Hamburger Rockband „Kante“

Alle sieben Meere voll Windpocken

Von Dietmar Dath
30.07.2006
, 15:42
Für jedes Wald- oder Stadtabenteuer passend kostümiert: „Kante”
Das Album „Die Tiere sind unruhig“ der Hamburger Rockband „Kante“ setzt auf eiernde Einzelheiten. Die Gruppe gehört zum Durchdachteren, was derzeit in Deutschland musiziert. Das ist nicht falsch, hat aber oft unschöne Folgen.
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Schon mal Foxtrot bei Störchen gesehen? Das eiert. Nicht alle Kunstformen eignen sich für sämtliche Lebewesen. Um genauer zu erforschen, was es damit auf sich hat, ist die Band „Kante“ um Peter Thiessen (Gesang, Gitarre, Sachen aus der Luft) und Sebastian Vogel (Schlagzeug, Schiebung, Tritt und Tanzbein) derzeit in Zoologie, Pädiatrie und Meteorologie unterwegs: „Die Tiere sind unruhig / die Kinder nervös / der Himmel ist fleckig / die Wolken monströs.“ Was passiert, wenn deutsch singende Menschen Lieder spielen möchten, die sich als riesige Schatten unsagbarer Erwartungen oben durch die Baumkronen und zwischen den Dächern bewegen, als wären sie ein warmer Wind von außerhalb des bekannten Lebens? Das eiert auch.

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Man rechnet „Kante“ zusammen mit „Blumfeld“ und den „Sternen“ im Allgemeinen zum Durchdachteren, was derzeit in Deutschland musiziert. Dies ist nicht falsch, hat aber oft unschöne Folgen. Je konzeptueller und literarischer nämlich die Arbeit einer Rockband aufgefaßt wird, desto treuherziger überläßt sich die Kritik, weil das Begriffliche von den Künstlern ja schon geleistet ist, dem Nacherzählen von ergriffenen oder irritierten Momenten, spricht davon, daß sie begeistert oder peinlich berührt ist und läßt es damit gut sein. Keinem ist geholfen.

Dürr, ja klapprig rhythmisierter funky Stockschlag

Was macht man dagegen? Die Aufmerksamkeit aller Beteiligten schärfen. „Kante“ versuchen das, indem sie so viele rein musikalische Einzelheiten auffahren, daß Schmeichler wie Schmäher eigentlich stutzig werden und übers konkret Gespielte oder Gesungene reden müßten statt über Stimmungen. Die beiden Gitarristen (Thiessen und Peter Müller) etwa schleifen den Kriechstrom ihrer Melodien immer wieder am Beat, bis er fast darin verschwindet, und sowohl Vogel wie der Bassist Florian Dürrmann, der dafür schon mal tief in den Wummerschacht hinuntersteigt, helfen ihnen dabei.

Ein Stück über ein verpaßtes großes Fest hat einen Refrain, den mehrere ungleich nebeneinander schwebende männliche Stimmen sprechen wie ein paar bedröhnte Jungs bei der Kindersatansmesse. Ein dürr, ja klapprig rhythmisierter funky Stockschlag leitet, von Bläsern umzingelt und bedrängt, in etwas Karibisches oder Latinoschwelgerisches über. Und ein Jahrmarktsorgelchen hat man, abgesehen von den mit größter Selbstverständlichkeit durchs Gesamtgewebe gewirkten Tastenfertigkeiten von Thomas Leboeg, auch noch dabei; das kann man zum Betupfen von Songs mit Marienkäfermustern nutzen.

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Könnten wir vielleicht auch Schnabelflöten sein?

Kurz bevor aus solchen Einfällen Gimmicks werden, kommen sie dem kollektiven Ohr der Band stets wieder zu naheliegend vor. Also fällt die jeweilige Nummer aus der an solchen Stellen drohenden Gemütlichkeit des billig Virtuosen wieder absichtlich um - meist in bewährte Kreischregister für elektrische Saiteninstrumente (die Kollegen von „Sonic Youth“ aus New York gibt es schließlich auch immer noch, und die leben ja seit dem Untergang des alten Ägypten von nichts anderem als solchen noblen Wurstigkeitsgesten).

Wir wollen es uns nicht leichter machen als unbedingt nötig, scheint man sich bei „Kante“ vorgenommen zu haben - und wenn sie dann doch mal haltloses Fuchtelzeug und „Wuu-huu“ machen wie auf „Nichts geht verloren“, dann wollen sie selbst damit etwas Wissenswertes herausfinden, nämlich: Könnten wir statt Rockmusiker vielleicht auch Schnabelflöten sein?

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Prunk und Protzen statt Werkeln und Wursteln

Manchmal, an eher unschönen Stellen, klingt es, als hätten Brian Eno und Daniel Lanois irgendwelche ausgewrungenen Horrorfiguren des internationalen Rockpopunwesens wie etwa „U 2“ oder Peter Gabriel dazu überredet, es mal mit den Modefarben „grau“, „schlammig“ oder „übermüdet“ zu versuchen. Insgesamt jedoch wird uns nicht nur Stück für Stück, sondern auf klassischer Albumreichweite eine runde Stunde lang ein Haufen interessantes Zeug angeboten; manches davon schön breit und dick, einiges flink, anderes aus guten Gründen auf der Stelle tretend. Reichtum hört sich anders an; statt Prunk und Protzen gibt es Werkeln und Wursteln, aber für Armut reicht es auch nicht ganz, dazu hat man zuviel dabei.

Vielleicht noch ein paar Zimbeln, eine Oboe, etwas trockenes Sektpulver drüber? Ziemlich kulinarisch; aber das sind keine Süßigkeiten, sondern aufgebrezelte und gesalzene Arbeitslieder: Wie die Sklaven auf der Plantage müssen auch die scheinselbständigen Kulturarbeiter, von Mittelstreichungen betroffenen studierenden Eichhörnchen und zu gut frisierten unglücklichen Liebenden unserer Großstädte einen Takt und eine Melodik finden, die sie am Zusammenbrechen hindert. Dagegen, daß die Welt doof ist, kann Musik nämlich eh nichts tun. Die Zustände, die sie erzeugt, sind von dem, was man beim Zuhören erlebt, eigentlich gar nicht gedeckt: Ein Lied macht mich traurig oder glücklich, aber nicht, weil mir gerade wirklich etwas Schlimmes oder Schönes passiert, sondern weil mich die Klänge, die ich höre, in die Erwartung solcher Erlebnisse versetzen.

„Bis zur Unkenntlichkeit verheiratet“

Musikhörer sind also wie Kinder mit Windpocken im Bett oder Matrosen an Land: Es zieht sie ins Abstrakte, Allgemeine, ins Ozeanische, von dem wir im gewöhnlichen Leben durch alltägliche Verrichtungen geschieden sind. Ideale Methoden, diese Erwartungsschauer zu erzeugen, sind erstens Verzögerung (von „Kante“ auf „Die Tiere sind unruhig“ etwa in der langen Anschubphase des ersten Stücks oder der sahnigen Gähnwelt, die sich in der Mitte des letzten auftut, sehr effektvoll ausgereizt) und zweitens die semantische Mehrdeutigkeit als solche - hier aufbewahrt in den oft widersprüchlichen Instrumentierungseinfällen zwischen Rockband und Orff-Kollektiv sowie den mulmigsten Textstellen: „Alles ist gut, der Zweifel bleibt.“

Natürlich ist es lustiger, wenn eine Gruppe wie die „Kinskis“ singt, jemand sei „bis zur Unkenntlichkeit verheiratet“. So ein Witz ist ein Kuß, ein Flirt, „Die Tiere sind unruhig“ dagegen gleicht eher einer Liebesgeschichte, die unter ungünstigem Stern angefangen hat: Erst erhebend, dann riskant, dann melodramatisch, mittrendrin ziemlich fragwürdig, und am Ende war's eine eiernde Erfahrung, die man gemacht haben muß, wenn man es nicht nur darauf anlegen will, im Leben immer recht gehabt zu haben.

Kante: „Die Tiere sind unruhig“. EMI/Labels CD 3654440

Quelle: F.A.Z., 29.07.2006, Nr. 174 / Seite 42
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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