Neues Album von Die Ärzte

Das wird nicht nur die Germanisten freuen

Von Kai Spanke
Aktualisiert am 27.10.2020
 - 06:23
Sie leuchten im Dunkeln, sie blitzen und funkeln: Die Ärzte (Farin Urlaub, Rodrigo González und Bela B.) präsentieren sich auf ihrem neuen Album „Hell“ in bestechender Form.
I have a dream – longwhile extreme: Nach acht Jahren legen Die Ärzte ein neues Album vor. Der Sound ist vielseitig, die Reime sind absurd, die Referenzen allgegenwärtig. Viel besser kann man es nicht machen.

„Hier ist das Ärzte deutsche Fernsehen mit den Tagesthemen.“ So begrüßte Farin Urlaub am vergangenen Freitagabend die Zuschauer der ARD-Nachrichtensendung. Bela B. fügte hinzu: „Heute im Studio – Ingo Zamperoni.“ Die beiden Musiker haben allerdings nicht nur die einleitenden Worte übernommen, sondern mit Rodrigo González, dem dritten Bandmitglied, auch das Intro gespielt. Später äußerten sich Die Ärzte zur gegenwärtigen Krise der Musikbranche. Meinungen im Netz waren sofort zur Hand. Die einen fanden den Auftritt wichtig und unterhaltsam, die anderen selbstgerecht und kalkuliert. Warum? Weil am selben Freitag das neue Ärzte-Album „Hell“ (Hot Action Records) erschienen ist.

Gleichwohl könnte man die Geschichte der 1982 in Berlin gegründeten Band als Abfolge eigenwilliger Entscheidungen erzählen, deren Fluchtpunkt immer die ästhetische Autonomie gewesen ist. Keine andere deutsche Gruppe bewegt sich so gewandt durch nahezu alle melodischen Gefilde. Und kaum ein Musiker bewahrte sich über fast vierzig Jahre eine vergleichbar stabile Glaubwürdigkeit. Warum sollten Die Ärzte Werbung für eine Platte machen, deren Erfolg schon feststand, bevor sie aufgenommen wurde? Zwar bezeichnen sie sich als „Kings of Punkkommerz“, dies aber mit doppeltem Augenzwinkern. Der zu Unrecht verrufene Vorgänger „Auch“ ist inzwischen acht Jahre alt, und die Fans warteten, wie sich dem Gästebuch der Band entnehmen lässt, ungeduldig auf neues Material.

Kommt, solange sie noch nicht riechen

Die auf 2021 verschobene Tour „In the Ä Tonight“ war in Sekunden ausverkauft, und die aktuelle Single „True Romance“ wäre auch ohne die Hilfe von Freunden und Kollegen, die das Lied auf verschiedenen Social-Media-Kanälen angestimmt haben, ein Hit geworden. Um die „Wetten, dass ..?“-Couch haben Die Ärzte einen genauso großen Bogen gemacht wie seit 1998 um die „Bravo“. Als sich Coca-Cola einst bei ihnen meldete und darum bat, ihre Konterfeis auf Getränkedosen drucken zu dürfen, haben sie abgelehnt. Das sei sicher nur eine Frage des Geldes, hieß es dann, woraufhin Farin Urlaub konterte, es sei eine Frage der Haltung. Das Unternehmen bot einen siebenstelligen Betrag. Die Ärzte haben trotzdem abgewunken.

Bela B., Jahrgang 1962, Farin Urlaub, Jahrgang 1963, und Rod González, Jahrgang 1968, sind mittlerweile in einem Karrierestadium angelangt, das sie schon seit geraumer Zeit mit Ironie antizipiert haben: „Sie sind alt! Kommt, solange sie noch nicht riechen“ stand 2004 auf den Plakaten ihrer „Unrockstar“-Tour. In dem Song „Schneller leben“ (2003) heißt es: „Stirb jung – stirb in jungen Jahren / Stirb jung – stirb mit vollen Haaren / Stirb jung – für mich ist der Zug längst abgefahren.“ Während Die Ärzte in den Neunzigern in rascher Folge neue Platten aufnahmen, erlauben sie sich seit 2000 immer längere Ruhephasen.

Heinz Strunk ist zur Stelle

Das war zuletzt auch nötig, weil die Chemie zwischen ihnen bei der Tour des Jahres 2013 gelitten hatte: Kommunikationsprobleme, Enttäuschung, Zwist. Seither sind sie langsam wieder auf Tuchfühlung gegangen, um jetzt eine Platte vorzulegen, die nicht nur grandios aufgemacht, sehr politisch und witzig ist, sondern in puncto Songwriting und Produktion besser klingt als alles, was sie seit 1998 veröffentlicht haben. Ihren damaligen Bestseller „13“ starten sie mit dem behäbigen Jazz-Track „Punk ist ...“, denn so fliegt den konsternierten Fans das zweite Stück, „Ein Lied für dich“, noch besser um die Ohren. Diesmal verfahren sie ähnlich. „Hell“ beginnt mit dem Trap-Song „E.V.J.M.F.“, der so gut programmiert ist, dass sich die Persiflage selbst in Frage stellt. In das sphärisch stolpernde Sound-Gewaber reimt Farin Urlaub hinein: „Denn wir leuchten im Dunkeln, wir blitzen und funkeln / Das war ein Hendiadyoin / Das wird die Germanisten freuen.“ Anschließend bringt er die Hörer mit der schnörkellos durchgepowerten Nummer „Plan B“ auf Kurs. Wenn sich darin die dünn eingespielte Melodie mit dem Schlagzeug vereint, lässt Billy Idols „Dancing with Myself“ grüßen.

Überhaupt tut sich musikalisch wieder ausgesprochen viel. Dass Die Ärzte nicht aus dem Nichts kommen, haben sie oft mit schön anzuhörenden Verbeugungen vor Künstlern wie Adam and the Ants oder den Ramones bewiesen. „Warum spricht niemand über Gitarristen“ setzt mit Neunziger-Jahre-Punk ein, um sich zur Rockoper zu mausern und bei Brian May und Frank Zappa zu landen. Die klirrend-funkige Gitarre in „Einmal ein Bier“ ist eine Hommage an die britische Post-Punk-Kombo Gang of Four, die Oi-Hymne „Alle auf Brille“ zu gleichen Teilen Parodie und engagiertes Zitat. Neben dem Basis-Equipment aus Gitarre, Schlagzeug und Bass kommen auf „Hell“ auch Streicher und Bläser, Shamisen und Wurlitzer zum Einsatz. Als Querflötist ist Heinz Strunk zur Stelle, der diesen Job zuletzt 1995 auf „Planet Punk“ erledigt hatte.

Die Ärzte gehören zu den sprachakrobatisch begabtesten Musikern Deutschlands, was ihnen sogar Applaus aus dem Hip-Hop-Lager einbrachte. Auf „Hell“ reimen sie „Jeunesse dorée“ auf „Odyssee“, „blöde“ auf „öde“ auf „Goethe“, „H.P. Baxxter“ auf „Saitenhexer“, „I have a dream“ auf „longwhile extreme“ (in einem Lied über Langeweile), „fremd“ auf „Polyester-Zombiehemd“. Der Song „Woodburger“ handelt von einer Strategie, die AfD zu unterwandern. Darin heißt es: „Das Lustige ist: Die halten sich für gute Christen / Der Reim, der jetzt hier kommen sollte, war selbst mir zu billig.“ Damit ist an einen performativen Widerspruch erinnert, den Farin Urlaub vor 22 Jahren zu Gehör brachte: „Sind wir zu kindisch? Aber hallo! Niveaulos sind wir sowieso – / Na und? Dafür sehn wir besser aus! / Und unsere Reime sind auch nicht von schlechten Eltern!“

Der überflüssige, akademisch wie publizistisch allerdings immer wieder aufgewärmte Gegensatz zwischen anspruchsvoller Kunst auf der einen und spielerischer Äußerung auf der anderen Seite ließ sich noch nie auf Die Ärzte anwenden. Distinktionsdruck verspüren sie nicht, den Abschied von zu viel Ernsthaftigkeit haben sie stets mit selbstreflexiven Brüchen kombiniert, etwa wenn Farin Urlaub auf Bela B.s Song „Omaboy“ (1993) Bezug nimmt: „Dieses faltige Fleisch, diese hängende Pelle / – mein Kollege sang darüber mal an anderer Stelle.“ Dass die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften in den Achtzigern drei Alben der Ärzte auf den Index setzte, während die Band heute in den Tagesthemen auftritt, hat mit der Beweglichkeit von Kategorien und Rezeptionsweisen zu tun, nicht mit geänderten Werten der Musiker. Letztlich machen Die Ärzte ohnehin, was sie wollen, wobei immer gilt: „Alles ist Punk!“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spanke, Kai
Kai Spanke
Redakteur im Feuilleton.
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