Die Zukunft des Nachtlebens

Es war einmal eine Sehnsucht

Von Elena Witzeck
30.03.2021
, 14:43
Für ihr Buch „Hush“ haben die Fotografin Marie Staggat und der Journalist Timo Stein von April 2020 bis Januar 2021 mehr als 40 Berliner Elektro-Clubs besucht. Hier das Anita Berber
Wie wird es nach der Pandemie in den Clubs aussehen? Wie viel Freiheit, Unvernunft und Vielfalt wird bleiben? Und wieso brauchen gerade kleine Städte solche Orte?
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Als das Dorian Gray vor zwanzig Jahren zumachte, hörte Markus auf, Hemden zu tragen. Es waren solche von Versace mit Schnörkeln am Revers, die es auf dem Schwarzmarkt im Angebot zu kaufen gab. Fürs Gray musste man sich irgendwie zurechtmachen, da gingen Schauspieler und Boris Becker ein und aus. Morgens um acht kamen die Prostituierten aus dem Bahnhofsviertel, Feierabend, dann drehten zur besten Soundanlage der Technogeschichte noch einmal alle auf. Im Gegensatz zum Omen in der Frankfurter Innenstadt, wo die Leute Staubsauger auf dem Rücken und Gasmasken im Gesicht trugen, umgab das Gray am Flughafen damals schon ein Hauch von Kommerz, fand Markus. Auslassen konnte man es deswegen nicht. Jeden Sonntagmorgen stand Miro aus dem Fußballverein bei ihm im Garten und veranstaltete ein Geschrei. Was macht ihr denn so früh, wollte Markus’ Vater jedes Mal wissen. Miro rief dann immer: Wir fahren ins Phantasialand. Womit er ja auch recht hatte.

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Markus kam mit seiner Familie ganz gut klar. Grund zum Fliehen gab nicht. Erst ging es nur für die Musik raus, die neu war, tosend, dunkel und uferlos. Wenn man dann im Club stand, war man Teil eines Rituals, dem beizuwohnen nur jenen vorbehalten war, die es mit jedem Nerv zu spüren verstanden. Mit den meisten dieser Leute konnte man sich wohl fühlen. Nicht dass Markus sonderlich spirituell veranlagt gewesen wäre. Aber da wogte eine Herde in einem kargen Raum auf und ab, da pumpten Bässe zum Ansporn, da pulsierte Licht im Rhythmus. Sinn der Sache war, sich gehenzulassen. Sitzplätze gab es nicht. Am Morgen dann die After Hour bei Freunden, die sich beliebig verlängern ließ. Die Regel: niemals alleine runterkommen. Als das Omen zumachte, tanzten Hunderte noch tagelang auf der gesperrten Straße und feierten ihr Abschiedsritual.

Manchmal prügelten sich welche

Markus und ich lernten uns mehr als fünfzehn Jahre später in einem Büro für Freiberufler kennen, einer Studiogemeinschaft, in der man abends zusammen kochte. Nebenan befand sich einer der neueren Frankfurter Clubs. An Wochenenden preschten bei Dunkelheit weiße BMWs in die Einfahrt. Gegen Mitternacht kamen mir Leute entgegen, die wenig zum Wohlfühlen einluden. Manchmal prügelten sich welche. Spirituell kam mir daran nichts vor. Ich war in einer kleineren Stadt aufgewachsen, deren Nachtleben aus Livemusik und Disco bestand. Als wir, gerade volljährig, zum ersten Mal in den gefeierten Offenbacher Club Robert Johnson fuhren, war ich überrascht, wie sehr dort alle mit sich selbst beschäftigt schienen. Bei uns ging man feiern, um Leute kennenzulernen. Aus den Clubs, die ich später an anderen Orten der Welt aus Neugier und Sehnsucht nach dem Unerwarteten besuchte, sind mir vor allem die Menschen in Erinnerung geblieben. Die wenigsten schienen mir Teil einer verschworenen Gemeinschaft zu sein. Die meisten staunende Beobachter.

Als ich mich mit Markus anfreundete, waren die Geburtsstätten des Techno aus Frankfurt und seinem Leben verschwunden. Die Clique von damals hatte sich längst aufgelöst. Manche wollte Markus nicht mehr um sich haben, andere waren tot. Er hatte sich zu einem Beruf, einem Alltag und geregelten Schlafenszeiten entschlossen, eine Entscheidung, die damals wahrscheinlich mehr als heute eine gegen die Clubgemeinschaft war. Beim gemeinsamen Abendessen trank Markus Wasser, selten ein Glas Wein, und sprach über Stadtpolitik und Literatur. Seine Tochter ist erwachsen. Sie mag keinen Alkohol und geht nur auf private Tanzpartys.

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Wenn jetzt von Nachtleben die Rede ist, machen sich die Leute wieder Sorgen. Die einen, weil es brach liegt und das vorerst so bleiben wird. Die anderen, weil sie im Frühjahr und im Sommer Exzesse fürchten, Unvernunft und ihre Folgen. Die Nacht war schon immer ein Ort der Unvernunft. Aber lange hielt sie für ihre Protagonisten etwas bereit, was sie zu brauchen schienen. Die Nacht hat sie inspiriert, befreit von einer unbestimmten Angst vor Konformität. Sie war eine Zuflucht der Jugend. Die Frage ist: Brauchen wir diese Art von Zuflucht noch, wenn alles vorbei ist?

Blick auf den Club Schmidtchens Alte Liebe im Klubhaus St. Pauli in Hamburg
Blick auf den Club Schmidtchens Alte Liebe im Klubhaus St. Pauli in Hamburg Bild: Daniel Pilar

Der Berliner Club Tresor ist in diesem Jahr 30 Jahre alt geworden. Seine Bedeutung für die Geschichte des Nachtlebens der Hauptstadt lässt sich am besten anhand seiner verwitterten ersten Eingangstür messen, die in die Kellerräume des abgerissenen Kaufhauses Wertheim führte und seit beinahe zwei Jahren als Ausstellungsstück im wiederaufgebauten Berliner Schloss steht. Dimitri Hegemann, der Gründer des Clubs, war dabei, als sich die Stadt nach der Wende dem Techno öffnete und plötzlich Platz zum Feiern war, als Clubs ohne Mietverträge in Hinterhöfen und Bunkern aufmachten und der Sound aus Detroit auf die Straße wummerte; als die jungen Raver der gerade noch trübsinnigen Stadt einen neues, kosmopolitisches Aussehen gaben. Diesen Spirit möchte Hegemann zurückhaben, denn das ist für ihn Nachtleben: die Gemeinschaftswerte der 68er, die sich in der Technobewegung fortsetzten, bis hin zur Loveparade und Dr. Mottes Losung „Friede, Freude, Eierkuchen“.

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Er hat immer noch viel mit jungen Menschen zu tun. Eine seiner Initiativen heißt „Happy Locals“. Mit ihr will er Rückzugsräume für Jugendliche in der Peripherie schaffen, denen es vor den Tapeten im örtlichen Gemeindehaus graust, die lieber in leerstehenden Autohäusern und Fabrikgeländen kreativ werden wollten, wenn man sie denn ließe, und, wie er sagt, nachts deshalb nicht schlafen können. Ihnen bietet er seine Berliner Cluberfahrung an – und den kleineren Städten eine Möglichkeit, ihre eigensinnigsten Köpfe an ihre Heimatorte zu binden. Zuletzt war pandemiebedingt wenig los, aber vor ein paar Tagen hat er einen Aufruf an die Bewohner Prenzlaus auf Facebook geteilt, einer brandenburgischen Stadt mit 20.000 Einwohnern, für die er auf Bitten seiner jungen Bewohnerinnen und Bewohner einen Clubraum ausfindig gemacht hat. Jetzt sucht er Prenzlauer, die das Projekt übernehmen.

Hegemanns Überzeugung: Die Sehnsucht nach dem Clubleben, auch in der Kleinstadt, hat kein bisschen nachgelassen. Aber das Partyvolk hat sich verändert, und die Motive, in einer Kellerbude mit dem DJ über das Musikprogramm zu streiten, unterscheiden sich ganz wesentlich vom Antrieb derer, die sich jetzt in Abgesängen auf die Anfänge der Tanzkultur um Distinktion bemühen. Wer im jungen neuen Jahrtausend zu Indie-elektronischen Fusionen von Hot Chip oder Kalkbrenners „Sky and Sand“ auf einer Tanzfläche weit weg von Berlin schwebte und den schon damals nostalgisch aufgeladenen Lichtspielen an der schweißglänzenden Decke zuschaute, kannte keine After Hours. Höchstens tiefsinnige Gespräche mit dem Fahrer des letzten Sammeltaxis, der einen zurück aufs Dorf brachte.

Hegemann sieht es so: Wenn alle in Discos gehen, in denen die immerselbe Musik läuft, wird sich ihr musikalischer Anspruch, ihr Wunsch nach dem Unberechenbaren, Neuen nicht entwickeln. Sie werden sich dem Massengeschmack fügen, ohne je zu lernen, dass es Menschen gibt, die sind wie sie: normwidrig, extravagant, alternativ. Deshalb, proklamiert Hegemann, braucht jede mittelgroße Stadt einen ordentlichen Club.

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Gäbe es mehr prominente Fürsprecher, wäre vieles einfacher. In Offenbach kämpfte die Kommune2010 Jahr für Jahr um die Genehmigung, ein Technofestival auf einem abgelegenen alten Fabrikgelände zu veranstalten. In Mainz suchte die Initiative Pengland alle paar Monate nach einem neuen Ort, um Ausstellungen und Partys in sogenannten Off-Spaces zu organisieren. Was Gruppierungen wie sie teilten, war der Glaube an die unerschöpfliche Energie der Subversion, die Erinnerung an gefeierte Dorian-Gray-Zeiten. Ata Macias, der Gründer des Robert Johnson, erzählte mir vor einem Jahr, es beschäftige ihn, dass viele junge Leute heute lieber koksen, als sich den Eintritt zu seinem Club zu leisten. Jetzt geht die Sorge um, wie sich die Energie auch bei denen entfachen lässt, die noch gar keinen Eindruck von der Tanzkultur aus Vor-Corona-Zeiten haben. Und bei denen, die heute sagen: Die beste Party des letzten Jahres war eine Hochzeit.

Als man auf dem RAW-Gelände in Berlin noch Schlange stand
Als man auf dem RAW-Gelände in Berlin noch Schlange stand Bild: dpa

Als die Pandemie schon da war, aber noch wenige vor ihr Angst hatten, fuhr ich nach Berlin. Auf dem Weg erinnerte ich mich an eine Nacht am Schlesischen Tor, in der mir die Clubbühnen der Hauptstadt und ihre Darsteller wie ein vielzelliges Wesen voller schillernder Schuppen erschienen waren, dessen zuckende Bewegungen zu folgen mir die Aufgabe des Abends zu sein schien. Auf der Suche nach einer Toilette fand ich Menschen beim Sex. Auf der Tanzfläche standen die Leute wie Astronauten, verbunden durch die Verheißung der Schwerelosigkeit ultimativer Freiheit. Die Clubbetreiber, die ich nun traf, erzählten mir von hundert geschlossenen Nachtclubs. Sie erzählten vom Vormarsch der Musik aus der Dose, den Großraumdiscos ohne Seele, von den Stadtvierteln, die von der Öffnung eines progressiven Clubs so lange profitieren, bis der Club als Erstes wieder gehen muss. Bevor sie wussten, dass alles noch viel schlimmer kommen würde, klagten sie über die Unmöglichkeit einer alternativen Kultur in einem Land, in dem Genehmigungen und Gutachten jede Zwischennutzung verhindern und Investoren unkonventionelle Kulturstätten, die nicht einmal als solche anerkannt werden.

Kommen die Leute zum Tanzen oder für Instagram?

Als Dimitri Hegemann nach Dortmund kam, um der Stadt sein Clubprojekt Tresor West vorzustellen, das auch Kunstaktionen beinhalten sollte, bekam er zu hören, er wolle wohl nur „Disco Disco“. Die Zeiten der halblegalen Tanzorte sind vorbei, die meisten Städte haben Sperrstunden, auf den Raves jenseits der Hauptstadt gibt es strenge Regeln, was Lautstärke, mitgebrachte Getränke und Zeitpunkte des Kommens und Gehens anbelangt. Sitzgelegenheiten gibt es dort in großer Anzahl. Kommt die Mehrzahl der Menschen noch wegen der Musik? Oder um später erzählen zu können, wie es auf dem Rave war, oder wegen der Fotos auf Instagram?

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An manchen Stellen, das heißt in Berlin, hat sich institutionell doch etwas getan. Die Hauptstadt hat inzwischen einen Lärmschutzfonds, der beim Verschwindenlassen der Bässe hilft. Clubs mit eigens kuratiertem Programm, bei denen die musikalische Darbietung im Vordergrund steht, zahlen den ermäßigten Umsatzsteuersatz, wie andere Kulturstätten. Seit Beginn der Pandemie wird ein digitales Treffen nach dem anderen veranlasst, über die Erneuerung der Szene nachgedacht und über Großveranstaltungen mit Schnelltests verhandelt, so wie es sie vor wenigen Tagen unter Laborbedingungen in einer Amsterdamer Disco gab. Im November wurden die Berliner Clubs zu Kulturstätten erhoben.

Der Ruf nach Experimentierräumen wird da größer, wo die Städte Sorge um Leerstand haben, weil es sich neuerdings zu bewähren scheint, Kleidung, Feinkost und Einrichtungsgegenstände nach Hause liefern zu lassen. Manche früheren Nachtschwärmer stellen sich ihre Stadt schon als postkonsumistisches Science-Fiction-Szenario vor, in dem sich das Leben in die Nacht verschiebt, wieder mehr Platz für die Clubkultur bleibt und wie zu Omen-Zeiten auf der Straße getanzt wird.

Aus Leipzig, wo die Clubbetreiber in der Tradition stehen, Demonstrationen zu organisieren und für Demokratie und Umweltschutz einzustehen, hat es in den letzten Jahren mit der Anerkennung auch ganz gut geklappt. Sicher: Viele Clubs mussten in den vergangenen Jahren schließen. Aber neuerdings vermittelt eine Koordinierungsstelle für das Nachtleben zwischen den Interessen. Ein Nachtbürgermeister soll antreten, sobald es sich wieder lohnt. Das Elipamanoke, ein Technoclub für 400 Gäste im Leipziger Westen, wurde vor dreizehn Jahren von Freunden gegründet und von Fans des eigensinnigen Musikprogramms fortgeführt. Man konnte hier sogar auflegen lernen. Für Felix Heukenkamp, den Barchef, ist ein Club der ultimative Ort, an dem frei gesprochen werden und man sich sicher fühlen kann. Dafür gibt es jetzt eine Antidiskriminierungs-AG und ein Awareness Team. Zweimal in der Woche trifft sich der Krisenstab. Wie im letzten Sommer soll es auch in diesem ein Open Air-Fest geben. Aus der Subversion ist eine Enklave der Achtsamkeit geworden.

Frühjahr 2021, Markus kommt zum Spazierengehen vorbei. Er behauptet, früher sei kein Awareness Team nötig gewesen. Man habe den Leuten im Club blind vertraut. Man war Teil von etwas, was noch nicht so sehr in der Gesellschaft verankert war. Das schweißt zusammen und hat ihn offener und sensibler gemacht. „Früher war mehr underground.“ Er liest gerade ein Buch über Influencer, um herauszufinden, wie die Generation seiner Tochter tickt. Ich beobachte ihn, wie er sein Handy auspackt, das aussieht wie das erste Nokia meiner Mutter. Dann mache ich mich über seine Früher-war-alles-besser-Haltung lustig. Im Gegenteil, ruft Markus. Solange draußen alles stillsteht, braucht die Musikkultur einfach einen neuen Antrieb. Ein neues, progressives Technoprojekt, damit sich die Szene weiterentwickeln kann. Und wenn dann alle wieder zusammenkommen, kann es wieder um das gehen, was das Nachtleben schon immer zusammengehalten hat: die Sehnsucht danach, gesehen zu werden. Die Sehnsucht nach Liebe.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Witzeck, Elena
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
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