„Gefühlte Wahrheiten“

Feelings auf Deutsch mit Jochen Distelmeyer

Von Tobias Rüther
02.07.2022
, 19:29
Glänzende Innerlichkeit: Jochen Distelmeyer, 2022
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Nach dreizehnjähriger Pause hat Jochen Distelmeyer ein neues Album mit eigenen Songs aufgenommen: Auf „Gefühlte Wahrheiten“ singt der frühere Blumfeld-Sänger auch Countrysongs. Selbstgeschrieben. Auf Englisch.
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Fieber hat zuletzt schlechte Presse gehabt, als Symptom. Aber jetzt kommt Jochen Distelmeyer – und singt vom Fieber als diesem herrlichen Symptom geschärfter Sinne und Sinnlichkeit, so wie es viele andere im Pop vor ihm getan haben. Distelmeyer singt es auch genauso, in diesem historischen Bewusstsein: Er hat eigentlich noch nie eine Zeile gesungen, in der nicht auch die Geschichte der Popmusik und ihrer großen Interpretinnen und Interpreten (er redet jetzt oft von Ella Fitzgerald) eingelagert war.

Und so klingt „Im Fieber“, eine der drei Singles, die seit einigen Wochen das neue Album des ehemaligen Blumfeld-Sängers ankündigen, nach Zitat. Nach Verbeugung vor Disco und Pop und Entertainment. Und gleichzeitig nach dieser typischen distelmeyerschen Eigensinnigkeit: dass es geht, was er tut, warum auch nicht. Goldene Anzüge, große Keyboards, heißer Atem und feelings auf Deutsch.

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„Gefühlte Wahrheiten“ ist das dritte Soloalbum Distelmeyers und das erste seit dreizehn Jahren mit neuem Material. Dazwischen lagen ein Romandebüt, „Otis“, und eine Sammlung von Cover-Versionen, unter anderem von Britney Spears. Beide Projekte hatten nicht nur Fans. Aber so, wie Distelmeyer jetzt zum Songwriting in eigener Sache zurückkehrt und das dann auch gleich mit einem Hit wie „Im Fieber“ tut, werden alle, die trotzdem weiter auf ihn gewartet hatten, aufatmen.

„Im Fieber“ klingt vage nach den Charts der Achtziger, aber es könnte vielleicht auch der eine Song sein, nach dem Distelmeyer seit den späten Alben seiner epochalen Band Blumfeld gesucht hatte und der die Intensität des Gitarrenpops mit der Künstlichkeit des Chartpops versöhnte, elegant, schnell, verführerisch und mit einem Refrain in cooler Hastigkeit.

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© Jochen Distelmeyer

Und es gibt auf „Gefühlte Wahrheiten“ noch zwei, drei andere Songs, die ähnlich funktionieren, „Komm“ zum Beispiel oder „Tanz mit mir“. Songs, in denen Distelmeyers Experiment aufgeht, das er seit fast 25 Jahren, seit Blumfelds „Tausend Tränen tief“, mit Pop und deutschen Texten probiert: glänzende Innerlichkeit, Show mit Fußnoten, ein cooles yeah für Menschen aus der Bundesrepublik.

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Distelmeyer hat auch jetzt wieder, in Interviews, davon gesprochen, dass und wie einfach so etwas geht: die Behauptung, sich für die Dauer eines Songs in eine Figur zu verwandeln, wie man sie vor allem aus anderen Songs kennt. Einsamer Mann in der Nacht, und dann kommt sie rein. Oder sie kommt nie wieder, deswegen ist der Mann ja auch so einsam in der Nacht. Und er hat davon erzählt, dass man, nein: dass Distelmeyer natürlich auch auf Deutsch solche Formeln singen kann, die auf Englisch jedes Mal von Neuem funktionieren, selbst wenn sie schon hunderttausendmal gesungen wurden: Baby come back. You give me fever.

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Aber da sind eben auch drei Countrysongs in der Mitte dieses neuen Albums. Distelmeyer hatte sie auf Englisch für ein anderes Projekt geschrieben, mit Texten, in denen Schlüsselbegriffe aus seinem Werk wie die „Gespenster“ auftauchen, die hier jetzt halt als „ghosts“ herumgeistern. Und selbst wenn es nicht so gemeint war, ist das eine komplexe, typische Distelmeyer-Operation: drei Countrysongs mit Slideguitar und allem Drum und Dran, vorgetragen von einem Sänger, der in Ostwestfalen mit angloamerikanischem Pop groß wurde und den in Sprache und Formen übertrug wie kaum ein anderer vor ihm. Und der jetzt aber auch diese Aneignung und Verwandlung rückübersetzt. Und so tut, als sei das ja auch selbstverständlich. Und selbst wenn man nicht davon überzeugt ist, hört man genau hin.

„Gefühlte Wahrheiten“ mag wie das selbstgenüssliche, aufpolierte Werk eines Künstlers mit starkem Sendungsbewusstsein wirken, der links und rechts auch ein paar Gratisweisheiten zu Social Media, Smartphones und Identitätspolitik fallen lässt. Aber auch hier, wie in allen Projekten von Jochen Distelmeyer, ist produktive Unruhe am Werk, eine permanente Selbstbefragung, was das sein könnte und aus was es sich zusammensetzt: dieses Ich. Das Gefühlte und das Wahre.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rüther, Tobias
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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