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Vom Klassiker abgeschaut

Ludwig van Popstar

Von Philipp Krohn
 - 15:54
Dank „Ludwig van“ in Prügellaune: Alex und Droogs in Stanley Kubricks Klassiker „A Clockwork Orange“.

Es gibt da diese Stelle auf der Platte „Cottonwoodhill“ der multinationalen europäischen Psychedelic-Rockband Brainticket: Auf zwei recht konventionelle Rocksongs, die für das Erscheinungsjahr 1971 typisch sind, folgt ein langer Jam auf einem immer wiederkehrenden Orgel-Riff. Darüber legt die Band kosmische Sounds und schräge Tonbandaufnahmen. Nach 21 Minuten stoppt die Musik, das Hauptmotiv von Ludwig van Beethovens fünfter Sinfonie wird eingespielt, Pause, weiter wird gejammt.

Es gibt berühmtere Beispiele, wie der deutsche Komponist in der Popmusik verarbeitet wurde. Aber schon dieses eine zeigt, für welche Wirkung er eingesetzt wird. Wenn ein harter Bruch gefragt ist, wenn Musik mit hoher Ernsthaftigkeit und Strenge einen Kontrast schaffen soll, ist auf Beethoven Verlass. Aber auch die Intimität der Klavierstücke „Für Elise“ oder „Mondscheinsonate“ haben zahllose Popmusiker für ihre Zwecke genutzt – von den Shangri-Las Mitte der sechziger Jahre in „Past, Present and Future“ über Depeche Mode für die B-Seite ihrer Single „Little 15“ bis zum Rapper Nas in „I Can“ oder der aktuellen Aufnahme „The World Beathoven Project“, auf der Elektro-DJs und -Produzenten aus der ganzen Welt dem Klassiker Tribut zollen.

„Beethoven ist reizvoll für den Pop“, sagt Michael Custodis, Musikprofessor der Universität Münster. „Er lässt viel Projektion zu. Zentrale Assoziationen sind Genie und Wahnsinn, freischaffender Künstler und Choleriker, Beethoven und die Frauen, die Nation: Jeder schneidet sich ein Stückchen vom Kuchen heraus.“ Durch den Verzicht auf den durchlaufenden Generalbass in seinen Kompositionen habe er mehr Klang zugelassen. In seinen Klaviersonaten wechselt die Melodie häufig durch verschiedene Stimmen hindurch. „Oft sind die Stücke sehr von dem her gedacht, was sich heute Beat nennt“, sagt Custodis.

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Obwohl es zahllose Anspielungen auf Beethoven in der Popmusik gibt, ist die Forschung auf dieses Thema noch nicht richtig eingegangen. Auf einem sechstägigen Symposion war Custodis kürzlich der Einzige, der über diese Art von Bezügen geforscht hatte. Für das Rock’n’popmuseum im nordrheinwestfälischen Gronau hat er gerade eine Ausstellung über Beethoven und den Pop kuratiert („Ludwig lebt!“), die von Mitte Mai bis Ende Oktober zu sehen sein wird. „Epigonentum gab es bei Beethoven schon immer. Für uns ist interessanter, wie unter der Oberfläche Einflüsse verarbeitet werden“, sagt Custodis.

Die gemeinsame Geschichte des Pops und des Bonner Komponisten ist lang. Schon „Roll Over Beethoven“, die Chuck-Berry-Single von 1956, referenzierte auf ihn. Die Rock-’n’-Roll-Nummer ist so etwas wie die Initialzündung der modernen Popmusik. Zwar hatte Elvis Presley schon mehr als zwei Jahre zuvor seine ersten Aufnahmen gemacht, aber die Wirkung von Berrys Single war enorm. Sie wurde fast sechzigmal gecovert – vor allem in den frühen Jahren des neuen Genres. Gene Vincent, Carl Perkins und Jerry Lee Lewis machten sie noch populärer, als sie ohnehin schon war. Auch die Beatles spielten den Song vor ihrem großen Durchbruch 1962 ein. Später folgten noch die Bluesrockband Ten Years After und das Electric Light Orchestra (E.L.O.).

Peter Gabriel und die Neunte

Berrys Hit ist auch aus programmatischen Gründen bedeutsam. Im Text beschreibt ein lyrisches Ich, wie es einen Radio-Discjockey auffordert, einen Song „Roll Over Beethoven“ zu spielen. Im Refrain wird der Titel zum Slogan „Roll over Beethoven and tell Tchaikovsky the news“. Das klingt nach Zeitenwende: Nicht die Klassik und die Romantik sollen künftig das Radio dominieren, sondern der neue Sound. Es ist überliefert, dass Berry zu Hause mit seiner klassisch geschulten Schwester um das Klavier konkurrieren musste, wenn er seine neuen vom Boogie und dem Rhythm and Blues entlehnten Klänge studieren wollte. Der Musikwissenschaftler Peter Wicke schreibt dazu: „Die Entwicklung ist mit der Technologie der audiovisuellen Massenkommunikation und den dadurch ausgelösten sozialen Wandlungen innerhalb der Kultur tatsächlich über die ästhetischen Maximen eines Beethoven und der bürgerlichen Musiktradition ,hinweggerollt‘. Die Veränderungen waren tiefgreifend.“

Doch das Hinwegrollen war nicht von Dauer. Spätestens in der Ära des Progressive Rock übernahmen Künstler das Ruder, die klassisch geschult waren. Der Keyboarder Keith Emerson, der The Nice und Emerson, Lake & Palmer zum Welterfolg führte, erinnerte sich auf der Website loudersound.com an seine Schulzeit: „Ich lief mit Beethoven-Sonaten unter meinem Arm herum. Ich war ziemlich gut darin, nicht von den Chefs verprügelt zu werden. Das lag daran, dass ich auch Songs von Little Richard und Jerry Lee Lewis spielen konnte.“ Mit seinen Bands hat er allerdings eher Sibelius, Bach, Tschaikowsky und Mussorgski verarbeitet.

Andere Musiker dieser Ära bewunderten Exponenten der Klassik und Romantik. Genesis-Keyboarder Tony Banks wuchs mit Chopin, Schostakowitsch und Mahler auf und zählt Rachmaninoff und Ravel zu seinen wichtigsten Einflüssen. Sein Jugendfreund und Genesis-Mitgründer Peter Gabriel hat nicht umsonst Beethovens Neunte auf seinen Konzerten im Jahr 2010 ironisch in seinen größten Hit „Solsbury Hill“ eingebaut. Und der Yes-Keyboarder Rick Wakeman spielte auf seinem Soloalbum „Classical Variations“ 2002 neben anderen klassischen Kompositionen auch die Sonate „Pathétique“ von Beethoven ein.

Die Progrock-Phase war offen für eine Fusion von Klassik und Pop. Dafür stehen Bands wie Procol Harum oder die Niederländer Ekseption, die 1972 eine Single-Fassung von Beethovens fünften Sinfonie aufnahmen. Im selben Jahr reihte sich E.L.O. in die Liste ein. Die mehr als acht Minuten lange Single „Roll Over Beethoven“ ist der so ambitionierte wie spinnerte Versuch, den Rock ’n’ Roll von Chuck Berry mit Beethovens fünfter Sinfonie zu versöhnen. Fast vierzig Jahre später würde man „Mashup“ dazu sagen. Die Einspielung gehört zu den Höhepunkten im Œuvre des wagemutigen und doch sehr auf Hits ausgelegten Jeff Lynne.

„The Beat Goes On“

Einige Jahre zuvor hatte die New Yorker Psychedelic-Rockband Vanilla Fudge bereits ein noch ambitioniertes Stück veröffentlicht. „The Beat Goes On“ ist eine zwei Albumseiten füllende Nummer, die versucht, eine ideelle Brücke zwischen dem Pop von Sonny und Cher, den Beatles, Cole Porter und der klassischen Musiktradition seit Mozart zu schlagen. In einem längeren Stück greifen sie Zitate aus „Für Elise“ und der „Mondscheinsonate“ auf. Da treffen der aggressive verzerrte E-OrgelSound von Mark Stein und das ausladene Schlagzeugspiel von Carmine Appice auf die zarten Klavierpassagen. Vielleicht wäre der Beethoven-Kult in dieser Zeit nicht entstanden, wenn nicht zunächst Anthony Burgess in seinem Roman und dann Stanley Kubrick in der Verfilmung von „A Clockwork Orange“ „Ludwig Van“ eine besondere Rolle zugewiesen hätten. In dem Spielfilm, der 1971 in die Kinos kam, feiert ihn die Hauptfigur Alex als Idol. Beethoven inspiriert ihn zu Gewaltexzessen. Nach einer Behandlung wird diese Wirkung auf so brutale Weise unterdrückt, dass Alex einen Selbstmordversuch begeht, als er wieder Beethoven hört. Auf Filmplakaten wurde der Komponist wie ein Popstar inszeniert.

Dass in der proletarischen und bildungskritischen Punk-Bewegung kaum Impulse von Beethoven aufgenommen wurden, überrascht nicht. Anspielungen finden sich danach. Bands verweisen auf ihn oder den Kubrick-Film. Die Indie-Pop-Band Ludwig Van, die 2011 mit Songs wie „Home Is Where Your Heart Is“ bekannt wurde, benannte sich nach ihm. Die brasilianische Metalband Sepultura huldigte Kubrick, als sie ein Konzeptalbum im Jahr 2009 „A-Lex“ und einen Song „Ludwig Van“ nannte. Schließlich gibt es mehrere Songs, die Beethoven im Titel tragen: Eine Single von 1987 der Band Eurythmics beschreibt eine junge Frau, die es liebt, Beethoven zu hören.

Die deutsche Elektro-Pop-Band Alphaville skandiert inmitten von Schilderungen neuer rechter Gewalt in Deutschland 1994 den Namen des Komponisten. Der Rapper Grieves nannte vor einigen Monaten ein Instrumentalstück nach ihm. Das Duo The Sparks spielte 2002 ein Album unter dem Titel „Lil’ Beethoven“ ein. Die Hardrockband Deep Purple, die 1970 ein „Concerto for Group and Orchestra“ aufgenommen hatte, spielte in ihrem letzten Konzert in Originalbesetzung 1993 eine kurze Rockfassung der neunten Sinfonie.

Für den Musikwissenschaftler Michael Custodis sind die Anspielungen interessanter, die man nicht sofort erkennt. „Musiker wie Dream Theater greifen eher zu Stilzitaten“, sagt er. „Ein direktes Zitat wäre denen zu langweilig.“ Begeistert ist er von der Exogenesis-Sinfonie, deren erster Teil auf der Harmonik der „Mondscheinsonate“ beruht. Der Rockpianist Ben Folds nennt Beethoven neben Bartók und Janácek als Inspirationsquelle seiner Orchesterwerke. Und der Elektronikmusiker Nils Frahm versucht, nach den Vorbildern Bachs und Beethovens aus dem Kopf zu komponieren. Dabei verarbeitet er Einflüsse wie die Goa-Musik aus dem Zimmer seines Bruders und den Free Jazz aus dem Wohnzimmer, die zum Teil gleichzeitig auf ihn einströmten. Beethoven ist 250 Jahre nach seiner Geburt im Pop höchst wirksam.

Quelle: F.A.Z.
Philipp Krohn  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Philipp Krohn
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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