Springsteens „Letter to You“

Er bringt die Band wieder zusammen

Von Jan Wiele
Aktualisiert am 22.10.2020
 - 11:25
If you’re happy and you know it, clap your hands: Bruce Springsteen (Mitte) im Kreise seiner Lieben.
Klingt nicht nach null, sondern nach hundert: Bruce Springsteen und seine alten Kollegen aus der E Street wirken auf dem Album „Letter to You“ überaus frisch und kraftvoll. Anti-Trump-Songs sind ihnen zu langweilig. Es geht um viel schönere Themen.

Wenn Rockmusiker jenseits der siebzig noch neue Alben aufnehmen, lautet die sich aufdrängende Frage nicht nur: Sind sie gut?, sondern genauer: Sind sie noch so gut, wie sie einmal waren?

Der traurige Fall des jüngst verstorbenen Gitarrenhelden Eddie Van Halen etwa zeigt, dass es alles andere als selbstverständlich ist, sich in diesem Ausdauersport gut zu halten: Er, der die siebzig nicht erreichte, war schon mit Mitte fünfzig ausgebrannt, absolvierte peinliche Trunkenheitsauftritte, bis es gar nicht mehr ging. Und viele andere Rocker, die noch leben und aus purer Lust, aus Lust auf Geld oder auch aus Dankbarkeit für ihre Fans noch Konzerte geben, zeigen allzu oft, wie die Kräfte oder die Stimmen versagen.

Zu Bruce Springsteens Siebzigstem hatten wir schon geschrieben, dass es sich bei ihm anders verhalte und er topfit wirke. Das hat er nun selbst bekräftigt mit der erfrischenden Aussage, er fühle sich so kraftvoll wie nie und lege gerade erst los. In den besten Stücken seines am Freitag erscheinenden neuen Albums „Letter to You“ (Sony) bestätigt sich das: Er und seine E Street Band klingen da manchmal gerade so, als hätte man sie mit einer Zeitmaschine aus dem Jahr 1984 nach heute transportiert: Glory Days are here again.

Wummerndes Schlagzeug, bei dem jeder Snaredrum-Schlag wie eine Explosion klingt, röhrendes Saxophon und triumphierendes Glockenspiel, darüber dann noch die sich verausgabende Feuerstimme des Bosses: „Zero’s my number / Time is my hunter / I wanted you to heal me / But instead you set me on fire“, singt er in „Burnin’ Train“. Klingt nicht nach null, eher nach hundert.

Begleitfilm geprägt von doppelter Nostalgie

Das Stück mit dem bezeichnenden Titel „Last Man Standing“ bezieht sich auf Springsteens erste Band, die Castiles, von der mittlerweile alle anderen Mitglieder verstorben sind. Auch in der E Street Band gab es Todesfälle: Keyboarder Danny Federici und Saxophonist Clarence Clemons sind nicht mehr da, Letzterer wurde durch seinen Neffen Jake ersetzt. Verblieben sind der Schlagzeuger Max Weinberg, der Gitarrist Nils Lofgren, der Keyboarder Roy Bittan und Springsteens Ehefrau Patti Scialfa als Mitsängerin – und, vielleicht am wichtigsten, auch der Alleskönner „Little Steven“ Van Zandt, wie immer mit Kopftuch, der für Springsteen so viel mehr als ein Sideman ist, auch eine Solokarriere gemacht hat und selbst demnȁchst siebzig wird. Wenngleich stellenweise verändert, gelingt der Gruppe die verblüffende Rekreation ihres so charakteristischen Ur-Klangs.

Der Begleitfilm, der gleichzeitig mit dem Album auf dem Portal „Apple TV“ veröffentlicht wird, ist geprägt von einer doppelten Nostalgie. Zum einen, weil darin die gealterten Musiker auf ihre verlorenen Freunde und vergangene Zeiten anstoßen, zum anderen aber auch schon wieder als Dokument selbst: Denn die Aufnahmen, im November 2019 und somit vor der Corona-Pandemie entstanden, zeigen eine im engen Raum von Springsteens Home-Studio in New Jersey sich in jeder Hinsicht nahekommende Band, die von eben jener Nähe immer gelebt hat und sie auch in den größten Arenen der Welt gut an Tausende andere vermitteln konnte. Danach, dass sie diese Arenen so bald wieder bespielen könnten, sieht es derzeit nicht aus. Aber immerhin geplant ist es für das kommende Jahr.

In mancher Hinsicht bricht das Album gewitzt mit Erwartungen: Den appellatorischen Titel hȁtte man fast als Aufforderung zur (Brief-)Wahl eines neuen amerikanischen Prȁsidenten deuten können. Doch offenbart es kaum klare politische Botschaften, und Springsteen war schlau genug, dem „Rolling Stone“ zu sagen, dass ein Album voller Anti-Trump-Songs doch langweilig geworden wäre. Stattdessen scheint musikalischer Witz intendiert: So ist „House of Guitars“ eine Klavierballade, und „Janey Needs a Shooter“ ist kein Werbelied für die Waffenlobby, sondern „shooter“ hier wohl eher als Slang für einen treuen Freund zu verstehen.

Das erste Stück dieses ansonsten wie eine ausgiebig zelebrierte Umsetzung des Blues-Brothers-Mottos „Wir bringen die Band wieder zusammen“ wirkenden Albums hat die Band allerdings gar nicht an Bord. „One Minute you’re here / One Minute your’re gone“ singt Springsteen da über dünner Zupfgitarre, in deutlicher Anlehnung an sein Folk-Album „The Ghost of Tom Joad“. Und ist auch dabei noch so gut wie damals.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot