Celan-Abend bei „Enjoy Jazz“

Sprachgitter, zersägt

Von Jan Wiele
Aktualisiert am 28.10.2020
 - 15:58
 „Es ist völlig egal, was der Dichter wollte!“: Was Paul Celan wohl von dem Jazz-Spektakel in Mannheim gehalten hätte?
Am Celan-Abend beim Festival „Enjoy Jazz“ verweigerte sich das Ensemble Modern jeglicher Melodie und jeglichem Rhythmus. Eine Provokation ganz im Sinne des Werkes?

Die Kombination von Jazz und Lyrik hat eine gute Tradition. Nach den Beatpoeten fällt einem dazu im deutschen Sprachraum etwa Peter Rühmkorf ein. Aber wer den Namen Paul Celan in diesem Kontext sieht, wird auf Anhieb vielleicht erst einmal schlucken: Celan und Jazz? Für das jährliche Herbstfestival „Enjoy Jazz“ kein Problem, bietet es doch längst neben Jazz auch „anderes“. Also warum nicht mal einen Abend zwischen allen Künsten, der sich auch der Exegese widmet?

Der Literaturkritiker und Celan-Experte Helmut Böttiger stimmte mit seiner Einführung im Mannheimer Rosengarten auf die Musikalität ein, die den Gedichten des vor fünfzig Jahren Gestorbenen innewohnt, von der (bekanntlich zuerst als Tango gedachten) „Todesfuge“ bis hin zum „Cello-Einsatz von hinter dem Schmerz“ (so ein Gedichtanfang) im späteren Werk. Er erinnerte zudem daran, dass Celan bereits mehr als hundert Mal vertont wurde.

Pfeifen, quietschen, kratzen, sägen

Im Gespräch mit dem Dichter und Büchnerpreisträger Marcel Beyer, der selbst mit Vertonungen Erfahrung hat, stieß Böttiger dann auf eine fundamentale Differenz: „Es ist völlig egal, was der Dichter wollte!“, rief Beyer aus, als Böttiger über kongeniale Vertonungen sprach. Das war natürlich eine Steilvorlage für die Einordnung des nun folgenden Auftritts des Ensemble Modern samt Gedichtvortrag des Schauspielers Jens Harzer: Sollte die Tonkunst des Ensembles hier für sich stehen, oder sollte sie sich auch irgendwie auslegend zu Celan verhalten?

Harzer las Celan mit einer sichtbaren Körperlichkeit: so, als müsste er sich schon vor dem stimmlichen Anheben erst „eingrooven“, in den Sprachrhythmus finden. Vielleicht war dies auch eine Gegenbewegung zum Ensemble Modern, dessen drei Mitglieder sich hier nicht nur jeglicher Melodie, sondern auch jeglichem Rhythmus verweigerten: Der Pianist Hermann Kretzschmar traktierte Saiten und Korpus des Steinway-Flügels klopfend, schlagend und reißend; der Flötist Dietmar Wieser pustete und röchelte, und das meist tonlos, evozierte bisweilen auch Georg Trakls „dunkle Flöten des Wahnsinns“; die Cellistin Eva Böcker bearbeitete ihr Instrument einmal gar mit der Kreditkarte.

Pfeifen, quietschen, kratzen, sägen: Wenn man die vielzitierte Stelle aus Celans „Fadensonnen“ so begreift, dass nach der Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts Lieder zu singen nur noch „jenseits der Menschen“ möglich sei, ist die Atonalität, ist das Geräusch anstelle des Klangs die einzige konsequente Entsprechung seiner Gedichte.

Von der „modernen, eben nicht mehr wohlklingenden Musikalität der Gedichte Celans“ ging die Veranstaltung schon in der Ankündigung aus. Aber da darf man vielleicht Einspruch erheben, nicht nur mit frühen, sondern auch mit späten Gedichten Celans. So heißt es etwa in dem hier von Harzer auch vorgetragenen „Lob der Ferne“: „Im Quell Deiner Augen / leben die Garne der Fischer der Irrsee“. Sollen diese Zeilen denn als gänzlich unlyrisch gelten? „Im Quell Deiner Augen / treib ich und träume von Raub“: Hört man da in der Anlaut-Wiederholung keinen Sprachrhythmus? Und ist die Grundaussage des Gedichts nicht sowohl ein Widerhall von Shakespeares Sonett Nr. 29 als auch des Bach-Chorals „Bist du bei mir, geh’ ich mit Freuden zum Sterben“?

Und selbst noch in den Gedichten aus dem Band „Atemwende“ (1967), dem auch die Cello-Stelle entstammt, finden sich solche wie „Hafen“, die einerseits direkt auf moderne Musik Bezug nehmen mit Formulierungen wie den „zwölf-tonigen Liebeslautbojen“, dabei aber andererseits eben doch wieder durchaus schön klingen. Sie unterlaufen damit - in gezielter Paradoxie? - den Eindruck der in der Moderne „nicht mehr schönen Künste“.

Den Blues hörbar machen

Auf Bezüge Celans zu Bach kamen Böttiger und Beyer an anderem Beispiel zu sprechen, und Böttiger wies zudem auf Celans Berührungen mit Chansons und schwarzen Spirituals in Paris hin. Der Cello-Einsatz von hinter dem Schmerz beziehe sich, glaube man einer Erzählung von Celans Geliebter Gisela Dischner, auf den zweiten Satz von Dvořáks Cello-Konzert – mithin auf ein hochromantisches Werk. Die Möglichkeit des Wohlklangs schien man an diesem Abend indes nur theoretisch in Betracht ziehen zu wollen. Aber es gibt Wohlklänge bei Celan, durch die ihr Gegensatz erst umso drastischer wirkt.

Ganz, ganz vorsichtig rang sich das Ensemble Modern gegen Ende zu einem angedeuteten Dur-Klang hin – aber warum nicht auch einmal klanglich noch viel stärker die Zerrissenheit zwischen Schönem und Schrecklichem illustrieren, die viele Gedichte Celans prägt? Oder den Blues hörbar machen, der etwa in dem Gedichtanfang „Die Sonnen des Halbschlafs sind blau wie dein Haar eine Stunde vor Morgen“ liegt?

Indem das nicht passierte, war dieser Abend, der am 8. Dezember um 22 Uhr auf SWR2 nachzuhören sein wird, auch eine Provokation – und das wiederum ist bestimmt im Sinne des Celan’schen Werks wie auch des Jazz.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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