Aufgelöst: The Whitest Boy Alive

Zeigt etwas Mut und macht weiter!

Von Jan Wiele
03.06.2014
, 15:30
Das kann doch noch nicht alles gewesen sein: The Whitest Boy Alive
Wo immer diese Band auftrat, wurden die Menschen zu Tanzflummis. Die Strukturen elektronischer Musik imitierte sie zauberhaft von Hand. Nun haben The Whitest Boy Alive sich aufgelöst. Wie schade!
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Dicht gedrängt stehen die vier Jungs in dem Raum des Berliner Brillengeschäfts, das kleine Schaufenster macht den Laden zur Bühne für die ganze Straße. Man muss nur die ersten Takte von „1517“ hören, um zu begreifen, was für eine sagenhafte Kapelle hier spielt, bald bebt der Boden und hüpft die riesige Menschentraube draußen auf und ab. „One of our best moments“, hat der Bassist Marcin Öz selbst das Video kommentiert. Das war im März 2009, bei der Release-Party zum Album „Rules“.

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Nun haben The Whitest Boy Alive sich aufgelöst. Auf der Webseite der Band um dem norwegischen Sänger und Gitarristen Erlend Øye heißt es: „Die Regeln, die wir für uns selbst gemacht haben, wurden zu einem Goldenen Käfig“ - eine kryptische Mitteilung, die sowohl auf das Album „Rules“ als auch auf den Song „Golden Cage“ vom Debütalbum (2006) anspielt.

Sklaven des Rhythmus: Erlend Øye und Marcin Öz
Sklaven des Rhythmus: Erlend Øye und Marcin Öz Bild: Kretzer, Michael

Dass sich die Grundregeln dieser Band verbraucht haben, kann man indes kaum glauben - hat sie doch wie keine andere zuvor demonstriert, dass man die Struktur elektronischer Tanzmusik auch völlig ohne Computer und Samples, sondern nur Mit Gitarre, Bass, Schlagzeug (Sebastian Maschat) und einem aufmüpfigen Fender-Rhodes-Keyboard (Daniel Nentwig) imitieren kann. In dieser Manier hat sie großartige Hits wie „Burning“, „Keep a Secret“, „Courage“ und eben „1517“ geschaffen, mit denen sie nicht nur Berlin, sondern die ganze Welt begeistert und so manches Festival aufgemischt hat. Wer sie je live gesehen hat, den wird die Botschaft der Auflösung nicht kalt lassen. Ihre Zitatbotschaft möchte man ihr am liebsten zurückgeben: „Show some courage!“, macht weiter!

Zehn Jahre, nur zwei Alben - und das soll es also gewesen sein? Der einzige Hoffnungsschimmer, den die Nachricht birgt, ist dieser: Wenn der Tausendsassa Erlend Øye ein Projekt weniger hat, wird er dafür wohl ein neues anfangen. Oder sich wieder um sein ebenfalls sehr gutes Gitarrenduo Kings of Convenience kümmern, von dem man auch schon länger nichts mehr gehört hat. Aber schöner noch wäre es, wenn beide seiner Bands noch nicht am Ende wären.

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Quelle: Faz.net
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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