Jazzfest Berlin 2020

Miau, was spielen wir?

Von Jan Wiele
Aktualisiert am 10.11.2020
 - 15:57
Jazzfest Berlin - Lina Allemano’s Ohrenschmaus
In der Not „I’m Streaming Again“: Das Jazzfest Berlin trotzt der Pandemie mit einer nur digital zu besuchenden Ausgabe, die bei allem Katzenjammer für Freude und Entdeckerlust sorgt.

Den Jazz scheint das pandemiebedingte zweite Herunterfahren vielen öffentlichen Lebens besonders hart zu treffen. Novemberkonzerte des südwestdeutschen Festivals Enjoy Jazz wurden teils zum zweiten Mal verschoben, wer weiß, ob sie überhaupt noch stattfinden können. Die Dresdner Jazztage waren Ende Oktober in die Negativschlagzeilen geraten, weil der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sie in der „Bild“-Zeitung als „unethisches Menschenexperiment“ bezeichnet hatte; die Veranstalter allerdings verteidigten in einer Stellungnahme ihr Hygienekonzept.

Das Jazzfest Berlin der Berliner Festspiele nun war ohnehin schon als analog-digitale Hybridveranstaltung mit einer Partnerspielstätte in New York geplant, dem „Roulette“ in Brooklyn. Aber auch die zunächst noch mit Publikum geplanten Konzerte im „Silent Green“, einer Kulturstätte in einem ehemaligen Krematorium im Berliner Wedding, mussten letztlich ohne physisch anwesende Zuhörer stattfinden. So gab es eine Fortsetzung von „United We Stream“, einer Kooperation mit dem Kultursender Arte, der schon im Frühjahr elektronische Musik aus verschiedenen Berliner Clubs übertragen hatte. Auch auf der Website des Festivals sowie teils im Radio und auf MDR wurde Jazz übertragen. Die New Yorker Organisatorin Emily Bookwalter erklärte das Ziel des Konzepts: Künstler sollten auf diese Weise „sicher, sichtbar und bezahlt bleiben“.

Die Berliner Festivalleiterin Nadin Deventer hatte am Samstagnachmittag die Freude, der teils amerikanischen Band Meow! nach deren Auftritt im „Silent Green“ die Nachricht von Joe Bidens Wahlsieg zu übermitteln, nachdem diese in einem wilden Mix aus Funk-Grooves und zu Schlumpf- und Tierlauten verfremdeten Stimmen gerade noch ein Lied über einen „very patient man“ gespielt hatte. Die Nachricht veranlasste den Schlagzeuger der Band, Jim Black, der Partei des designierten Präsidenten sogleich einen Wunsch mit auf den Weg zu geben: „Focus on the arts, Democrats!“

Das gesamte Konzertprogramm des Jazzfests vom vergangenen Freitag, Samstag und Sonntag ist nun in der Arte-Mediathek verfügbar und soll es für ein Jahr bleiben. Darunter ist etwa ein fulminanter Auftritt von Tomas Fujiwara’s Triple Double, eines New Yorker Sextetts aus einer dreifachen Doppelbesetzung an zwei Schlagzeugen, zwei Gitarren und zwei Trompeten. Oder die mehrstimmige Hommage „Embracing Bill Withers“ der polnischstämmigen Sängerin Natalia Mateo für den im März verstorbenen großen Soul-Sänger. Oder auch der Auftritt des deutschen Crossover-Projekts namens Kammerflimmer Kollektief. Für Entdeckungen ist das allemal gut und für die Künstler bestimmt besser, als wenn gar nichts stattgefunden hätte. Nach analogen, und ja, echten Konzerten darf man sich dennoch sehnen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot