humpe 2014 den Song „Einverstanden“ geschrieben, darin heißt es: „Ich schlaf jetzt etwas flacher“ und „Mein Herz ist weit, auch wenn es nichts vergisst“. Selbstironisch und melancholisch rührt sie noch immer die Menschen an. Von den frühen Erfolgen, das hat sie dieser Zeitung einmal im Interview gesagt, könnte sie nicht leben. Es sagt viel über die Nöte von Musikern bis heute und gerade jetzt. Es gibt aber auch einen Funken Hoffnung: Sie möge so schnell nicht aufhören.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Witzeck, Elena
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
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