Erregung Öffentlicher Erregung

Kacke in der Jacke

Von Michael Köhler
Aktualisiert am 03.11.2020
 - 14:40
Nach draußen verlegt: Der Hafen 2 in Offenbach hat seine Freiluft-Bühne bespielt.
Im Hafen 2 in Offenbach haben gestandene Mittdreißiger wehmütig von der unbeschwerten Jugendzeit Abschied genommen. Das Konzert der Band Erregung Öffentlicher Erregung war ein passionierter Exzess zum Abschied in den Lockdown.

Um der Hygieneverordnung zum optimalen Vollzug zu verhelfen, haben die Veranstalter vom Offenbacher Hafen 2 kurzerhand umdisponiert: draußen statt drinnen, also auf der Freiluft-Bühne. Des Hinweises, sich wetterangepasst zu kleiden, hätte es nicht bedurft. In der Corona-Gegenwart haben Spaß, Freude, Musik und Geselligkeit schon weit schlechtere Bedingungen gehabt. In das von milden Temperaturen gesegnete abendliche Idyll, aufgehübscht mit allerlei Leckereien aus dem Café, platzen unvermittelt Erregung Öffentlicher Erregung: Der etwas mehr als einstündige passionierte Exzess der Berliner und Hamburger Musiker nimmt seinen Lauf.

Zum Auftakt gilt es so einiges zu „Vermessen“: Ein Bass poltert unheilvoll im flotten Tempo des Schlagzeugs, eine messerscharf verzerrte E-Gitarre schneidet dazwischen, das E-Klavier hämmert wie manisch Boogie-Woogie-Akkorde. Sängerin Anja Kasten stellt in knappen fünf Minuten ganz viele Fragen und lapidar fest: „Ich mess’ Dich aus, ich bin ganz vermessen drauf.“ Mit signifikanten Körperlichkeiten hat es die Frontfrau. Später besingt sie in gleicher Inbrunst „Deine Haare“ und „Da, wo wir am schönsten sind / Yin oder Yang“. Nicht nur Kastens kräftiges Timbre, welches sich am Ende einer Zeile gerne mal kieksend überschlägt, klingt verblüffend nach Annette Humpe und Ideal.

Auch die mit Schlagzeuger Michael Schmid, Gitarrist Michael Hager, Bassist Laurens Bauer und Philipp Tögel an Synthesizer und E-Piano besetzte Band dürfte Ideal, Malaria, Neonbabies, Palais Schaumburg sowie die von den ehemaligen Musikern von Lokomotive Kreuzberg angetriebene Nina Hagen Band nicht nur dem Namen nach kennen. Eine deftige Postpunk-NDW-Studie zwischen Selbstironie, Idolbewunderung, Eigenwilligkeit, Originalität und Ernst. Im September, nach zwei Vinyl-EPs und einer Musik-Cassette (MC), erschien endlich das Debüt: Im LP-Format auf Label Schlappvogel Records / Euphorie. Lauschen kann also nur, wer einen Schallplattenspieler oder Kassettenrekorder besitzt. Oder sich den im LP-Cover befindlichen Download-Code auf seinen PC oder sein Handy runterlädt. Erregung Öffentlicher Erregung können mühelos den hohen Standard des Einstands mit 14 weiteren Song-Vignetten halten.

Manchmal bricht zwar wüster, aber dennoch melodischer Punk von nicht mal zwei Minuten Länge durch. Nicht fehlen dürfen gelegentliche Ruhepausen zum Träumen. Auch das übermittelte Wort zeugt von Eigenständigkeit. Gesellschaft, persönliche Emotionen, bis hin zum Banalen sind dabei. Selbst ein auf den ersten Blick im Titel etwas nach abgestandenem Witz anmutender Song wie „Kacke in der Jacke“ erweist sich aber als treffliche Bestandsaufnahme: Gestandene Mittdreißiger nehmen wehmütig Abschied von der unbeschwerten Jugendzeit.

Quelle: F.A.Z.
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