Rapperin Myss Keta

Die Diva ohne Gesicht

Von Karen Krüger
Aktualisiert am 23.11.2020
 - 09:39
Anders als wir trug sie schon immer eine Maske: Die Rapperin Myss Keta
Die italienische Rapperin Myss Keta ist ein Mysterium. Ihre Lieder sind eine kritische Enzyklopädie der italienischen Popkultur von den Siebzigern bis heute. Eine Begegnung in ihrem Revier in Mailand.

Inmitten des Lockdowns der zweiten Welle hat Myss Keta, die maskierte Königin der italienischen Clubnächte, Rapperin, Performance-Künstlerin und Ikone der LGBTQ, sich gerade zurückgemeldet. Mit einer Live-Performance aus dem Torre Galfa, einem Wolkenkratzer in Mailand aus den fünfziger Jahren, aus einem Zimmer mit bodentiefen Fenstern und unter sich die im Herbstnebel versinkende Stadt – seit zwei Wochen dürfen ihre Bewohner nur noch mit Passierschein aus dem Haus. Dort oben, über den Dächern der eingesperrten Menschen also, tanzte und sang „La Myss“ für ihre Fans, die per Stream zuschauten. Sie performte als Engel mit Eisenflügeln und schwarzem Ledermantel; in Lackhose und armlangen Silberhandschuhen; in Bustier und schwarzem Jackett. Sie schenkte ihnen eine halbe Stunde voller Energie, Poesie, erotischer Anspielungen und Witz, mit harten Beats, Club-Rythmen aus den Neunzigern und Songs aus ihrer nagelneuen EP „Il Cielo non è un limite“ („Der Himmel ist keine Grenze“). Sie zeigte: Kunst ist auch unter schwierigsten Bedingungen möglich.

Während der gesamten Performance verbarg Myss Keta wie immer ihr Antlitz mit einer Sonnenbrille und einem Gesichtsschleier. Seitdem sie vor gut sieben Jahren aus der Mailänder Underground-Szene auftauchte und es schaffte, zu einer nationalen und internationalen Club-Berühmtheit zu werden, hat niemand je das Gesicht der Diva gesehen. Anfangs mokierte man sich über die Maskerade. Irgendwann setzte Gewöhnung ein; Myss Keta wird so akzeptiert und geliebt.

Früher wurde sie angestarrt

Ein paar Tage nach ihrem Auftritt hängt der Nebel noch immer über Mailand. „Während des ersten Lockdowns im Frühling hatte ich noch das Gefühl, ein Stream sei für mich der falsche Weg“, sagt Myss Keta. „Ich dachte, mir würde der direkte Kontakt zum Publikum fehlen. Jetzt bin ich sehr froh, es doch getan zu haben. Es hat riesigen Spaß gemacht.“ Auch ohne Mikrofon hat ihre Stimme ein rauchiges, erotisches Timbre. Die Rapperin steht im Forlanini-Park, bereit für einen kleinen Spaziergang in den sich der Dämmerung zuneigenden Tag. Wie nicht anders zu erwarten, trägt sie wieder schwarze Sonnenbrille und eine Mund-Nase-Bedeckung, dazu schwarze Hose, Bomberjacke und bequeme Schuhe. Keiner der Passanten oder Jogger nimmt von der blonden Frau Notiz. Früher war das anders, da wurde sie in der Öffentlichkeit angestarrt. Manche hielten sie gar für die maskierte Monica Bellucci. Mund-Nase-Bedeckungen sah man vor dem Ausbruch der Pandemie nur an asiatischen Touristen und bei Myss-Keta-Konzerten an der Diva und ihren Fans. Jetzt sieht ganz Italien wie eine gigantische Versammlung von Myss-Keta-Fans aus. Ihr Alleinstellungsmerkmal ist zu einer Metapher der Zeit geworden.

Die „New York Times“ mutmaßte schon, Myss Keta, dieser „John-Waters-Traum von einem italienischen Rap-Star“, werde ihre Bedeutung und ihren Einfluss in der Musikszene deshalb bald verlieren. Sie schüttelt den Kopf: „Was sein wird und was nicht, kann derzeit niemand sagen. Selbst wenn jeder weiter eine Maske trägt, bleibe ich auch weiter zu 100 Prozent Myss Keta“. Was aber bedeutet das? Niemand weiß, wer die Frau ist, die sich hinter der Maske verbirgt. Myss Keta ist ein Mysterium, um das sich Legenden ranken, wie um eine Göttin der griechischen Mythologie.

Ein Meisterwerk des Trash

Eine davon behauptet beispielsweise, sie habe einmal mit ihrer Frauen-Gang, den „Ragazze di Porta Venezia“ einen McDonald’s ausgeraubt, nicht weit entfernt im Stadtteil Porta Venezia. Das Szeneviertel mit seinen Clubs, Bars und Geschäften, wo Homosexuelle und Transpersonen so unbeschwert leben können wie nirgendwo sonst in Italien und viele afrikanische und osteuropäische Einwanderer ein Zuhause gefunden haben, ist ihr Revier. Es ist auch der Ort, wo Myss Keta 2013 geboren wurde. Aus dem Schoß des unabhängigen Künstlerkollektivs „Motel Forlanini“, einer Gruppe von befreundeten Mailänder Musikern, Filmregisseuren, Designern und Künstlern. Ihr erklärtes Ziel ist es, den Zeitgeist Italiens und das Spezifische ihrer Stadt einzufangen. Ihr Hauptprojekt wurde Myss Keta. Anfangs ein bisschen zum Vergnügen, bis die Dinge plötzlich über sie hinaus wuchsen: Myss Ketas erster Song „Milano, Sushi & Coca“ schlug ein wie eine Bombe und hatte auf Youtube mehrere Millionen Klicks.

Er ist ein Meisterwerk des Trash, eine Satire auf das Nachtleben italienischer Fernsehsternchen zwischen Drogen, Abgehobenheit und Exzess; erzählt von einer, die das Ganze offenbar mit zelebriert, in Wirklichkeit aber verspottet. Letzteres verstand nicht jeder, weshalb der Song als Verherrlichung von Drogenmissbrauch in die Kritik geriet. Trotzdem sangen ihn natürlich alle mit, elektrisiert von Text und Rhythmus.

Mittlerweile erschafft „Motel Forlanini“ Myss Ketas gesamtes Universum; die Videos, den Look, die Grafik, die Fotografie, die Musik. Immer bewegen sich die Texte ihrer Lieder auf dem schmalen Grat von Groteske und Ernsthaftigkeit. Sie sind reich an Wortspielen und Provokationen, ihr Sound ist voller popkulturellen Verweise und in Italien lange ohnegleichen gewesen. In „Una donna che conta“ von 2018 zählt Myss Keta, die sich selbst als „reine Liebe“ bezeichnet, ihre großen Lieben auf. Die Namen der Männer und Frauen sind ein Ritt durch die achtziger bis zweitausender Jahre, durch die Welt von Serien und berlusconischem Fernsehbombardement, entlang der Untiefen bekannter Klatschgeschichten und der politischen Skandale des vergangenen Jahrzehnts. Der Tenor all dessen lautet: Man schert sich einen Dreck, ist zu allem bereit und will alles ohne Wenn und Aber. Das zerstört einen nicht unbedingt selbst, schafft aber Zerstörung für diejenigen, die nicht mithalten können.

Der Luxus, der Exzess, die Partys von Gucci und Prada

Fragt man Myss Keta, wie alt sie ist, sagt sie: „Es gibt mich seit Menschengedenken“ oder „In den siebziger Jahren war ich 18, und 2001 war ich 19 Jahre alt.“ In Interviews kokettiert sie damit, der Sängerin Amanda Lear den ersten Vertrag vor der Nase weggeschnappt zu haben. Sie sei die heimliche Tochter von Madonna und in früheren Jahren eine Muse Salvador Dalís, Andy Warhols und des italienischen Regisseurs Tinto Brass gewesen. Sicher ist, Myss Keta hat die meisten Epochen in Mailand erlebt: Mal ist sie ein Bonnie-Mädchen aus den Siebzigern; mal eine in den achtziger Jahren nach gesellschaftlichem Aufstieg gierende Frau, die einen Mann nur wegen seines Geldes heiraten will; dann wieder ist sie ein Neunziger-Jahre-Mädchen auf der Suche nach Fernseherfolg. Der gemeinsame Nenner dieser Rollen ist stets das Eintauchen in die Nächte der Mailänder Hautevolee, in den Luxus, den Exzess, in die Partys von Gucci und Prada, von Fernsehmogulen und Verlagsgiganten – sowie Myss Ketas subtil geäußerte Kritik an dieser Welt.

Sie sei das Röntgenbild der italienischen Nation, hat einmal ein Fan gesagt. Tatsächlich sind ihre Lieder und Auftritte wie eine kritische Enzyklopädie der italienischen Popkultur und Gesellschaft von den Siebzigern bis zur Gegenwart zu verstehen. In diesem Sinn muss man auch Myss Ketas 2018 veröffentlichte fiktive Autobiographie „Una donna che conta“ („Eine Frau, die zählt“) lesen. Darin heißt es, Anfang der achtziger Jahre lebte sie als Abgesandte eines italienischen Wurstherstellers in Bogotá und heiratete dort einen hübschen Mann aus der Karibik, über den sie Monate später erfuhr, dass er in Wirklichkeit ein Schwindler aus Neapel war. Enttäuscht kehrte sie ins Wurstmutterhaus nach Mailand zurück und widmete sich fortan ihrer Karriere („Man nannte mich ,Tigerin des Konferenzraums‘, Marketingideen wie ,der Schinken-Regen vor dem Dom‘ oder Slogans wie ,Pro-Vita? Pro-Schinken!‘ machten mich unentbehrlich“). Bei einer betrieblichen Weihnachtsfeier gab sie eine Gesangseinlage zum Besten und wurde dafür so gefeiert, dass sie den Sprung ins Showbiz wagte. Ein Steuerbetrug brachte sie in Konflikt mit dem Gesetz, woraufhin sie eine Weile „pausierte“, um 2013 als Diva wiederaufzuerstehen. Im Nebenberuf arbeitet sie als Life-Coach für italienische Parlamentarier, worüber sie aus Gründen der Privacy aber keine weiteren Auskünfte gibt.

Und was ist mit ihren deutschen Wurzeln, die sie mitunter erwähnt? „Es tut mir leid, auch darüber kann ich nichts sagen, das geht einfach nicht.“

Zweimal ist Myss Keta schon im Berghain in Berlin aufgetreten. Vor ihr hat das kaum ein italienischer Künstler geschafft. „Ich fühle mich deshalb gesegnet“, sagt sie, bleibt stehen und blickt angestrengt den Weg entlang, der in der aufziehenden Dunkelheit mehr und mehr mit dem Park zerfließt. „Mit dieser dunklen Brille sehe ich kaum noch etwas.“ Ihrer Stimme ist anzuhören, sie lächelt in diesem Moment über sich selbst.

Beherzt beschleunigt sie wieder die Schritte, um die Lichtkegel der nächsten Laternen zu erreichen: Eine eher kleine, wahrscheinlich mittelalte Frau, deren Körper man ansieht, dass sie sich viel bewegt, aber genauso gerne genießt. Anders als die meisten ihrer Branche hat Myss Ketas Body nicht die harten klaren Kurven eines täglichen Tanztrainings. Viele Menschen lieben sie dafür. Sexiness ist Teil ihrer Poetik, macht sich aber eher an Offenheit, Selbstbewusstsein, Vitalität, Kraft und Energie fest, als an nackter Haut.

Die Sängerin hat das niemals deutlicher gemacht als im Video zu der im August veröffentlichten Single „Giovanna Hardcore“. In dem Song lässt sie das moderne digitale Zeitalter auf die mittelalterliche Figur der Johanna von Orleans, im Italienischen „Giovanna d’Arco“, prallen. Myss Keta interpretiert sie als reitende Amazone auf einer baumlosen, grenzenlos weit erscheinenden Bergebene im Aostatal. Dort oben, unter den Wolken, gibt Giovanna Hardcore sich einem einsamen Rave hin; vollkommen frei und ungehemmt, es ist ein archaisch anmutendes Schauspiel von Weiblichkeit und Kraft und Myss Ketas Antwort auf einen Lockdown, der den Menschen in Italien abverlangte, monatelang in der Enge ihrer Wohnungen auszuharren, nur verbunden durch Computer oder Telefon.

In den meisten Interviews bleibt Myss Keta in ihrer Rolle. Auch hier im Park, bei diesem Gespräch im Laufen, ist es immer Myss Keta, die neben einem geht. Nur manchmal hat man das Gefühl, zu dritt auf diesem Spaziergang zu sein. Dann tun sich feine Risse in der Symbiose mit der Bühnenfigur auf und geben zu erkennen, wie viel intellektuelle Vorüberlegung in jedem ihrer Auftritte steckt. Myss Keta nimmt ihr Publikum mit in verschiedene Zeitalter und Milieus, schafft dabei neue Grundsätze und öffnet Türen für Kreativität und Utopien. Sie ist ein zeitloses Geschöpf, eine von der Unendlichkeit gequälte, aber auch gesegnete Frau. Ein wenig erinnert sie an Virginia Woolfs Orlando. Mit einer ähnlichen Raffinesse, mit der Orlando ein epochenübergreifendes Gesellschaftsbild Europas zeichnet, gewährt Myss Keta einen entlarvenden Blick auf Italien.

Vielleicht braucht ja, wer ein so kühnes und respektloses Projekt betreibt, eine Maske und eine dunkle Brille, um frei zu sprechen und agieren zu können und um sich selbst zu schützen und zu verteidigen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Krüger, Karen (kkr)
Karen Krüger
Redakteurin im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot