Herbie Hancock wird 80

Was der nächste Morgen bringen wird

Von Wolfgang Sandner
Aktualisiert am 12.04.2020
 - 08:42
Da ist Musik drin: Herbie Hancock mit zwei Grammys, 2011
Elektronische Exkursionen: Der geniale Klangtüftler und große Jazzpianist Herbie Hancock feiert an diesem Sonntag achtzigsten Geburtstag. Hat er von Miles Davis gelernt oder vielmehr dieser von ihm? Die Frage ist offen.

Ist Herbie Hancock der rechtmäßige Erbe von Miles Davis oder doch nur sein Erbschleicher? Die Frage, an der sich die Geister des Jazz scheiden, hat Miles Davis selbst beantwortet. Herbie Hancock ist der einzige von fünfundvierzig Pianisten, der es länger als drei Jahre mit dem neben John Coltrane einflussreichsten Jazzmusiker des letzten halben Jahrhunderts aushalten durfte. Allerdings hat Hancock auch den Neid seines Mentors erregt. Denn den Erfolg, den Miles Davis seit „In a Silent Way“ Ende der sechziger Jahre mit seiner Wende zum elektronisch aufgemotzten Funkjazz bei einem jüngeren Publikum erzwingen wollte, hat Herbie Hancock wenig später mit dem Album „Head Hunters“ ganz cool für sich verbucht. Offenbar konnte Herbie ernten, was Miles gesät hat.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Zwar hat Herbie bei Miles studiert, was man im gigantischen Musikerpool des schweigsamen Magiers von East St. Louis so alles aus dessen kryptischen musikalischen Zettelkästen statt aus akribisch notierten Arrangements herauslesen konnte. Aber in diesem zweiten großen Miles-Davis-Quintett war auch Hancocks Mitgliedsbeitrag substantiell für die Band. Ohne die tonmeisterlichen Klangtüfteleien des Pianisten wäre sicherlich so mancher neue Sound in der gestopften Trompete von Miles Davis stecken geblieben.

Deshalb wäre auch der Umkehrschluss möglich: Herbie habe gesät, was Miles mit der Aufnahme unter dem Titel „Bitches Brew“ dann doch noch ernten konnte. Jedenfalls war das Hexengebräu des Spitzenjahrgangs 1969 schon einmal eine Vorahnung von all dem, was die folgenden Generationen, die mit Computer, Mobiltelefon, Digitalisierung und elektronischem Equipment aufwachsen sollten, wohl als ihre akustische Welt anerkennen würden.

Für alle kommenden Trends und das, was gerade hip war, besaß Herbie Hancock ein untrügliches Gespür. Von Beginn an ist er weit mehr als ein grandioser Pianist und Komponist von Songs gewesen, die, kaum geschrieben, schon zu Standards wurden. Hancock ist der moderne Musiker als Toningenieur. Das lässt sich an jeder seiner seit den frühen siebziger Jahren sprudelnden Aufnahmen schon daran ablesen, was im Studio und bei Konzerten allein an pianistischen Gerätschaften auf die Bühne gestemmt wurde. Bei „Head Hunters“ waren es zwei Synthesizer, ein E-Piano und ein Hybrid-Klavier. Bei „Sunlight“ vier Jahre später gab es neben E-Piano und einem Hohner D 6 Clavinet nicht weniger als neun verschiedene Synthesizer für jede Menge Blubbergeräusche und dröhnende elektronische Beats. Auf der Rückseite des Plattencovers ist Hancock abgebildet, umringt von seinem Instrumentarium mit elf Manualen, das eigentlich nur ein menschlicher Oktopus hätte angemessen klingen lassen können. Den Höhepunkt bildete dann 1980 das Disco-Album „Monster“, auf dem Hancock sechzehn elektronische Keyboards und einen Flügel traktierte.

Gesampelt von der Hiphop-Fraktion

Die Frage ist müßig, ob der Aufwand sich musikalisch gelohnt hat. Herbie Hancock ist damit zu einem der kommerziell erfolgreichsten Musiker in der Geschichte des Jazz geworden, nicht zuletzt, weil noch immer Hits wie „Chameleon“, „Watermelon Man“, Canteloupe Island“, „Maiden Voyage“ oder „Rockit“ ganz und als Schnipsel geradezu epidemisch von der Hiphop-Fraktion gesampelt werden. Den Elektronik-Guru aber auf die ökonomische Schiene zu reduzieren, wäre grob fahrlässig. Man höre sich nur einmal die Aufnahmen an, die Hancock mit Chick Corea im Februar 1978 an zwei Steinway-Flügeln einspielten. Oder die Kombination von Hancocks Keyboard-Arsenal mit den fragilen Signalen des Koraspielers Foday Musa Suso unter dem Titel „Village Life“ von 1985. Keine technische oder elektronische Manipulation, auch keine Begrenzung oder Kompression trübt die Aufnahme der beiden Pianisten – Hancock auf dem linken, Corea auf dem rechten Kanal zu hören – bei ihren feinsinnig ineinanderfließenden Kontrapunkten. Und dem charakteristischen, nichttemperierten Klang der westafrikanischen Harfe Kora von Musa Suso hat sich Hancock auf dem Yamaha DX-1 Digital Synthesizer mit seiner variablen Intonation so weit angepasst, dass er klingt, als habe man dafür Antilopen-Saiten aufgezogen und die gezupften Töne über einen Flaschenkürbis verstärkt.

Wer das Gesamtwerk von Herbie Hancock in den Griff bekommen will, hat alle Hände voll zu hören. Da gibt es die wunderbaren Aufnahmen, die er unter dem Bandnamen V.S.O.P. vor langer Zeit herausbrachte; im Grunde ist es das Miles-Davis-Quintett ohne Miles Davis, mit Freddie Hubbard als angemessenem Vertreter. Es gibt den Soundtrack zum Film „Round Midnight“ von Bertrand Tavernier, für den er 1986 einen Oscar erhielt. Oder man kann sich auf „Gershwin’s World“ anhören, wie Hancock den Solopart in Ravels G-Dur-Konzert bewältigt, und bestaunen, wie sensibel zurückhaltend er die unwiderstehliche Joni Mitchell bei „The Man I Love“ begleitet. Und natürlich kann man ihn live hören, etwa auf seiner Europa-Tournee im vorigen Dezember auch in Deutschland. Vor zwei Jahren veröffentlichte er seine Autobiographie. Deren letzter Satz lautet: „Ich kann kaum erwarten, was der nächste Morgen bringen wird.“ Ein gutes Motto für einen großen Musiker, der an diesem Ostersonntag seinen achtzigsten Geburtstag feiert.

Quelle: F.A.Z.
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