Pharoah Sanders zum 80.

Der Hohepriester des Ethno-Jazz

Von Wolfgang Sandner
13.10.2020
, 10:28
Von akustischen Explosionen und Geräuschimpulsen, die sich in kein Notensystem zwingen lassen: Dem rebellischen Tenorsaxophonisten Pharoah Sanders zum achtzigsten Geburtstag.

Alle Saxophonisten wollen singen. Oder mit ihrem Instrument Geschichten erzählen. Pharoah Sanders wollte, wenn er spielte, immer schreien. Nicht mit weit aufgerissenen Augen wie der vor Angst gepeinigte Mensch auf Edvard Munchs berühmtem Gemälde. Auch nicht mit der ohnmächtigen Wut eines „Sangue“ brüllenden Othello. Und schon gar nicht wie Riccardo im verzweifelten Liebesduett mit Amelia in Verdis Maskenball. Pharoah Sanders wollte mit seinem Saxophon schreien wie die Prediger in den Baptistenkirchen von Old Alabama – aus tiefster Seele, einer aufgewühlten Gemeinde unmittelbar zu Herzen gehend, auch wenn seine Vision geistlicher Orientierung den Suren des Korans entsprang.

Der große John Coltrane muss diese unbändige Energie gespürt haben, als er 1964 Pharoah Sanders im New Yorker Village Gate hörte und ihm wenig später einen Platz in seiner eigenen Gruppe anbot. Für einen weiteren Tenorsaxophonisten neben sich? Konnte das gutgehen? Es wurde zu einem überwältigenden Naturereignis. Coltranes spirituellen Klangstrom ließ Pharoah Sanders mit seinen von allen irdischen Saxophontönen losgelösten Überblasattacken zu einer wahren Sturmflut anschwellen, nachzuhören auf vielen gemeinsamen Alben zwischen 1965 und 1967. Darunter befinden sich auch die Jahrhundertaufnahme „Ascension“ und die spektakulären Einspielungen „Meditations“, „Kulu Sé Mama“ und „Live at the Village Vanguard Again!“ sowie das erst nach Coltranes frühem Tod herausgebrachte Album „Om“.

Amorphe Geräuschimpulse

Ascension – Himmelfahrt: Von dem, was man auch im Jazz bis dahin als Melodie bezeichnet hatte, konnte hier bei Pharoah Sanders’ expressiven Flageoletts und sprachähnlichen Mehrklängen überhaupt keine Rede mehr sein. Das waren akustische Explosionen, bei denen die Klangsplitter wie die in alle Richtungen spritzenden Farben eines wüsten Action Paintings durch die Luft flogen. In Coltranes vorwärts stürmendem, alle Konventionen des Jazz hinter sich lassendem Musikerkollektiv war Sanders mit Abstand der rebellischste. Feste Tonhöhen, rhythmische Grundmuster, harmonische Zusammenhänge, motivische Arbeit, nochvollziehbare Formverläufe? Auch der feinfühligste Phonograph eines erfahrenen Musikethnologen hätte diese amorphen Geräuschimpulse in kein Notensystem zwingen können.

Nach dem Tod Coltranes hat Pharoah Sanders seine kompromisslose Ausdruckskunst in der Band von Alice Coltrane, im Jazz Composer’s Orchestra von Michael Mantler und Carla Bley sowie in eigenen Ensembles weitergeführt und mehr und mehr Anregungen afrikanischer Kultur – perkussive Polyrhythmik, melismenreichen Gesang – und orientalische Geisteshaltung in seine Musik integriert. Dabei war dieser mantra-artig vorgetragene Ethno-Jazz nicht nur in der alternativen Szene der Zeit überaus erfolgreich. In Jahr 1969 gelang Sanders mit der Komposition „The Creator Has a Masterplan“ vom Album „Karma“ so etwas wie die Quadratur des Kreises: Free Jazz für jedermann, Avantgarde-Musik, die zum kommerziellen Hit wurde. Sogar Louis Armstrong hat den Masterplan in sein Repertoire aufgenommen, Santana schärfte seine Gitarrenläufe daran, und noch dreißig Jahre später ist eine Trip-Hop-Version davon erschienen. Eine Neueinspielung mit Sanders selbst und dem Organisten Joey De Francesco wurde voriges Jahr für einen Grammy nominiert.

Pharoah Sanders aus Little Rock in Arkansas, mit Musik- und Kunststudien in Oakland und ständigem Aufenthalt im New Yorker Zentrum des Jazz seit den sechziger Jahren, hat stets Blues und Gospelmusik als Quellen seines Stils bezeichnet. Auch wenn in dem extremen Geräuschpegel nicht mehr viel davon erkennbar zu sein scheint, so sind sie doch Basis und Überbau seiner Musik geblieben. Schließlich haben die Myriaden von Zwischentönen aus dem Blues den Jazz geprägt. Aus der klassischen Musik wurden sie verbannt. Pharoah Sanders hat ihnen stets Asyl gewährt. Heute kann er – vital wie eh und je – seinen achtzigsten Geburtstag feiern.

Quelle: Faz.net
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