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Olga Scheps spielt Scooter

Kurzschluss zwischen Baxxter und Beethoven

Von Thomas Lindemann
 - 14:56

In den Popmagazinen lästern sie schon. „Leider ernst gemeint“, liest man, sei es, dass die Klassikpianistin Olga Scheps jetzt Musik von Scooter spielt. Natürlich nur so ein Coup fürs Weihnachtsgeschäft. „Zum Glück“ habe man es noch nicht gehört, schreibt einer, der sich nicht einmal der Musik aussetzen will.

Es scheint wohl doch noch ein Sakrileg zu sein – nicht etwa, dass eine bewusst am stumpfen Spaß orientierte Musik nun Klassik sein soll. Sondern umgekehrt. Manch einen stört es, dass Finger aus einer anderen Musiksphäre sich über den heiligen Scooter hermachen. Und heilig ist er längst. Spricht man im Ausland mit Musikinteressierten über die nicht unbedingt glorreiche Popnation Deutschland, gibt es oft nur zwei Namen: Kraftwerk. Und Scooter. Der Niedersachse Hans Peter Geerdes alias H.P. Baxxter ist weltweit bekannt und hat mehr als 30 Millionen Alben verkauft. Seine Band ist derzeit, nach 25 Jahren hoch erfolgreicher Karriere, ohnehin dabei, sich selbst zu musealisieren. Eine Fünf-CD-Box erscheint diese Woche. Da passt nun auch diese Kooperation mit einer Pianistin ins Bild.

Am Donnerstag erscheint „100% Scooter – Piano Only“ (Kontor/Edel), auf dem eine Musikerin sozusagen besonders einsam ist, spielt sie doch diese überladenen Knaller ganz ohne Urschrei und Mickey-Maus-Stimmen, sondern besonders sparsam auf dem Klavier. Und es hat sicherlich einige Denkarbeit gekostet, wie man all das Bum-Bum bloß in Musik für zwei Hände und einen Flügel verwandelt. Das ist das erste Erstaunliche an diesem Album. Dass es überhaupt funktioniert.

Die Akkorde von „4 AM“, im Original ein nerviges Sound-Hybrid aus menschlicher Stimme oder Stöhnen und einem scharf eingestellten Flöten-Synthi, werden hier schlicht zu gebrochenen Akkorden, wie wir es bei Mozarts Phantasien gelernt haben. Damit untermauert das Arrangement noch einmal eine alte Beweisführung: Die Popmusik, die seit den Beatles die Weltherrschaft übernommen hat, bedient sich ganz und gar der klassisch-romantischen Musiksprache aus der Zeit zwischen etwa 1770 und 1820. Nur eben simpel. Doch die Kadenzen und musikalischen Ideen hat sich die aktuelle Popmusik bei Mozart, Beethoven und Schubert abgeschaut. (Aber nicht mehr bei Robert Schumann, der ist dann weiter in der Mitte des 19. Jahrhunderts und schon wesentlich gewagter, selbst wenn man ihn mit der Musik von Bands wie Radiohead vergleicht.)

Solche Gedanken löst das Album „100% Scooter – Piano only“ aus, denn es hat einige ästhetische Probleme zu bewältigen. Etwa: Wie man einer Musik, die sich auf das Allernötigste beschränkt hat, ein bisschen Komplexität zurückgibt. Geschrieben hat die Arrangements der Komponist Sven Helbig, der auch schon die Filmmusik der Pet Shop Boys zu „Panzerkreuzer Potemkin“ produzierte. Helbig ist der Vorzeigeschüler der Neuen Musik – ein moderner Techniker, dem Publikum zugewandt.

Da rieselt der Puder aus den weißen Perücken

Scheps interpretiert seine Notentexte mit maximaler Coolness. Vom Schweiß eines Scooter-Konzerts will sie sich so fern halten, wie es geht. In einer Pianistenwelt, in der zurzeit eher heißblütige Emotionalität gut funktioniert, fällt Scheps ohnehin als kühle und präzise Technikerin auf. Ihre letzte Solo-Platte versammelte Klassiker von Erik Satie, bei denen sie wenig pedalisiert, komplizierte Passagen eher gedehnt spielt und Wert auf Kontrolle legt. Schwer zu sagen, ob sie auf diese Weise Beethoven gewinnbringend spielen könnte, aber bei ihrem üblichen Repertoire (Prokofjew, Chopin, Tschaikowsky) ist es ein Segen.

Und bei Scooter nun auch. Die Grölnummer „Maria (I Like It Loud)“ wirkt hier spätbarock distanziert, da rieselt der Puder aus den weißen Perücken. Es ist viel Bach drin, in den Wendungen am Schluss der Formteile auch Franz Schuberts „Winterreise“. Vor allem aber: Das knallende Bassthema, genau acht Töne, die den ganzen Song tragen, heben in der Pianoversion als Fugenthema an und werden feinziseliert durchgeführt. Sollte es irgendwo Menschen geben, die sowohl Scooter als auch „Das Wohltemperierte Klavier“ lieben, werden sie umfallen vor Freude.

Man kann es auch als Weihnachtsmusik nehmen

„Nessaja“, eine Nummer, die von einem besonders sägenden Techno-Synthesizer getragen wird, dass es jedem Schützenfestzelt eine Freude ist, perlt nun wie ein Mendelssohn Bartholdy. Manchmal in diesen Stücken werden die Melodien in Achtelnoten verdoppelt, so dass es klingt, als würden sie von einem Echo begleitet. Ein Trick, den Beethoven etwa im phantastischen zweiten Satz seiner Klaviersonate op. 27 Nr. 1 anwendet (der sozusagen kleinen Schwester der „Mondscheinsonate“). So sind die Stücke auf diesem Album auch ein Lehrbuch dessen, was Adorno die „durchbrochene Arbeit“ nannte: wie Melodien in der klassischen Musik verarbeitet und variiert werden und einen Goldrand bekommen.

Dass Popnummern unter den Händen eines Pianisten etwas Neues, gern auch Größeres sein können, ist nicht neu. Der Jazzpianist Brad Mehldau integrierte in seine Soloauftritte immer gern Radiohead oder Nick Drake, deren Songs dann aber zu irgendetwas zwischen Romantik und Thelonious Monk wurden. Nigel Kennedy hat Jimi Hendrix gespielt, Esbjörn Svensson und Nils Landgren nahmen sich live Sting vor. Am Ende bleibt immer das Gefühl: Toll, was die damit anstellen. Und: Es hätte aber auch jede andere Vorlage sein können. Wenn Pop zu Jazz oder Klassik werden soll, verschwindet er meist dabei.

Das muss überhaupt nicht stören. Man braucht nicht einmal zu bemerken, dass hier Nummern von Scooter pseudoklassisch gespielt werden. Man kann dieses Album auch als Weihnachtsmusik nehmen. Es hat alles, was es dazu braucht, einen barocken Anklang, herrliche spätromantische Landschaften und eingängige Melodien. Es ist hervorragend gespielt. Dass es auch – von der Idee her – ziemlich dreist ist, merkt man erst, wenn man ein wenig länger darüber nachdenkt. Und das muss, gerade wo es um Scooter und H.P. Baxxter geht, nun wirklich niemand.

Olga Scheps: „100% Scooter – Piano Only“ (Kontor/Edel)

Scooter: „100% Scooter. 25 Years Wild & Wicked“. 5-CD-Box (Sheffield Tunes / Edel)

Quelle: F.A.S.
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