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Deutschpop

Die wo so singen tun, wie sie der Schnabel gewachst hat

Von Dietmar Dath
 - 08:38
„Augen” reimen sich auf „Glauben”: „Juli”zur Bildergalerie

In ihrem größten Hit reimt die junge deutsche Band „Juli“ kurzentschlossen „vorüber“ auf „über“, weil das tatsächlich sehr ähnlich klingt, aber dafür auch „Augen“ auf „glauben“ - man kann's ja nuscheln.

Die Metaphern, die das Album „Es ist Juli“ drum herum versammelt, sind ähnlich riskant: Zweifel „schäumen über“, Licht „greift um sich“ - patsch! -, und insgesamt reizt die da versammelte wilde Lyrik - „Ich weiß, daß alles in dir schreit / Weil gar nichts von mir bleibt“ - vor allem zum Kichern: „Wenn du lachst, dann ist mir/alles andere so egal.“

Auch bei der Konkurrenz von „Silbermond“ geht's hoch her. Im Textheft zur CD „Verschwende deine Zeit“ darf man die von der Debatte um die neue Rechtschreibung verursachten Verwüstungen bewundern: „Denn es ist Zeit / sich ein zu gestehn daß es nicht geht“ - wer sich zu erst ein zu gestanden hat, ist Sieger - , „die Kälte steigt, es muß schon spät sein“, aber wir erfahren nicht, wohin sie steigt, wahrscheinlich bis ganz oben im Thermometer, dann hopst sie raus und zerschellt klirrend am Boden, aber dafür werden wir Zeugen eines gewagten Experiments mit dem Ziel herauszukriegen, wie oft man das elend blasse Wörtchen „hier“ aus purer Faulheit und zum Silbenstopfen in zwei Verszeilen unterbringen kann, damit das Lied schneller fertig wird: „Ich nehm die letzte Bahn, die mich von hier noch zu dir fährt / Es ist ziemlich kalt hier unten, niemand sonst noch hier.“

Blinde Anfänger

Dasselbe einfallslose Füllsel kommt auch den Jungs von „Virginia Jetzt!“ gerade recht, man kann es auch als Reimkrücke einsetzen: „Und du bist immer noch bei mir/Wir sind immer noch zwei hier“. Warum nicht mal willkürlich Zeiten mischen? „Ach was war'n wir blind / weil wir Anfänger sind.“ Denn „nach Jahren der Verschwendung ist das Reality in Echtzeit“ - oder auch Poetry in Versen, kommt halt ganz drauf an.

Während die Alten, sekundiert von ein paar etwas Jüngeren, eine Quote für Deutsches im Pop-Radio fordern, singen also die ganz Jungen und Nagelneuen tatsächlich wieder vermehrt deutsch oder jedenfalls so was Ähnliches. Ideologiekritiker verübeln ihnen hier und da den damit gelegentlich verbundenen Wir-sind-wieder-wer-Gestus und regen sich über Deutschtümelei auf, wenn „Virginia Jetzt!“ kokett-naiv eine einschlägige Wendung von Randy Newman mit „Das sind mein Land, meine Menschen/Das ist die Welt die ich versteh“ übersetzen.

Friedliches Deutschland

Wer jedoch einmal gehört hat, wie die Band „Mia“, deren Sängerin sich „Mieze“ nennt und sich auch politisch gut auskennt - „Wow, Deutschland steht für Frieden!“ -, am 1. Mai vor der Berliner Volksbühne eine scheußliche Instrumentalversion der Nationalhymne der DDR herunterholzt, muß zugeben, daß auch ein generelles ideologiebegrenzendes Sing- und Textverbot für präpotente Popjungdeutsche die Lage kaum verbessern würde.

Betrachtet man die Sache nüchtern, dann fällt auf: Im Gegensatz zur Neuen Deutschen Welle, deren einprägsamen Namen seinerzeit der immer noch aktive Hamburger Plattenkoch Alfred Hilsberg erfunden hat, handelt es sich bei der Erscheinung, die einem da neuerdings in den Ohren liegt, eher um den defensiven Lärm der Bewohner eines stehenden Gewässers.

Bands vom Reißbrett

Die Bandmodelle, die dort hausen, sind von einer Vielfalt, daß der Verdacht sich rechtfertigen läßt, dieser Teich sei an einem öden Montagnachmittag am Reißbrett entworfen und dann künstlich besiedelt worden: Bei „Mia“ singt eine Frau fruchtigen Deutschpop, tritt keck auf und wird von Typen umrahmt, die vielleicht sogar in Clubs gehen; bei „Juli“ singt eine Frau fruchtigen Deutschpop, tritt keck auf und wird von Typen umrahmt, die vielleicht sogar in Clubs gehen; bei „Silbermond“ singt eine Frau fruchtigen Deutschpop, tritt keck auf und wird von Typen umrahmt, die vielleicht sogar in Clubs gehen, während bei...

Die Gezwungenheit der Verse, das dumpfe Kalkül der Erfolgsmasche, die schafsbrave Provokation mit dem Germany-Gehabe sind das eine. Das andere aber ist ein durchaus anerkennenswertes Kunstproblem, auf das der zitierte Ramsch wohl antworten will: Hilft gegen den schlechten Akademismus, der aus den lyrischen Avantgarden des zwanzigsten Jahrhunderts gerade in Deutschland verschärft hervorging, von epigonalem Celan-Kitsch bis zu konkretistischer Dürre, nicht eventuell wirklich eine Wiedervermündlichung des Lyrischen, ein neues und neuestes Singen?

Vergeigte Verse

Das könnte ja durchaus planvoll schief und trotzdem oder gerade deshalb reizvoll sein, wie in den vergeigten Versen von „Bodenständig 2000“: „Wann werdet ihr endlich begreifen / Gute Musik macht man nicht nur aus Schleifen“. Die produktionstechnischen „Loops“, die hier gemeint sind, mit „Schleifen“ zu übersetzen, ist keine Deutschtümelei, wenn ein abstrakt-verspielter Reim auf „begreifen“ das Ziel ist und der investierte Humor also die eigene, auch im Bandnamen ausgesprochene „Bodenständigkeit“ nicht als die schlechte Naivität derer feiert, die so normal dichten, „wie man eben ist, wenn keiner hinschaut“ (Diedrich Diederichsen), sondern die Gewitztheit von Leuten ausstellt, welche wissen, daß Bodenständigkeit, wie etwa auch „Dekadenz“, für Künstler immer nur eine Maske unter anderen sein kann, die man aufsetzt, wenn man bestimmte Sachen sagen möchte.

Robert Frost hat zu Recht geschrieben, daß man bei einem Gedicht nicht darauf warten muß, wie es sich über die Jahre hält, um herauszufinden, ob es von Dauer ist, weil man das nämlich auf den ersten Blick sieht: Der bleibende Wert des Gedichts liegt gerade in seiner Bedeutung für den Augenblick. Gerade deshalb und gerade im Deutschen muß man den einleuchtenden Tonfall aber eben manchmal auch lange suchen.

Gestelzter Imperfekt

Im Englischen mit seinen vielen kleinen und kurzen Wörtern, die alle sowieso schon andauernd benutzen müssen, wenn sie sich verständigen wollen, klingt selbst der Imperfekt in wörtlicher Rede nicht gestelzt, im Deutschen schon; romanische Sprachen wiederum erlauben schlechten Dichtern oder Rappern zumindest das Veranstalten aufwendiger Ablenkungsmanöver und das Anpflanzen überbordender Gärten und Hecken der Syntax, in denen sich das Unvermögen, einen Ton zu halten oder einen Rhythmus zu finden, mehr oder weniger gut verstecken kann.

Eine gewisse Nacktheit, Trockenheit des Deutschen - es hat zahlreiche Regeln, bei denen man viel falsch machen kann, und Stilwille muß ständig gegen attraktiv schief Gewachsenes aus der Sprachgeschichte selbst ankämpfen - mag man als Vorzug und Herausforderung schätzen, aber auch als Zurückgebliebenheit gegenüber anderen Sprachen bedauern, die sich, weil sie etwa die Sprachen der bürgerlichen oder der industriellen Revolution oder der Entstehung moderner Werbung waren, stärker abgeschliffen haben.

Nationaler Gedichtmonat

Sinnigerweise waren es trotzdem nicht die Deutschen, denen die allertraurigste Idee zur Verbreiterung der Rezeptionsbasis von Gedichten eingefallen ist - 1996 erklärte Präsident Bill Clinton ausgerechnet den von T.S. Eliot einst als „grausamsten Monat“ besungenen April zum „nationalen Gedichtmonat“ mit Schulaktionen, Fernsehremmidemmi und öffentlichen Lesungen. Vom Übersetzer und Dichter Richard Howard erhielt er dafür die völlig berechtigte Abfuhr: „Jetzt haben wir es also endlich geschafft, der Poesie anzutun, was die schlimmsten Exzesse progressiver Erziehung nicht vollbringen konnten: Wir haben eine jahrtausendealte menschliche Ausdrucksform im Kalender vergattert.“

Den ewigen Vermittlern und Verdauungshelfern, die von der Jugendanthologie bis zur Hörbuch-CD die heikle Wirklichkeit der gebundenen Rede beruhigend abschmecken wollen, sollte man das ins Poesiealbum brennen. Howards Nachsatz trifft sie noch empfindlicher: „Wir sollten, wenn wir das Dichterische wirklich retten wollen, Gedichte wieder der Sphäre des Privaten und sogar Geheimen zurückgeben, der unsere wichtigsten Vergnügungen angehören und die unsere unmittelbar wertvollsten Handlungen bestimmt.“

Öffentliche Lyrik

Dagegen könnte man von Didaktiker-Seite zwar einwenden, daß Literatur nie rein privat war, sondern schon ihrem primitivsten, an Stammesgesellschaften gefesselten Begriff nach öffentlich sein soll. Die Sache ist aber komplizierter: Kunst allgemein, und die überwiegend von einzelnen Menschen allein produzierte und rezipierte Literatur besonders, verwendet Allgemeines und Öffentliches, Formen und Konventionen, um Besonderes und Persönliches zu sagen, und klagt damit den symbolischen öffentlichen Schutz des Nichtöffentlichen ein. Schützen soll der Staat das daher dürfen, aber wiederum durchaus nicht bemuttern; im Schlafzimmer hat er ja auch nichts verloren - und ganz dasselbe gilt für die Radioquote.

Die neuen Formen von Protektionismus und Nationalchauvinismus, die als Reaktion auf medieninterne Konzentrationsprozesse bestenfalls hilflos sind und schlimmstenfalls dazu beitragen, den Zweigniederlassungen der Medienmonopolisten die angesichts der Verkaufskrise händeringend gesuchte Agenda mundgerecht zu servieren, aktivieren und ermutigen überall das Muffigste und Unfähigste, was die Randzonen der Kulturindustrie ausgebrütet haben.

Die wahrhaft teuflische Ironie am Standort Deutschland, der die moderne kommerzielle Jugendkultur vor gerade mal einem halben Jahrhundert aus Amerika und England importiert hat, ist dabei aber, daß hier der stumpfsinnigste denkbare Abhub schlecht-einfältigen Kunsthandwerks neuerdings nicht mehr Schunkeln und Gartenzwerg heißen will, sondern Pop.

Quelle: F.A.Z., 10.02.2005, Nr. 34 / Seite 37
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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