Country-Sängerin

Nennt mich Hillbilly

Von Edo Reents
14.04.2022
, 06:42
Pausiert hat sie eigentlich nie: Loretta Lynn hat schon wieder einen Preis bekommen, natürlich völlig zu Recht.
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Frau zum Pferdestehlen, aber auch mit Vorsicht zu genießen: Der dienstältesten Countrysängerin Loretta Lynn zum Neunzigsten.
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Frauen haben in der Countrymusik einen doppelt schweren Stand. Gewissermaßen schon von Haus aus benachteiligt, müssen sie sich in einem Segment behaupten, welches mehr traditionelle Welt- und Rollenbilder transportiert als die meisten anderen. Während im Blues, wie schon die Beispiele Bessie Smith und Janis Joplin zeigen, in der möglichst unverstellten Artikulation von Leid, die essentieller Bestandteil dieser Kunstform ist, auch ein emanzipatorisches Moment liegen kann, bietet der Country wegen seiner Schablonenhaftigkeit weniger Raum für individuelle Ausdrucksformen. In ihm ist radikale Subjektivität kaum möglich und im Grunde auch nicht vorgesehen, erst recht nicht für Frauen. Dolly Parton, die bis heute bekannteste Countrysängerin, hat daraus frühzeitig die Konsequenz gezogen und ihre Gesamterscheinung bis zur Selbstparodie überzeichnet.

Dennoch haben es in dieser Sparte emanzipierte Frauen, zu denen Dolly Parton unbedingt zu zähen ist, zu etwas gebracht; neben June Carter, Emmylou Harris und Jessi Colter vor allem Loretta Lynn. Als Generationsangehörige derer von Ray Charles, James Brown, Ike Turner und Johnny Cash hatte sie, wie diese Giganten, eine harte Kindheit und Jugend und brachte wesentliche Lebensstationen zügig hinter sich: Mit dreizehn war oder vielmehr wurde sie verheiratet, mit achtzehn hatte sie schon vier Kinder. So war sie aus dem Gröbsten heraus, als 1960 ihre erste Platte erschien. Bis heute sind es in sechzig Jahren ungefähr genauso viele Platten; erst im vergangenen Jahr, mit 89, brachte sie „Still Woman Enough“ heraus, eine staunenswert frische Sache, mit der sie vollends die dienst-, vielleicht überhaupt die älteste noch aktive Unterhaltungskünstlerin unserer Zeit geworden sein dürfte.

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Liebe, Eifersucht, Alkohol

Wenn man aus dieser so immens langen Schaffenszeit einen Abschnitt herausgreifen darf, dann vielleicht die Spät-Sechziger, Früh-Siebziger, in denen sie, Schlag auf Schlag, ihre musikalisch erheblichsten Alben mit einer Stimme bestritt, die ihre größte Kraft und Klarheit erreicht hatte. Selbst in der Epoche von Woodstock und Altamont hielt sie sich von den Hippies fern, war dafür im liberal-konservativen Milieu talk of the town, Repräsentantin eines hochkommerziellen, aber aufgeklärten Entertainments. 1969 behauptete sie, als gleichsam universell-humanistische Kriegserklärung, in einem Albumtitel „Your Squaw Is On The Warpath“, Jahre bevor Cher mit „Half-Breed“ Furore machte; 1972 wünschte sie sich „God Bless America Again“, das während der Nixon-Dämmerung alles andere als reaktionär-nationalistisch wirkte.

© Loretta Lynn

Pausiert hat sie eigentlich nie. Beim Eintritt in die Altersphase war ihr der Blues-Hexenmeister Jack White, der fast ihr Urenkel sein könnte – sie war nämlich schon mit 29 Großmutter – behilflich. „Van Lear Rose“ (2004) ist eine manchmal geradezu krachende, dann wieder intime Country- und Folkrock-Platte, die zum Erstaunlichsten zählt, was eine Sängerin dieser Altersklasse jemals gemacht hat. Und das ist dann eben der Vorteil dieses Genres: Es ist ein Korsett, das Halt gibt; deshalb wird es auch nicht so leicht peinlich, wenn alte Leute es noch ein wenig krachen lassen. Aber die Anmut und die Würde der späten Loretta Lynn sind dann doch noch etwas Besonderes.

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Es gibt, aus Country, Folk, Blues und Easy Listening, wenige Standards, die sie nicht eingesungen hätte, in aller Regel kompetent und werktreu. Ihre eigenen, an die zweihundert Lieder kreisen um die Dinge, die Mann und Frau nun einmal beschäftigen, Liebe, Eifersucht, Alkohol und Selbstermächtigung. Sprichwörtlich wurde ihre Warnung „Don’t Come Home A Drinkin‘ (With Lovin‘ On Your Mind)“ (Albumtitel von 1967), ausgesprochen von einer Frau, die durchaus zur Hingabe bereit ist, aber Hingabe nicht mit Hörigkeit verwechselt; Unterordnung und Zähne-zusammenbeißen haben Grenzen, die sie selbst setzt – die alte Tina-Turner-Geschichte, wenn man so will. Trotz deutlicher Ansagen an die Männer blieb sie mit ihrer Bodenständigkeit und ihrem natürlichen Humor der Typ „Frau zum Pferdestehlen“.

Loretta Lynns nun schon sehr langes Leben, das immer von Bibelfestigkeit geprägt war, gewann exemplarischen, vielleicht auch vorbildlichen Charakter, als Michael Apted 1980 die Autobiographie „Coal Miner’s Daughter“, mit der sie beizeiten ihre kirchenmausarme Kindheit in Kentucky bis hin zur Nashville-Einkehr offengelegt hatte, mit Sissy Spacek in der Titelrolle (deutsch „Nashville Lady“) sowie Tommy Lee Jones und dem The Band-Schlagzeuger Levon Helm in den bemerkenswerten männlichen Hauptrollen verfilmte. „I am Paying for My Raising“ heißt eines ihrer älteren Lieder – nun, diesen Preis konnte sie sich leisten. Ihre jüngste Bilanz liest sich strahlender: „They call me hillbilly, but I got the last laugh“, sang sie erst vergangenes Jahr. Wer zuletzt lacht, steht also fest. An diesem Donnerstag wird Loretta Lynn neunzig Jahre alt.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reents, Edo (edo.)
Edo Reents
Redakteur im Feuilleton.
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