Popmusiker Shantel

„Eine Retourkutsche von Oberbürgermeister Feldmann“

Von Matthias Trautsch
04.05.2022
, 19:15
Im Clinch mit OB Feldmann: Stefan Hantel alias Shantel
Beim Deutsch-Israelischen Tag in Frankfurt ist ein Auftritt von Shantel und Band nicht erwünscht. Der Musiker zeigt sich überzeugt, dass die Anweisung dafür „von oberster Stelle“ kam.
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Ein besser passender Musik-Act für den Deutsch-Israelischen Freundschaftstag ließe sich kaum finden: Der Frankfurter Musiker Shantel hat enge Beziehungen zu Israel, sowohl musikalischer als auch persönlicher Natur. Er hat eine Zeit lang in Tel Aviv gelebt, dort an einem Album gearbeitet und als DJ aufgelegt. Seine Musik vereint viele Stile, darunter osteuropäische Tanzmusik ebenso wie jiddischen Klezmer. Und der Mann, der bürgerlich Stefan Hantel heißt, steht auch allgemein für das Überwinden nationaler, kultureller und religiöser Grenzen – etwa in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum und der Jüdischen Gemeinde oder mit seinem jüngsten Album „Istanbul“.

Dementsprechend war es naheliegend, dass die Stadt Frankfurt Hantel fragte, ob er mit einer Band am 19. Mai im musikalischen Rahmenprogramm des Deutsch-Israelischen Freundschaftstags auftreten könne. „Ich habe keine Sekunde gezögert“, sagt Hantel. Zwei Monate lang habe er Musiker gecastet, geprobt, ein Programmheft erstellt. Auch sein Agent Florian Joeckel berichtet von einer weit vorangeschrittenen Planung. Der Ablauf der Show sei mit den Ansprechpartnern der Stadt „bis auf die Millisekunde“ abgesprochen gewesen.

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Shantel-Agent: Einmaliger Vorgang

Jetzt aber kam die kurzfristige Absage. „Wir sind ausgeladen worden“, sagt Hantel. Agent Joeckel spricht von einem „einmaligen Vorgang“, wie er ihn in 25 Jahren in der Branche noch nicht erlebt habe. Noch nicht einmal einen Grund habe die Stadt genannt.

Allerdings haben Hantel und Joeckel eine starke Vermutung, wer hinter der Absage steckt. „Das kam von oberster Stelle“, sagt der Musiker. Mit anderen Worten: von Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD). Völlig unschlüssig ist dieser Gedanke nicht. Das Absageschreiben stammt vom Hauptamt, das dem Oberbürgermeister direkt unterstellt ist. Vor allem aber haben Hantel und Feldmann eine Vorgeschichte.

Der Künstler hatte den Politiker mehrfach öffentlich kritisiert, ihm vorgeworfen, in der AWO-Affäre nicht die Wahrheit zu sagen, kulturelle Ereignisse wie die Bahnhofsviertelnacht zu instrumentalisieren und Personen, die ihn unterstützen, mit Aufträgen zu belohnen. Zuletzt hatte Hantel das Konzept des Museum of Modern Electronic Music infrage gestellt. Das MOMEM, Anfang April an der Hauptwache eröffnet, setze den Fokus zu sehr auf den Techno vergangener Zeiten. Dabei würden neue, globale und kulturell diverse Spielarten der elektronischen Tanzmusik ignoriert. Für Feldmann dagegen handelt es sich um ein Vorzeigeprojekt – für die Stadt und sich selbst. Er hat die Einrichtung des Museums stark gefördert, war beim Eröffnungsfestakt in der Paulskirche, erklomm anschließend, obwohl er sich wegen der AWO-Affäre öffentlich zurückhalten will, die für Sven Väths DJ-Set aufgebaute Bühne und lobte von dort aus das Museum als „die Kraft dieser Stadt“.

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Amtsleiter: Keine politische Motivation

Der von der F.A.Z. um Stellungnahme gebetene Sprecher Feldmanns verweist weiter an Hauptamtsleiter Tarkan Akman. Dieser streitet eine politische Motivation für die Absage und eine Einflussnahme des Oberbürgermeisters ab. Schon das Wort „Ausladung“ sei falsch, da Musiker und Band nicht fest für den Deutsch-Israelischen Freundschaftstag gebucht gewesen seien. Es habe lediglich Vorgespräche gegeben – wie mit anderen Künstlern auch. „Die preislichen Vorstellungen lagen jedoch weit auseinander.“

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Hantel nennt das Kosten-Argument „vorgeschoben“. Die Stadt habe von Anfang an ein Budget angeboten, das ausreichend gewesen sei. Er selbst habe ehrenamtlich spielen wollen, die Musiker seien aus Frankfurt gekommen, der Auftritt sei unplugged geplant gewesen. „Es ist eine Retourkutsche vom OB – dieser ganze Vorgang hinterlässt einfach nur Fassungslosigkeit.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trautsch, Matthias
Matthias Trautsch
Koordination Reportage Rhein-Main.
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