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Judenhass im Rap

Reim dich, oder ich fress dich

Von Hans Hütt
 - 08:09

Der moderne Antisemitismus kommt nicht mit Springerstiefeln, Runenschrift und „Völkischem Beobachter“ daher. Er braucht keinen Gleichschritt brauner Horden. Die Jugend von heute tanzt im eigenen Stil zu einer Musik, die von der weltweiten Ausrottung der Juden träumt. Das Musik-Video „Apokalypse“ des Musikers Kollegah führt es vor. Es produziert einen Strom antisemitischer Bilder, die den „Stürmer“ blass aussehen lassen. Der Rapper selbst führt den Kampf gegen das Böse, inszeniert sich als Retter der Welt. Auf dem Tempelberg in der Altstadt von Jerusalem findet die entscheidende Schlacht statt. Kollegahs Gegenspieler, der Stellvertreter des Bösen, trägt einen Siegelring mit dem Davidstern. Am Ende des Liedes, nach erfolgreicher Vernichtung des Bösen, singt Kollegah:

„Etliche Jahre sind seit dem Kriegsende vergang’n
Die Menschen auf der Erde leben friedfertig zusamm’n
Man sieht, wie Buddhisten, Muslime und Christen
Gemeinsam die zerstörten Städte wieder errichten
Sie wurden niedergerissen
Doch nun schwören sie, man würde sie nie mehr vernichten und ihr Klima vergiften.“

Nicht ernst zu nehmen?

Kollegah leistet lyrisch ganze Arbeit. Was die Nazis nicht geschafft haben, bringt er reimend zustande: die vollständige Vernichtung der Juden. Wortreich beschwört der Musiker im Film seine Unschuld, faselt von Fakten, heroisiert eine Kultur des Battle-Rap, die doch nur ironisch zu verstehen sei. Die Schimpfwörter der Schlachtlieder seien nicht ernst zu nehmen.

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Campino gegen Kollegah beim Echo
„Provokation im Rap muss Grenzen haben“

Sie werden millionenfach gehört. Der Gleichschritt der Vernichtung alten Zuschnitts verwandelt sich in der Jugendkultur solcher Lieder in einen Tanz der zuckenden Leiber, in eine Verschmelzungsphantasie, in der das Gute so gnadenlos siegt, dass es vom Bösen nicht mehr unterschieden werden kann.

Unheil in Heil verwandeln

Das als Unterhaltung zu bagatellisieren, verfehlt etwas Entscheidendes. Ihr massenhafter Erfolg scheint die Musiker fraglos zu legitimieren. Sie haben sich durch eigene Plattformen abgekoppelt von Kontrollmechanismen der Märkte. Der Antisemitismus der Jugendkultur von heute tut so, als sei, was er produziere, nur Entertainment. Ein solches Verständnis von Unterhaltung lebt davon, dass es Haltungen heroisiert, die Unheil in Heil verwandeln. Der Stil, die Ökonomie der Zeichen, die wirtschaftliche Unabhängigkeit bezeugen eine Kultur der Autonomie, die ihre Erfolge fraglos zu rechtfertigen scheint.

Der Kritiker Lothar Baier, der sich im Juli 2004 in Montreal das Leben genommen hat, sah am Horizont einen Konformismus aufziehen, der sich als Nonkonformismus verkleidet. Das ist der neue Markt einer Jugendkultur, die Außenseiter zu Helden überhöht, die auf Kritik mit Hohn und Verachtung reagiert. Sie fühlen sich – symbolisch – zu allem ermächtigt. Dass die von ihnen entfesselten Zeichen zu einer Drohkulisse werden, sei nur Fun und nicht ernst zu nehmen.

Der Film zeigt auch Gegenstimmen wie Kolja Podkowik von der Antilopen Gang: Es gebe in der deutschen Rap-Szene keinen klassischen Nazi-Antisemitismus. Damit hat er recht und verfehlt den Sachverhalt. Der Deutsch-Rap heroisiert Jugendliche aus muslimischen Familien als die genuinen Nachfolger ihrer amerikanischen schwarzen Brüder. Sie müssen nicht um brennende Mülltonnen tanzen. Ihre Phantasien entfesseln sie aus dem Schicksal einer an den Rand gedrängten Minderheit, die in ihren Battle-Raps seltsame Kurzschlüsse vollziehen wie zum Beispiel der Rapper PA Sports. Im Gespräch mit der Filmemacherin schwadroniert er großspurig über den mit Kollegah eingespielten Track „HS.HC“. Die Abkürzung steht für "Hurensohn Holocaust". Die etymologisch korrekte Erklärung des Wortes Holocaust aus dem Griechischen scheint dem Wort das historische Verhängnis zu nehmen, es in ein Spiel zu verwandeln. Das ist Unsinn, weil PA Sports gleich darauf älteste antisemitische Klischees auftischt, die er als faktische Evidenz, als Wahrheitsbeweis verkauft.

Anschlussfähig für Taten

Es kommt nicht auf einzelne Zeilen an, die sich mit dem Geigerzähler als verstrahlter Müll identifizieren ließen. Es geht um die Heroisierung von Haltungen, die anschlussfähig werden für die Bereitschaft zu Taten. Wer das Böse aus der Welt zu schaffen verspricht, weckt Helfershelfer, die nur darauf warten, zur Tat zu schreiten. Im Provozieren wird etwas hervorgerufen und herausgefordert, das sich verselbständigen könnte, auch wenn die meisten Jugendlichen, die die Musik von Kollegah oder PA Sports hören, sich weit davon entfernt glauben.

Es fehlt den Helden dieser Jugendkultur jede Praxis der Selbstkritik und der Reflexion. Auf kritische Fragen oder Vorhalte antworten sie mit einem Wortschwall, der Einwände wie mit einer Flutwelle wegreißt und aus dem Weg räumt. Eine solche Praxis braucht kein Ermächtigungsgesetz, weil sie sich selbst Gesetz ist.

Der Musik-Manager Erfan Bolourchi behauptet, die Rap-Zeile von Haftbefehl, er ticke Kokain an die Juden von der Börse, beschreibe doch bloß faktisch die Kundschaft. So führt die Behauptung einer Tatsache zurück zu ältesten antisemitischen Klischees. Der zuckende Rhythmus bringt wieder in Verkehr, was für überwunden gehalten wurde.

Die Musiker machen sich einen zu schlanken Fuß, wenn sie einzelne Zeilen ihrer Raps bloß zu einer lokalen Fehde verniedlichen.Wer dem jüdischen Rapper SpongeBozz mit totaler Vernichtung droht, verniedlicht das Wort Holocaust. Von da ist es nicht weit zu netten Pogrömchen, bei denen ganz andere Kameraden gerne mitmischen würden. Es fehlt nicht viel und eine solche verniedlichte Jugendkultur wird anschlussfähig für die Bereitschaft zu Taten von Leuten aus dem rechtsradikalen Milieu, obschon die bisher ihre eigene Musikkultur pflegen wie der Dokumentarfilmer Thomas Kuban in dem Film „Blut muss fließen – Undercover unter Nazis“ 2011 gezeigt hat.

Die Dokumentation „Die dunkle Seite des deutschen Rap“ ist in der ARD-Mediathek zu sehen.

Quelle: FAZ.NET
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