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Elektropop-Band Oehl

Wieder nichts im Kühlschrank als Licht

Von Jan Wiele
Aktualisiert am 18.02.2020
 - 17:19
Wie viele Räume hat der Plan ihres Baus? Bassist Hjörtur Hjörleifsson (links) und Sänger Ariel Oehl.
Was ist das für eine Gang in Trenchcoats und Stoffschuhen, deren Synthiesound und gläserne Gitarren einen Ohrwurm nach dem anderen erschaffen? Ein Abend mit der Band Oehl, die auf dem besten Weg ist, ganz groß zu werden.

Schon die Namen lassen schwere Poesie wittern. Ariel Oehl: Da wird flüchtiger Elementargeist in Dickflüssiges gebannt; Hjörtur Hjörleifsson: Da hört man schon eine halbe Island-Saga mit. Ihre Liedlyrik kommt nicht aus ganz so alten, aber auch schon fernen Zeiten: „Wer dein Feuer gekannt / Bleibt ihm treuer Trabant / Wandert nun in Kreisen“.

Sind sie vielleicht aus dem George-Kreis, die hier in Trenchcoats und weißen Stoffschuhen über die Bühne tänzeln? Oder Rilke-Jünger? Zu Ariel Oehl würde das passen, er sieht aus wie der junge Oskar Werner mit seinem platinblond gebleichten Strohschopf, und er deklamiert mit heiligem Ernst und tiefen Blicken: „Seit mein Herz sich gebrannt / Läuft vernarbt der Verstand / Auf allen meiner Reisen“.

Melancholischer Anti-Sommerhit

Das haben im Publikum aber wahrscheinlich kaum alle verstanden, denn die Texte von Oehl muss man oft erraten oder später googeln. Ein Refrain immerhin war ausreichend deutlich, um ins Konzert zu locken: „Diese Wolken habens mir angetan / Sie halten mir die Sonne vom Leib“. Allein für diesen Song gebührt dem ungewöhnlichen Pop-Duo der Ohrwurm-Preis, vielleicht auch die Ohrwurm-Strafe, denn man wird den melancholischen Anti-Sommerhit, den ein Verlassener in einer beinahe leeren Wohnung singt, einfach nicht mehr los.

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„Wolken“ von Oehl

Die Keimzelle aus dem österreichischen Sänger Oehl und dem isländischstämmigen Bassisten Hjörleifsson ist für das Live-Set um drei Musiker erweitert und erzeugt so einen halb handgemachten, halb elektronischen Sound, der das Überraschendste an diesem Konzert ist. Es wabert eine Synthie-Grundmasse durch den Raum, zerschnitten von gläsernen Gitarren, die fast nichts mehr mit Gitarren zu tun haben (gespielt von Katrin Paucz und dem Sänger).

Patricia Ziegler liefert an einer Reiseharfe Minimalistisches und an einem Sequencer Bombastisches, außerdem zauberhafte Harmonie-Vocals, und das Schlagzeug von David Ruhmer, zur Hälfte echt und zur anderen virtuell mit mächtiger elektronischer Bass Drum, verbindet Uhrwerkspräzision mit derber Fettheit. Nicht anders als fett kann man auch den Bass Hjörleifssons nennen, wenngleich sein altes Paul-McCartney-Modell genau das Gegenteil suggeriert: Nichts gegen die Fab Four, aber ihr Bass-Sound erinnert an Epochen, die von bauchbumsender Funkiness nur träumen konnten.

Dieser Anblick entbehrt also nicht einer gewissen Ironie: Hjörleifsson wirkt mit seinem freundlichen Beatles-Topfschnitt überaus zahm, dabei liefert er der Band an seinem Bass nichts weniger als flamboyante Bootsy-Collins-Funkqualität, die ihren Klang maßgeblich prägt und ihre bezwingende Tanzbarkeit ausmacht. Sie grundiert das Debütalbum „Über Nacht“, das vor kurzem bei Grönland Records erschienen ist, dem von Herbert Grönemeyer gegründeten Musiklabel. Mit ihm war die Band auch schon als Support auf Stadiontournee; mit dem Charme des Debütanten sagt Ariel Oehl aber entwaffnend nett, dass ihm hundert nur für seine Band gekommene Zuhörer lieber seien als fünfzigtausend unter anderen Umständen.

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„Keramik“ von Oehl

Die Band, wie sie sich in Darmstadt auf der Bühne präsentiert, strahlt eine unendlich zärtliche Jugendlichkeit aus, die sich aufs Publikum überträgt. Sie hat noch nicht genug Songs für ein langes Konzert, spielt dafür ihren Hit „Keramik“ am Ende gleich zweimal: „Wie viele Räume hat der Plan deines Baus? / Wird aus Papier oder aus Steinen gebaut? / Sag mir nur, hält er auch zwei von uns aus?“ Solche Fragen beschäftigen auch Ältere, aber Ariel Oehls schwermelancholische Stimme, die über allem liegt, singt sie mit der Ausstrahlung eines zum ersten Mal Verliebten.

Mit leichtem österreichischen Schmäh moderiert er zwischen den Liedern und nimmt ihnen so ein bisschen von der Schwere. Dann kommt noch ein ganz neues, das noch gar nicht auf dem Album ist. „Wieder nichts im Kühlschrank als Licht / Satt werden wir davon nicht“, lautet die Hookline, wenn wir richtig gehört haben. Das könnte der nächste Hit werden - aber eigentlich sind fast alles Hits bei dieser Band. Als Zugabe noch eine wunderschöne Version von Peter Gabriels „Book of Love“, halb ins Deutsche, halb ins Isländische übersetzt: Wer da nicht hin und weg ist, hat kein Licht mehr im Kühlschrank.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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