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Bob Dylan wird 80

Ein Mann für keine Tonart

Von Edo Reents
24.05.2021
, 08:03
Mürrischer Scherzkeks: Bob Dylan, 1965. Bild: Christie's Images Ltd/ARTOTHEK
Er ist ein wandelnder Widerspruch, doch über ihn sind die Leute sich verdächtig einig: Nicht nur Bob Dylan selbst hält sich für unsterblich. Nun wird er achtzig.
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Es ist alles einigermaßen wahr, was man über ihn weiß, vieles steht geschrieben, manches ist sogar gesungen, und zwar von Bob Dylan persönlich. Wenn man sich die Interviews ansieht, die der Musiker gegeben hat, bekommt man einen guten Eindruck von diesem Mann, der fast krankhaft auf seine künstlerische Freiheit bedacht, aber am Anfang auch ein regelrechter Scherzkeks und Frechdachs war, der seinen Respekt vor anderen Leuten sorgfältig dosierte und von dem selten ernsthafte Auskünfte zu bekommen waren; der sich, vor allem in seiner Frühphase, vielmehr einen Spaß daraus machte, mit Nonsensantworten solche Fragesteller zum Besten zu halten, die es eigentlich gut meinten mit ihm, für die so eine Type wie er doch auch ganz neu war und die vielleicht gar nicht immer wussten, was sie ihn jetzt fragen sollten.

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Mit der Zeit wurde Dylan dann etwas vernünftiger. Wenn man Glück und der Meister gute Laune hatte, konnte man sich mit ihm sogar halbwegs normal unterhalten. Heute wissen wir allerdings, dass das nur Notwehr war. Über die Zeit seiner größten, von keinem anderen Rockmusiker erreichten Schaffenskraft sagte er: „Man hätte mich in dieser Phase in Ruhe lassen sollen.“ Leider ist es dafür zu spät.

Der „Shakespeare seiner Generation“

Viel vom dümmeren Zeug, das zumal der jüngere Dylan von sich gegeben hat, ist jetzt nachzulesen in dem von Heinrich Detering herausgegebenen Band „Bob Dylan – Ich bin nur ich selbst, wer immer das ist“. Neuerdings bildet er sich ein, er wäre Anne Frank, Indiana Jones, die Rolling Stones, Edgar Allan Poe und Walt Whitman in einem; aber so etwas muss man nun wirklich nicht mehr glauben. Bei der New York Times glaubt man aber wahrscheinlich immer noch, dass er der „Shakespeare seiner Generation“ wäre, was schon deswegen nicht stimmen kann, weil Dylan selbst immer bestritten hat, überhaupt einer Generation anzugehören.

Nennen wir ihn also weiterhin „Bob Dylan“. Aber wer war das noch mal? Dafür, dass er von nichts eine Ahnung haben will, hat er es weit gebracht: inzwischen zum wahrhaft alten weißen Mann, der niemandem mehr ein Dorn im Auge ist und der im Prinzip machen kann, was er will, man zerbricht sich sofort den Kopf darüber. Selbst Leute, von denen man bisher gar nicht wusste, dass sie mit ihm auch nur irgendetwas am Hut hätten, reden inzwischen mit, nachzulesen zum Beispiel in dem gerade von Stefan Aust und Martin Scholz herausgegebenen Buch „Forever Young – Unsere Geschichte mit Bob Dylan“, in dem durchweg Personen aus Kultur und Politik sich über ihn auslassen, die ebenfalls schon älteren Baujahrs sind. Als Dylan selbst noch jung war, wollte man ihn mit der Bemerkung aus der Reserve locken, dass ihn ja nur Sechzehn- bis Fünfundzwanzigjährige gut fänden. Und er sagte, wie immer um keine Antwort verlegen: „Ich sehe nicht, was daran so seltsam sein soll, dass diese Altersklasse meine Musik hört. So schlau bin ich auch, dass ich weiß, dass es nicht die Fünfundachtzig- bis Neunzigjährigen sind.“ Lange ist es her.

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Zu den halbwegs gesicherten Tatsachen gehört, dass Dylan das Getue, das seit mittlerweile sechzig Jahren um ihn gemacht wird, im Grunde nie ertragen konnte: „Es ist sehr ermüdend, wenn dir andere ständig sagen, wie sehr sie auf dich abfahren, und du selbst nicht auf dich abfährst.“ Er selbst, das wurde oft erwähnt, legt Wert auf die Berufsbezeichnung „song and dance man“. „Singen“ und „Mann“ ist zweifellos richtig, aber „tanzen“? Kommt darauf an, was man darunter versteht. Sonderlich viel zum Schwofen hat Dylan bislang nicht gespielt, am ehesten noch „Winterlude“, zu dem man prima Wiener Walzer tanzen kann.

Bob Dylan
Bob Dylan: „Things have changed“

Und seine Songs, sein Markenzeichen? Die sind, man muss das einmal in aller Deutlichkeit sagen, halb geklaut und halb gefunden, partly truth and partly fiction, der ganze Mann eine walking contradiction. Es ist aber bemerkenswert, dass die Münze, in der Dylan es seinem ihm so bald lästig gewordenen Publikum heimzahlt, immer noch der Song ist. Nun haben auch andere Leute welche geschrieben; aber er wollte, auch hierin erfrischend unoriginell, nie etwas anderes sein als immer nur ein Songwriter, obwohl er ja auch Bücher geschrieben, Filme und Radio gemacht und gemalt hat. Seine Texte sind, um das Mindeste zu sagen, äußerst knifflig. Einmal wurde er gefragt, was er tun würde, wenn er amerikanischer Präsident wäre: die Nationalhymne abschaffen und die Kinder statt ihrer „Desolation Row“, seinen eigenen Song von 1965, auswendig lernen lassen. Dabei müsste Dylan doch wissen, dass Kindesmisshandlung verboten ist: Elf Minuten ist das Werk lang, einige andere seiner Songs hören überhaupt nicht mehr auf.

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Schon ewig auf „never ending tour“

Sympathisch an ihm ist, dass er Songs mit Botschaften „nervtötend“ findet. Die Frage ist bloß, warum er dann so viele davon geschrieben hat, manche glauben gar, da steckte das halbe Abendland drin, von Homer, Ovid, Dante und Brecht an aufwärts. Wer ihn in ein Gespräch darüber verwickeln will, beißt jedenfalls schnell auf Granit: „Schon gut, jetzt hören Sie mal – wir müssen nicht allzu tief schürfen, so kompliziert ist die Sache nicht.“ Zum Glück singt Bob Dylan ja so undeutlich, dass man eh nur die Hälfte versteht.

Wenn wir einen aktuellen Lieblingssong von ihm nennen dürften, wäre es entweder einer der harten Kracher aus Dylans frommer Phase, vielleicht „Gonna Change My Way of Thinking“ oder „New Pony“. Oder, ganz etwas anderes, „Tell Me“, eines seiner schönsten Liebeslieder, auf dem er sich fast schon von einer menschlichen Seite zeigt. Wobei ihm eine übermenschliche Sicht der Dinge nicht fern liegt: Offensichtlich ist Bob Dylan überzeugt, dass der Tod ihn persönlich gar nicht betrifft, er ist ja auch schon ewig auf „never ending tour“. Damit geht es ihm wie der traditionellen Musik, auf die er so große Stücke hält: „zu unwirklich, um zu sterben. Sie muss nicht geschützt werden. Niemand kann ihr etwas anhaben. Nur sie kann den echten, wahren Tod heute mithilfe eines Plattenspielers spürbar machen.“

Bevor es jetzt zu ernst wird, wechseln wir besser die Denkrichtung; das war ja, wenn wir es richtig verstanden haben, auch immer sein Motto. Wie wäre es also mit: weniger Respekt, aber mehr Liebe für Bob Dylan? Noch ist der Mai nicht zu Ende, der alles neu macht – so wie wir diesen Jubilar kennen, auch den „song and dance man“, der am Pfingstmontag achtzig wird.

Quelle: F.A.Z.
Edo Reents
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