Im Gespräch: Reinhard Mey

Der Fänger im Wind

Aktualisiert am 09.06.2013
 - 11:27
Reinhard Mey im Mai in Berlin
Wanderer zwischen den Welten, Wahlfranzose, Aufrührer und Ausgleicher: Reinhard Mey ist in Deutschland eine Institution. Im F.A.Z.-Interview spricht der Liedermacher über seine Kindheit, seine Karriere und die Heimat.

Berlin-Frohnau. Eine Siedlung, halb Heimatschutz, halb großstädtisch, aus den frühen Dreißigern, leidlich über den Krieg gekommen. Den runden zentralen Platz umringen Häuser mit Steilgiebeln und Arkaden, viel warmroter Klinker, vom Sonnenschein aufgewärmt, viel Grün, alte Bäume, Straßencafés, einiges schäbig, einiges gepflegt. In einer der ruhigen Seitenstraßen wohnt Reinhard Mey.

Er kommt mit dem Fahrrad. Schwarze Lederjacke, schwarze Jeans, schwarzes Shirt, randlose Brille, die dichten Haare grau, stoppelig geschnitten. Der Mann sieht unglaublich jung aus. Sogar der Fotograf kann nicht anders, als ihm sofort zu sagen, dass er nicht wie siebzig, sondern wie ein Fünfzigjähriger wirkt. Mey lächelt verbindlich, ist aber in Gedanken offenbar schon bei der ersten Frage. Am Vorabend unseres Treffens ging in Cannes die Goldene Palme an „Adéle“, einen französischen Film über eine lesbische Liebe. Zur selben Zeit demonstrierten wieder Tausende in Paris gegen die „Homo-Ehe“. Mey, noch immer Frankreichs liebster deutscher Sänger, kann es kaum fassen.

Ich bin sprachlos. Es muss eine große, bisher völlig unterschätzte erzkonservative Strömung geben; und es geht wohl auch prinzipiell gegen Hollande. Für uns, die wir die sogenannte gleichgeschlechtliche Partnerschaft schon lange akzeptiert haben, kommt plötzlich unser weltoffener Nachbar, der uns in revolutionären Dingen immer weit voraus war, mit so einem Rückfall - eigentlich unerklärlich.

„1941 haben wir Ratten gegessen“

Reinhard Mey muss entsetzt sein. Schließlich hat er jahrzehntelang in dem Land gelebt, verdankt ihm sein spezifisches Künstlertum und auch die Distanz zum deutschen Prinzipienkult.

Ich war schon als Austauschschüler und als Ferienkind in einer französischen Familie, einer Großfamilie in einem Dorf in der Ardèche. Es war wie es in alten französischen Filmen ist. Eigentlich fehlte nur noch Fernandel, der als Pastor um die Ecke kommt - eine Dorfgemeinschaft. Ich war ein französisches Kind, hab mich da zu Hause gefühlt. Dann, 1960, als ich mit dem Moped nach Frankreich fuhr, habe ich die Menschen erst recht als sehr liberal und großzügig kennengelernt, auch großzügig im Akzeptieren der Meinung anderer. Natürlich traf ich auch auf Konservatismus.

Auf Leute, die erzählten: „1941 haben wir Ratten gegessen wegen der Deutschen, weil es nichts zu essen gab.“ Aber das war nicht richtig ernst gemeint. In Frankreich war ich Franzose, in Deutschland Deutscher. Ich habe mir überhaupt keine Gedanken über sowas gemacht, ich war wie ein Fisch im Wasser: In dem einen Aquarium ist es so, und in dem anderen schwimmen andere Fische. Ich war, wohl auch durch das Glück, die Sprache so früh gelernt zu haben, hier wie da zu Hause.

Seine Weltläufigkeit machte ihn suspekt

Akzentfrei zu sprechen hat Reinhard Mey an Berlins Französischem Gymnasium gelernt und, unbewusst, wohl auch jene Weltläufigkeit, die ihn den hiesigen Achtundsechzigern suspekt machte: Heute sang er Protestsongs und verdächtig viele romantische Lieder auf Burg Waldeck, morgen stand er beim Festival in Knokke auf der Bühne, einem Sprungbrett ins sogenannte Establishment des Musikgeschäfts.

Dann nahm der Kerl auch noch erfolgreiche Alben in Frankreich auf, lebte im revolutionären Paris und erzählte Berlins Linker aus eigener Anschauung von studentischen Aktionen, die ganz und gar nicht ins ideologische Konzept der deutschen Revolutionsträume passten. Als dann noch das ironische „Annabelle, du bist so herrlich intellektuell“ zum Hit wurde, war es aus - der Antifeminist Mey sei nichts als ein „Schnurrenerzähler“, hieß es, und das war als Beleidigung gemeint.

Ist doch auf Dauer ein guter Platz, so zwischen den Stühlen. Trotzdem geachtet zu werden. Vielleicht nicht immer gemocht und manchmal mit Häme bedacht. Damit habe ich im Lauf meines Lebens und meiner Karriere gelernt umzugehen. Wohl auch durch Frankreich. Mein Vorbild war nämlich George Brassens, der mich zum Gitarrespielen gebracht hat und zum Liederschreiben. Ich habe diesen Mann immer bewundert. Der hatte ein ähnliches Schicksal, und ich wusste, der hat graue Haare gekriegt und ist immer noch genau der, den ich 1955 zum ersten Mal gehört habe, und er spielt auch jetzt, nach seinem Tod, noch eine Rolle. Irgendwie hat mich das Vorbild geleitet und auch getröstet, wenn es Gegenwind, wenn es Maulschellen gab. Ich habe mir gesagt: Lasst mich mal siebzig werden.

Ein Hauch vom Grimms Märchen

Wenn er solche Dinge sagt, scheint Meys bewegliches, dauernd die Mienen wechselndes Gesicht plötzlich kantiger. Nicht vom Alter, sondern, weil er im Geist Situationen nachspielt, wiedererlebt, vorwegnimmt. Ein Geschichten- und ein Schnurrenerzähler eben. So ist er auch auf seiner neuen CD „Dann mach’s gut“, wo er von einem Schneider singt, der ihm einen Mantel schenkt, den er sich selbst vor langer Zeit, schikaniert vom Meister, geschneidert hat. Ein Hauch vom Grimms Märchen, eine Ahnung der harten frühen Jahre der Nachkriegszeit. Überhaupt blicken viele neue Titel Meys zurück, handeln von Enden, Abschieden, Erinnerungen. Seine siebzig Jahre sind ihm, der immer auch von sich selbst singt, ziemlich bewusst.

Alben sind Ernte. Oder wie der Jahrgang eines Weines. Je nachdem, wie viel Sonne, wie viel Unwetter es gibt, so wird der Riesling. Aber es bleibt immer Riesling. Es sind also die Geschehnisse der vergangenen drei Jahre, die gewollt haben, dass das Album so wird. Da spielt sicher auch diese Zahl siebzig mit, die früher was Gespenstisches für mich hatte. Wenn es da hieß, jemand ist siebzig, der hat eigentlich schon nicht mehr am Leben teilgenommen.

Und wenn ich Bilder von Leuten sehe, die, als ich klein war, siebzig waren - die sehen alle uralt aus. Dann kommt der Gedanke, das wird auch vor Dir nicht Halt machen, das Leben wird mit Dir nicht deutlich anders umgehen als mit den Greisen, die Du da auf dem Foto siehst. Selbst wenn ich die wilde Hoffnung habe, dass es mich irgendwann hinrafft wie einen Baum, den man fällt, und dass ich bis dahin gar nicht gemerkt habe, dass ich alt geworden bin. Natürlich bin ich älter geworden. Aber ich habe mit dem Wissen, dass die Zeit abläuft, eine unglaubliche Lust, noch ganz viele Sachen zu machen.

Nach Polen zu fahren und Breslau anzusehen oder mit meinem Freund und Musiker Manfred Leuchter, einem großen Türkei-Kenner, Istanbul zu besuchen. Als ich angefangen habe, hatte ich die Angst aller Schreibenden, dass einem irgendwann nichts mehr einfällt. Mit den Jahren, eine schöne Erfahrung, habe ich gemerkt, dass mir immer mehr eingefallen ist als ich Zeit hatte, Lieder zu schreiben. Das werde ich nicht mehr alles niederschreiben können. Aber möglichst viel davon möchte ich noch. Also: ein Ende ist nicht in Sicht!

„Heimat ist da, wo meine Leute sind“

Ein Mann am Nebentisch, nicht alt, aber einer, der Reinhard Meys „Über den Wolken“ noch als Vinylplatte gekauft haben könnte, steht auf, reicht dem Sänger die Hand und wünscht ihm alles Gute. Wirkt wie ein alter Bekannter, ist aber keiner. Das passiert Reinhard Mey öfter hier in Frohnau. Man kennt sich vom Sehen, und er lebt hier schließlich schon rund vierzig Jahre. Aus der Metropole Paris in die halb dörfliche Vorortstille?

Heimat ist da, wo meine Leute sind. In meiner Jugend war es Paris Jetzt ist es eben Berlin, wo ich mit meiner Frau zusammen bin und mit meinen Kindern. Frohnau ist Zufall. Meine Eltern sind 1953 hierher gezogen, und ich bin einfach nicht weggekommen und wohne jetzt fünfzig Meter von meinem Elternhaus entfernt. In dem Haus, in dem wir seit 1972 leben, lebte eine Schulkameradin. Als Kind habe ich gesagt, da würde ich auch gerne wohnen, hier ist alles größer und schöner.

Und der Zufall hat gewollt, dass ich eines Tages hörte, das Haus ist zu verkaufen, und das war genau in dem Augenblick, wo ich ein bisschen Geld verdient hatte. Natürlich habe ich oft mit dem Gedanken gespielt, wegzugehen. Weil ich mich an Berlin geärgert habe, wie man sich an einem geliebten Menschen auch ärgert. Ich hab gesagt, ich muss hier weg, ich halte es nicht mehr aus. Dann habe ich gedacht, wohin? Da waren die Kinder, die hatten den Kindergarten, die Schule, ihre Freunde.

Nun hat er, wovon er einst sang

Da war klar: Diese kleinen jungen Bäume, die kannst Du nicht entwurzeln, nur weil Du ein Vagabund bist. Das war dann auch der Abschied von Frankreich. Es war eine wunderbare Epoche meines Lebens, und ich habe sie in Würde und mit Liebe abgeschlossen und später nochmal ein siebtes französisches Album aufgenommen, weil ich einfach nochmal Lust hatte zu gucken, kannst du noch französisch schreiben.

Wanderer zwischen den Welten, Wahlfranzose, Aufrührer und Ausgleicher in einer Person - das ist wohl der Grund, weshalb Reinhard Mey längst eine Institution in Deutschland geworden ist: Er hat zwischen Ausbruch und Sichfügen verwirklicht, was sich so viele seiner Generation wünschten. „Ich bitte Dich, komm sei so gut, mach’ meine heile Welt kaputt“ hatte er in „Annabelle“ gesungen, ein Bürge dafür, dass es abseits der muffigen Lebenspfade der Väter und Großväter so etwas wie Glücksbezirke gebe. Nun hat er, wovon er einst sang: Geborgenheit - „Wie vor Jahr und Tag“, das enorm haltbare „Achtel Lorbeerblatt“, und in seinen besten Konzerten, wenn er über sich hinauswächst, kann er seine Schnurren tatsächlich „Wie Orpheus singen“.

Ich kann in Schnurren nichts Negatives feststellen. Nennen wir es dichterische Freiheit, dann klingt es schon viel anspruchsvoller. Aber im Grunde ist es Erzählen von Geschichten, ein Kern von Wahrheit und ein Anteil Phantasie.

„Ich würde gern mal wieder ins Fernsehen, aber es gibt nichts, wo man auftreten möchte“

Seit einigen Wochen staunt die Branche fassungslos über den riesigen Erfolg der neuen CD. Ihr ist entgangen, dass Meys sorgfältiger Umgang mit Sprache, seine Liebe zu ausgefeilten Wortbildern inzwischen vom Nachwuchs nachgeahmt wird. Reinhard Mey, neugierig und gut informiert über die Musikszene, will sich aber nicht als Lehrmeister eines Tim Bendzko oder Xavier Naidoo sehen, die tagelang an einer Formulierung tüfteln.

So wichtig bin ich dann auch nicht. Obwohl - es gibt Philipp Poisel. Der ist von seinem Vater als kleiner Junge an mich herangeführt worden. Dann bin ich ja doch für etwas gut gewesen. Wenn wir Liedermacher da irgendwo ein Korn mitgesät haben, das nun aufgeht, dann war es das wert. Schwer genug haben es die Jungen. Wir hatten früher mit den Rundfunkanstalten, die sich noch für uns interessiert haben, die Möglichkeit, uns langsam ein Publikum zu erspielen. Die kleinen Theater, die es gerade im süddeutschen Raum gab, das war eine wunderbare Institution. Und beim WDR zum Beispiel hatte ich die Möglichkeit, auch meinen Tank vollzukriegen, wenn ich unterwegs war.

Ich konnte hingehen, und meine ersten zwölf Lieder, bevor ich eine Schallplatte hatte, hat mir der WDR abgekauft. Ich habe die im Studio eingesungen. Mit dem Geld, das ich da gekriegt habe, bin ich über die nächsten drei Monate hingekommen. Das sind alles Sachen, die den jungen Leuten jetzt wahrscheinlich fehlen. Ich weiß nicht, was es für Sender gibt, die heute jungen Leuten eine Chance geben, die nicht von einer Schallplattenfirma reingedrückt werden. Und heute gibt es kein Fernsehen mehr. Ich würde gern mal wieder ins Fernsehen gehen, aber es gibt nichts, wo man auftreten möchte. Man gruselt sich, man schämt sich und sagt, Gott sei Dank, bin ich nicht in dieser Sendung drin.

Eins mit sich und dem Frohnauer Frieden

Eines der ersten Lieder, die Reinhard Mey aufnahm, war die deutsche Version von Donovans „Catch the Wind“, das Lied von der Vergeblichkeit allen Planens und Hoffens. Heute gibt die Wirklichkeit ihm grausam recht. All die damaligen Utopien einer besseren friedlicheren humaneren Welt sind zerstoben. Darauf angesprochen, schweigt Reinhard Mey lange, setzt mehrmals an zu sprechen.

Desillusioniert? Wer nicht? Aber ich versuche, nicht altersstarr zu werden, auch wenn es oft genug Momente gibt, wo man sagt, das war alles umsonst.

Wie in einem der legendären Starporträts von Truck Branss in den sechziger Jahren bewegt Wind die Zweige der alten Bäume. Der Fotograf kniet links und rechts, Mey lässt sich nicht stören, genießt die Sonne und ist, trotz sprungbereiter, fast nervöser Aufmerksamkeit für den Frager, eins mit sich und dem Frohnauer Frieden. Wenn er jetzt aufstünde und erklärte, er breche mit dem Rad nach Paris auf, man würde ihm glauben. Woher diese Ruhe unter der lebhaften Oberfläche?

Es ist vielleicht Hybris, das zu sagen, aber ich glaube, ich bin innen der Junge geblieben, der 1967 den Orpheus besungen hat. Hanns-Dieter Hüsch, das finde ich fabelhaft, hat mal von sich gesagt: „Ich bin ein altes Kind.“ Und ich bin auch das alte Spielkind. Ich habe wirklich noch meine Wikingmodelle. Wenn zufällig eins dasteht, dann lasse ich es mal abzischen. Es sind die alten Lieben, es sind die alten Begeisterungen. Mit denen bleibt man, auch wenn das Leben einen beutelt - Kind.

Zur Person

Reinhard Mey, geboren am 21. Dezember 1942, ist Deutschlands bekanntester und bedeutendster „Liedermacher“. Aufgewachsen in Berlin, Schüler des dortigen Französischen Gymnasiums, (1963 Baccalauréat und Abitur), startete er 1964 seine deutsche Karriere mit der Eigenkomposition „Ich wollte wie Orpheus singen.“ Zur selben Zeit hatte er in Frankreich unter dem Pseudonym Frédérik Mey mit eigenen Chansons großen Erfolg. Mey lebte zeitweise mit seiner ersten Frau, einer Französin, in Paris.

Als er in den siebziger und achtziger Jahren mit Liedern wie „Ich bin aus jenem Holze“, „Diplomatenjagd“ und „Über den Wolken“ zum Publikumsmagneten aufstieg, kehrte der Sänger nach Deutschland zurück. Bis heute hat Reinhard Mey insgesamt sechsundzwanzig Studio- und dreizehn Live-Alben veröffentlicht; in Frankreich brachte er es auf sieben.

Mey hat zwei Söhne und eine Tochter. Er lebt mit seiner zweiten Frau in Berlin. Sein im Mai 2013 veröffentlichtes Album „Dann mach’s gut“ erreichte innerhalb weniger Tage Platz eins der deutschen Verkaufslisten.

Das Gespräch führte Dieter Bartetzko.

Quelle: F.A.Z.
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