„Mann beißt Hund” von OG Keemo

Was weißt du von Angstattacken?

Von Sebastian Eder
17.01.2022
, 13:56
OG Keemo im Juni 2019 beim Heroes Festival in Geiselwind
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Es beginnt damit, dass drei Jungs aus der Hochhaussiedlung ein Auto klauen: OG Keemos Konzeptalbum „Mann beißt Hund” bricht mit allem, was den Straßenrap in den vergangenen Jahren so eintönig gemacht hat.
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OG Keemo kann Adele dankbar sein. Seit die britische Sängerin im Herbst ihr Album „30“ veröffentlicht hat, werden die Lieder eines Al­bums bei Spotify auf ihre Forderung hin in der richtigen Reihen­folge abgespielt. Für Künstler, die in ihren Alben nicht wahllos Songs an­einanderreihen, sondern nach ei­nem Konzept vorgehen, ist das eine gute Nachricht. Den meisten deutschen Rappern ist es egal: Alben ha­ben in der Szene schon lange an Bedeutung verloren, ihre Erfolge erzielen sie durch kurze, eingängige Singles.

Jetzt hat ausgerechnet ein deutscher Rapper das beste Konzeptal­bum vorgelegt, das in seinem Genre seit Langem erschienen ist: „Mann beißt Hund”, ist das zweite Album des 29 Jahre alten Karim Joel Martin und spielt in den Hochhaussiedlungen von Mainz, wo er aufgewachsen ist.

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Dort lernt der siebzehn Jahre alte OG Keemo zwei junge Männer kennen, deren Geschichten im weiteren Verlauf entwickelt werden. Erst trifft er Malik, eine zwielichtige, aber un­terhaltsame Gestalt: „Er sagt, er käme aus dem siebten Block, er laufe noch ein Stückchen mit / Ich gucke skeptisch“. Dann kommt Yasha hinzu, ein „komischer Kauz mit den Augen eines Toten“. Die drei Jungs wollen zu­sammen ein Auto klauen, und im zweiten Lied des Albums sitzen sie auch schon darin. Die Reise geht los.

OG Keemo verherrlicht nichts

Wie viele gute Storys lebt „Mann beißt Hund“ von echten Erfahrungen. Einen Einblick in seine Herangehensweise hat der Geschichtenerzähler OG Keemo in einem Interview mit „Apple Music“ gegeben: Die Geschichten, die er, Malik und Yasha erleben, seien echt, aber verfremdet und verschiedenen Protagonisten zugeschrieben. In den zwei fik­tiven Charakteren stecke auch viel von ihm. Immer wieder wechselt OG Keemo die Erzählperspek­tive, mal erzählt er aus Maliks Sicht, mal aus Yashas, mal aus seiner, mal weiß man es nicht genau. Der Sound des Albums erinnert dank Samples von Schallplatten an die besten amerikanischen Rapalben aus den Neunzigerjahren.

Wie so oft im Straßenrap geht es um Gewalt, Waffen, Raub, Diebstahl und Drogenhandel, aber OG Keemo verherrlicht nichts, bei ihm stehen die Konsequenzen im Vordergrund: „Sag, was weißt du von die ganze Nacht nicht schlafen wegen Angstattacken? / Von Söhnen, die ihre Zukunft nur für paar Gramm verkacken? / Von Vätern, die vor zwanzig Jahren jung ihr Land verlassen haben / In der Hoffnung, dass wir Karriere als Anwalt machen / Während wir in Hand­schuhen und Masken jede Nacht Panzer knacken“. Diese Zeilen rappt OG Keemo in „Vögel“. Sein Protagonist steht im Aufzug eines Hochhauses, von dem er sich schließlich stürzt. Deutsche Rapper zeigen selten Schwächen. Durch OG Keemos Arbeit aber zieht sich die Auseinandersetzung mit psychischen Leiden, dem Krebstod seiner Mutter, seiner schwierigen Rolle als ältestes von sieben Kindern.

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Ein einmaliges Motiv im deutschen Straßenrap

Zu seiner Mutter zog OG Keemo 2013 nach Mannheim, weg von den „zwielichtigen Gestalten“. Der Weg, den Malik und Yasha einschlagen, hätte seiner sein können, sagt er heute. In „Töle“ rappt er aus der Sicht von Malik, der ihm wegen seines Abschieds aus der Hochhaussiedlung einen vorwurfsvollen Brief schreibt: „Dir fehlt es an Prinzipien, Karim, ich schwöre / Du machst Profit mit der Siedlung, in der ich wirklich leb‘“. Im Laufe des Songs verändert sich Maliks feindselige Haltung, am Ende fleht er OG Keemo an: „Komm nach Hause / Mich hält nix an diesen Bauten, aber ich schaff’s nicht mehr raus, seitdem du damals weggelaufen bist“. In „Ende“ rappt er von „Überlebensschuld“, hier zeigt sich das schlechte Gewissen, es aus der Siedlung geschafft zu haben.

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© Chimperator Channel

Das Motiv der „Überlebensschuld“ ist einmalig im deutschen Straßenrap. OG Keemo bricht mit allem, was das Genre in den vergangenen Jahren so eintönig gemacht hat: Seine Songs sprengen schon in ihrer Länge die Genregrenzen, seine Texte sind nichts zum Mitsingen.

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Dieses Album bereitet größtes Ver­gnügen, wenn man sich Zeit nimmt, die Texte mitliest, über die komplizierten Reimschemen staunt. Die Rapszene feiert es als perfekten Spagat zwischen den goldenen Neunzigerjahren und der Moderne. Das liegt vor allem an seiner Sprache und lyrischen Kraft. Man wünscht sich, dieser Ton würde auch auf der Straße zum Vorbild werden für mehr nachdenkliche Konzept­alben und weniger ähnlich klingende Singles.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Eder, Sebastian
Sebastian Eder
Redakteur im Ressort „Gesellschaft & Stil“.
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