Carla Brunis neues Album

Anmutig verlogen

Von Wiebke Hüster
29.10.2020
, 10:38
Das leere Zimmer am Ende des Flurs: Carla Bruni hat ein neues Album. Vieles ist kompliziert geblieben. Der Abschied vom eigenen Sohn ist neu.

„Il est compliqué.“ Oder ist es in Wahrheit ganz einfach? Man könnte sich – allein marketingtechnisch – fragen, wie Carla Bruni Sarkozy seelenruhig ihr neues Album „Carla Bruni“ veröffentlichen kann, während ihr Mann Nicolas, der Vater eines ihrer Kinder und früherer französischer Staatspräsident, 44 Stunden lang von den Behörden verhört wird. Er wird verdächtigt, für seine politische Karriere Gelder von Muammar al-Gaddafi angenommen zu haben. 2017 sei aus Libyen illegale Wahlkampffinanzierung geflossen, so der Vorwurf. Die Antwort lautet, es ist einfach und kompliziert zugleich. Einfach insofern, als es das Naheliegende ist, wenn bei Vorwürfen gegen eine Person ihr engstes Umfeld tut, als sei nichts. Wenn also Carla Bruni tut, als wäre sie nicht nur eine selbstverständlich selbstbewusste, unabhängige Person, die ihre eigenständigen Karriereinteressen verfolgt, sondern auch, als spiele es dabei keine Rolle, wer ihr Mann war und ist und ob das, was er erst vor drei Jahren getan haben soll, eventuell kriminell war.

Wirklich einfach ist es, wenn man bedenkt, dass es Bruni auch vollkommen schnuppe sein kann. Es ist genug Geld da. Vielleicht ist auch genug Liebe da zwischen ihr und Sarkozy, das jedenfalls suggerieren gleich mehrere ihrer zur Gitarre gesungenen, wie immer schönen, kleinen Lieder. Und hier wird es kompliziert, hier bei diesen Liedern. Manche können sie nicht hören, weil Bruni zu intelligent ist, um nicht die politische Vertraute ihres Mannes zu sein, partner in crime, um nicht vertraut zu sein mit sämtlichen Abwegen, die er möglicherweise gegangen ist. Andere können sie schon viel länger nicht hören, weil sie der Tochter des Philosophen Bernard-Henri Lévy den Mann ausgespannt hat, allerdings erst, nachdem sie mit dem Vater des Mannes zusammen war. Das Lied, das „Bygones“ hieße, oder „Je suis désolée“, das Lied hat Bruni bislang nicht geschrieben, und vermutlich wird sie es auch nie schreiben. Stattdessen singt sie auf dem neuen, nur mit ihrem Namen betitelten Album (Universal Music )„La chambre vide“: ein Lied über ein leerstehendes Zimmer am Ende eines Flurs. Es ist das Zimmer, aus dem ihr neunzehnjähriger Sohn aus der Verbindung mit dem abspenstig gemachten Raphaël Enthoven vor kurzem ausgezogen ist.

Der Schmerz einer Mutter

Brunis schöne, leise, leicht ins Heisere und Ersterbende und wieder zurück ins Helle, Mädchenhafte wechselnde Stimme besingt das verlassene Zimmer. Das Lied beschreibt ein Lebensereignis, das man akzeptieren muss, weil es richtig ist, weil es gesund und gut ist. Gleichzeitig handelt es sich um einen Moment im Leben einer Frau, auf den sie niemand vorbereitet. Alle reden über die Geburt und die Wehen, aber niemand sagt zu Schwangeren, welche Schmerzen sie empfinden werden, wenn ihre Kinder das Elternhaus verlassen. Das ist schwer, und Bruni besingt es leicht und mit anmutiger Trauer.

So kompliziert es ist, fast jedes der vierzehn Lieder auf dem neuen Album ist von dieser Konzentration. Man hört, wie Bruni seit „French Touch“ älter geworden ist, wie diese einstweilen vorübergehenden Gefühle von Schwäche, von Resignation, von Traurigkeit und Kraftlosigkeit, von Verlust ihren Gesang verändern. Sie lässt es zu, und das ist großartig.

Vielleicht ist sie eine verlogene, vielleicht eine verkommene Person, aber mit ihrer Musik zielt sie auf Momente der Erkenntnis, der Konfrontation und meißelt alle Widersprüche ihrer denkenden Existenz ein in die Akkorde. Man kann doch überrascht werden davon, wen man liebt, und man kann eingestehen, überrascht zu sein, wie lange eine solche Liebe hält. Der Begriff der Selbstreinigung und seine Anwendungen erstaunen so oft wie nicht im Fall von Carla Bruni Sarkozy. Wer das zu kompliziert findet, ist raus, was ihre Musik betrifft. Diese Musik wird andererseits auch nicht interessanter dadurch. Sie ist, was sie ist. In der Kunst, das zu erreichen, ist Bruni fabelhaft.

Quelle: F.A.Z.
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