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Zum Tod von DJ Avicii

Tanzen bis zum Ende

Von Elena Witzeck
 - 20:19

Aviciis Song “Wake me up” ist einer dieser typischen Sommerhits, die uns eher zu rhythmischem Kopfnicken animieren als zum Nachdenken darüber, dass auch Sätze wie „Feeling my way through the darkness, guided by a beating heart” und „I tried carrying the weight of the world, But I only have two hands” darin vorkommen.

Im Musikvideo fragt ein Mädchen seine Schwester an einem abgelegenen Ort, wo die Menschen ihr aus geheimnisvollen Gründen feindselig nachschauen, warum man sie nicht akzeptiere. Die Ältere, die keine Antwort darauf hat, sattelt ein Pferd und reitet davon, in eine Stadt, wo sie beim Tanz in der Menge, natürlich zur elektronischen Musik des schwedischen DJs, zum ersten Mal Verbundenheit spürt, Versenkung unter Gleichen, ganz ohne Sonderstatus. Dieses Gefühl dürfte auch Avicii bekannt gewesen sein.

Am Freitag starb Tim Bergling, wie Avicii mit bürgerlichem Namen hieß, mit 28 Jahren in Maskat, der Hauptstadt des Oman, wie seine Sprecherin Ebba Lindqvist mitteilte. Ein Verbrechen sei auszuschließen, meldete die Polizei wenige Stunden später. Mehr Informationen wurden nicht bekannt. Es war das Ende einer kurzen, intensiven Karriere, die vor allem von Druck und Extremen geprägt war.

In Stockholm geboren, fing Bergling mit 16 Jahren an zu mixen, mit 18 tourte er als DJ durch die Clubs der Hauptstadt. Der holländische Produzent Laidback Luke entdeckte das Talent des Jungen mit den hohen Wangenknochen und den hellblonden, dünnen Haaren auf MySpace. Bergling entlieh seinen DJ-Namen dem buddhistischen Begriff Avici für die tiefste buddhistische Hölle. Als er gerade 21 Jahre alt war, begann sein weltweiter Erfolg mit dem Hit „Levels“, von da an produzierte er einen Hit nach dem anderen. „Wake me Up“ gehörte in Deutschland zu den am meisten heruntergeladenen Songs.

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Tod mit 28 Jahren
Star-DJ Avicii tot aufgefunden

Berglings Aufstieg fiel in eine Zeit, als elektronische Tanzmusik in den Vereinigten Staaten ein breiteres Publikum zu erreichen begann. Das britische „DJ Magazine“ kürte ihn 2012 und 2013 zum drittbesten Discjockey, er gewann zwei MTV Music Awards und einen Billboard Music Award, wurde zweimal für einen Grammy nominiert, füllte Hallen mit Tausenden von Fans. Die Mischung aus minimalistischer Technik und eingängigen Melodien klang wie ein aufregendes Experiment, nicht zuletzt, weil Genregrenzen bei Avicii keine Rolle spielten. So arbeitete er mit Lenny Kravitz, Madonna, Chris Martin von Coldplay, Jon Bon Jovi, Robbie Williams und David Guetta zusammen, wurde zu einem der erfolgreichsten DJs der Elektropop-Branche und damit auch zum Pionier der elektronischen Musik.

Dass trotzdem ein eigentümlicher Ernst in seiner Tanzmusik für den Massengeschmack liegt, hat viel damit zu tun, dass sich Bergling im Rampenlicht selbst nie besonders wohl fühlte. Vom DJ-Pult aus die Menge zu dirigieren, reizte ihn nicht, am wohlsten fühlte er sich vor seinem Computer, wenn er Tracks zusammenstellte. Das unermüdliche „Get the party started“-Image erfolgreicher DJs wie es David Guetta und Fat Boy Slim pflegten, dekonstruierte er Stück für Stück, wenn auch nicht immer freiwillig.

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„Wake Me Up“ von Avicii

2013 sagte er dem Time Magazin in einem Interview: „Ich bemerkte, dass mein Körper und mein Geist nicht damit zurechtkamen.“ Der viele Alkohol machte ihm zu schaffen, schon 2012 entzündete sich seine Bauchspeicheldrüse. Bergling aber produzierte weiter, blieb rastlos. Nachdem ihm 2014 Gallenblase und Blinddarm entfernt wurden, sagte er Auftritte ab, um sich zu erholen. 2016 hörte er auf zu touren und kündigte an, nicht mehr live aufzutreten, machte aber weiterhin Musik. Er kehrte zurück an den Ort, wo ihm nach seiner Ansicht am meisten gelang – ins Studio.

In der Dokumentation „True Stories“ von Levan Tsikurishvili sprach Bergling 2017 über seine Belastungen: „Alle wissen, dass ich Angstattacken hatte. Ich hab es trotzdem versucht, aber nicht erwartet, dass die Leute mich zu immer mehr Shows drängen würden, obwohl sie doch sehen konnten, wie mies ich mich fühlte." Zuletzt, als er 20 Kilogramm abgenommen und ausgesehen habe wie ein Skelett, habe er begriffen, dass er Zeit für sich brauchte.

Trotz oder auch gerade wegen sein Empfindsamkeit gegenüber der Branche war Avicii weltweit als außergewöhnlicher Musiker angesehen. Der deutsche Produzent und DJ Felix Jaehn erklärte nach dem Bekanntwerden von Berglings Tod, dessen Lied „Levels“ habe ihn erst dazu gebracht, seine eigene Musik zu machen. Madonna schrieb auf Instagram: „Mach es gut, süßer Tim“, der „Guardian“ bezeichnete Bergling als „Vorzeigejungen der elektronischen Tanzmusik“. In Stockholm legten Discos und Nachtclubs um Mitternacht eine Schweigeminute ein.

Im Oman war Bergling, um Urlaub zu machen, mit Freunden zu reisen und sich für einige Wochen treiben zu lassen. Offenbar gefiel es ihm in dem arabischen Land so gut, dass er seinen Aufenthalt noch verlängerte. Es sollte eine Auszeit sein.

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Avicii – „Hey Brother“

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„Levels“ von Avicii

Quelle: FAZ.NET
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
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