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Zum Tod von Cecil Taylor

Sein Klavier spie Schwefel

Von Wolfgang Sandner
 - 17:26

Proteststürme haben viele Veränderungen im Jazz ausgelöst. Selbst eine technische Neuerung wie die Schallplatte wurde von manchen Musikern aus dem alten New Orleans schon als Teufelswerk gebrandmarkt, mit dem ihre ureigensten Klänge dokumentiert und reproduziert, will sagen: gestohlen werden konnten. Als der Jazz von den Kneipen in die philharmonischen Konzerthallen wanderte, beklagte man, dass zu seinen Klängen nicht mehr getanzt werden konnte. Und als die Musiker um Charlie Parker und Thelonious Monk in New Yorks Kellerlokalen die Nonenakkorde entdeckten und ihre Offbeat-Akzente etwas anders setzten, sprachen auch die Experten erst einmal ratlos vom new thing, bevor der Stilbegriff „Bebop“ eingeführt wurde. Als aber Ornette Colemann 1959 in New York sein Plastiksaxophon auspackte und wenig später mit einem Doppelquartett Aufnahmen unter dem Titel „Free Jazz“ herausbrachte, löste er eine kollektive Schockstarre in der Szene aus. Kein Swing, keine Songs, keine Akkordprogressionen, nur atonales Getöse – das war das vermeintliche Klangergebnis. In der Gemeinde wurden die Totenglocken für Amerikas originellsten Beitrag zur Musik des zwanzigsten Jahrhunderts geläutet.

Cecil Taylor war an Ornette Colemans Auftritten nicht beteiligt. Aber der New Yorker Pianist wurde schnell als einer derjenigen ausgemacht, die den Jazz, wie wir ihn kannten, mit zu Grabe getragen hatten. Damit soll er sogar schon vor Coleman mit seiner 1956 herausgebrachten Aufnahme „Jazz Advance“ begonnen haben, ohne dass er damit allerdings solch allgemeinen Furor wie sein texanischer Kollege auslöste. Es lag sicher auch daran, dass der am New York College of Music und am New England Conservatory in Boston umfassend gebildete Taylor ganz in der Tradition von Duke Ellington begonnen und damit den Nachweis erbracht hatte, „richtig“ spielen zu können, während Ornette Coleman mit dem Image des ahnungslosen Dilettanten größte öffentliche Aggressionen auslöste.

Der Preis der Kompromisslosigkeit

Der Bonus eines aus der Tradition kommenden Jazzmusikers hielt auch bei Cecil Taylor nicht lange und wurde von der Radikalität, mit welcher dieser Pianist überkommene Jazzprinzipien hinter sich ließ, schnell entwertet. Was in der klassischen musikalischen Avantgarde lange schon praktiziert und kaum mehr als Tabu empfunden wurde, wollte man den Jazzmusikern, zumal in einer weitaus mehr als in Europa kommerzialisierten Jazzszene Amerikas, nicht zugestehen. Cecil Taylor hat den Preis für seine ästhetische Kompromisslosigkeit gezahlt. Noch in den sechziger Jahren musste er sich mit durchschnittlich zwei festen Engagements im Jahr, meistens in schlecht besuchten New Yorker Coffee Shops, zufriedengeben. Als Schallplattenverkäufer, Koch und Handlanger im Kaufhaus Macy’s und nicht selten als Geschirrspüler in Restaurants, aus deren Lautsprechern Dave Brubecks „Take Five“ tönte, musste er sich ökonomisch über Wasser halten, weil er seine Töne nicht beugen wollte.

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Cecil Taylor
„Solo Piano“

Keine Frage, seine Kompromisslosigkeit wirkte auch abschreckend. Die rabiate Intensität, mit der er seine cluster-ähnlichen Akkorde heraushämmerte, die aberwitzige Dichte klanglicher Strukturen, die schiere physische Energie – da mussten andere Kräfte mit im Spiel sein. Bei Taylors oft solistischen Auftritten roch es immer auch irgendwie nach Schwefel. Der Mann spielte Klavier immer mit Händen und Füßen, mit Kopf und Kragen, mit Körper und Seele. Und er riskierte dabei alles, auch seine Existenz.

Seine Auftritte waren Materialschlachten, Klänge wurden hin und her bewegt, von allen Seiten betrachtet, abgeklopft und auseinandergenommen. Jedes Duett mit einem gleichgesinnten Radikalen wie Archie Shepp oder Buell Neidlinger, mit Jimmy Lyons oder Sunny Murray, jede kollektive Raserei konnte in eine Zerreißprobe für die Töne ausarten. In Cecil Taylors kreativem Herumstochern in den Fundgruben der Töne und Tonverbindungen war kein Verweilen spürbar. Pausen waren bei ihm nie organische Ruhepunkte, wirkten stets wie Filmrisse: Stillstand wider Willen.

Der Musikforscher Ekkehard Jost hat einmal davon gesprochen, Amerika habe den Jazz hervorgebracht, aber Europa besitze die Ohren, ihn zu hören. Cecil Taylor hat daraus die Konsequenz gezogen. Viele seiner spektakulärsten Konzerte und Aufnahmen fanden auf dem alten Kontinent statt, wo auch die grandiose Box „Cecil Taylor in Berlin ’88“ bei FMP herauskam. Hier hatte er auch sein größtes Publikum, das nun die Lücke beklagen wird, die der Wortführer der Jazz-Avantgarde hinterlassen wird, der am Donnerstag im Alter von neunundachtzig Jahren gestorben ist.

Quelle: F.A.Z.
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