40 Jahre Münchener Freiheit

Die Band, die Männern Angst machte

Von Tobias Rüther
Aktualisiert am 28.09.2020
 - 14:27
Die Münchener Freiheit in den achtziger Jahren: Aron Strobel, Alex Grünwald, Rennie Hatzke, Micha Kunzi und Stefan Zauner (von links)
Die Münchener Freiheit regierte die Charts der Achtziger. Heute wird die Band für einen Stil geliebt, der früher verlacht wurde. Ein Gespräch mit Stefan Zauner, der ihn erfand, über vierzig Jahre Liebeslieder und die Rätsel des Geschmacks.

Sie haben zum vierzigsten Jubiläum der Münchener Freiheit zwanzig Ihrer Lieblingslieder neu aufgenommen. Klingen „Ohne dich“ oder „Tausendmal du“ jetzt endlich so, wie sie immer klingen sollten?

Ich hatte bei der ersten Platte 1980 alles selbst produziert, aber noch mit sehr primitiven Mitteln. Das hört man auch. Es war eine interessante Herausforderung, es noch mal so klingen zu lassen, wie ich es in Erinnerung hatte. Ursprünglich wollte ich zum vierzigjährigen Rückblick – es ist ja kein Jubiläum, ich bin ja nicht mehr dabei – mit einem Orchester arbeiten. Aber wenn ich mir jetzt als Beatles-Fan vorstelle, Paul McCartney würde „I wanna hold your hand“ mit Orchester machen, wäre das für mich völlig uninteressant. Es war die Idee meiner Frau Petra Manuela, die frühen Sachen zu überarbeiten. Erst habe ich gedacht, dass es sich bei zu wenigen Songs lohnen würde, aber festgestellt, dass ein paar Lieder von den ersten drei Platten wirklich schön klingen, aber einfach nur schlecht produziert waren.

Manche Versionen klingen wie stillere Cousins der Originale.

Das ist von Lied zu Lied anders. Bei „Wenn das so einfach ist“ beispielsweise habe ich es aufs Minimum reduziert. Und gesehen: Was da noch bleibt, ist auch reizvoll. Aber es gab kein Konzept.

In der Hochphase der Münchener Freiheit Mitte der achtziger Jahre haben immer zwei Elemente gegeneinander gearbeitet: ein von Keyboards und Orchester angefeuerter Sound – und Ihre Stimme, die Liebeslyrik sang, eine Art leise, schlichte Poesie.

Wenn ich zurückdenke, war das oft auch ein Kampf. Ich wollte das gleiche Recht wie meine englischen Kollegen haben, die ihre Stimme als Instrument sehen und sich weniger auf Worte oder eine wahnsinnig wichtige Aussage konzentrieren. Wenn das Lied gute Laune macht, muss der Text das auch vermitteln, man muss nicht immer darauf achten, kritisch zu sein, um wahrgenommen zu werden. Das haben wir bei manchen Stücken zwar auch gemacht, es aber musikalisch so vorbereitet, dass es im Einklang stand. Ich musste mir bei vielen Interviews den Vorwurf gefallen lassen, dass es oberflächlich sei. Aber ich dachte: Was meine englischen Kollegen dürfen, muss ich doch in Deutschland auch dürfen können. Für mich stand das Musikalische immer im Vordergrund. Ich habe darauf geachtet, dass der Text melodisch ist und nicht holprig wird, nur weil ich eine Aussage machen will.

Aber es ist doch nicht leicht, auf eine Zeile zu kommen wie „Wenn das so einfach ist, warum weinst du dann?“.

Bei diesem Lied ist durch einen Satz sehr viel gesagt. Aber das gelingt halt einmal und ein anderes Mal nicht. Lieder wie „Tut so gut“ habe ich nur deswegen neu aufgenommen, weil ich mir vorstellen konnte, dass sie nur diese Leichtigkeit kriegen, wenn Petra sie singt. Wenn ich das heute singe, kriegt es mehr Gewicht, als es haben sollte.

Sie waren in den Siebzigern bei den Krautrockern Amon Düül II, haben eine Soloplatte aufgenommen, die wie Genesis auf Deutsch klingt, jahrelang in Los Angeles gelebt, auf Englisch gesungen und nach Ihrer Rückkehr Münchener Freiheit gegründet.

Ich war richtig überrascht, als ich wieder nach Deutschland kam und die Neue Deutsche Welle herrschte. Okay, dachte ich, dann kann ich jetzt auch wieder auf Deutsch singen. Der Sound, den man heute als Münchener Freiheit kennt, ist erst in der Zusammenarbeit mit unserem Produzenten Armand Volker entstanden, der auch entdeckt hat, was sich ergibt, wenn ich mit mir selbst Harmonien singe und Refrains verdopple. Musikalisch waren wir nicht festgelegt. Der rote Faden war die Stimme.

Die meisten werden Sie als Sänger einer Schlagerband einordnen. Aber viele, die sonst ganz andere Musik hören, lieben auch Münchener Freiheit.

Früher habe ich mich dagegen gewehrt, mit Schlager in Verbindung gebracht zu werden, obwohl das natürlich naheliegt, wenn man auf Deutsch über Gefühle singt. Aber als wir mit unseren englischen Alben im englischen Radio und Fernsehen aufgetreten sind, hat niemand nach Kategorien gefragt: Wir waren einfach Popmusik. Wir wurden mit den Beatles und den Beach Boys verglichen, da war kein Wort von Schlager. Im englischen Pop singen sie ganz simple Texte zu guten Melodien, wenn man das auf Deutsch übersetzen würde, hätte man den dicksten Schlager. Der sprachliche Unterschied ist krass. Aber damit muss man leben, und ich habe gelernt, mich darüber nicht mehr aufzuregen. Es ist einfach so bei den Deutschen.

Sie haben eine Form gesucht, damit Ihre Texte die Melodien mittragen. Gab es dafür literarische Vorbilder?

Das hat keine Rolle gespielt. Vielleicht hat mir geholfen, dass wir in der Familie – mein Vater war ein kreativer Mensch und hat beim Film gearbeitet – früher Gedichtespiele gemacht haben: Alle kriegten einen Zettel, schreiben einen Begriff in eine Kante, knicken die um und reichen den Zettel weiter, bis alle vier Ecken voll sind. Und aus diesen vier Wörtern muss man dann einen Vierzeiler dichten. Das haben wir wahnsinnig oft gemacht, und da lernt man schon als Kind die Reimformen. Das wird mir beim Einstieg geholfen haben.

Sich mit der gesammelten Kritik Ihres Werks zu beschäftigen ist übrigens kein Spaß: Alles seicht, kein Tiefgang und dann noch diese Frisuren! Vor allem Männer schreiben das. Es wirkt, als wäre Ihr weichgezeichnetes Image eine Provokation gewesen. Kann das sein, dass Sie den Männern Angst gemacht haben?

Jetzt kann ich mir das nachträglich vorstellen. Damals habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Ich habe das zwar auch gemerkt, aber trotzdem an meinem Stil festgehalten. Wer den nicht verstanden hat, dem kann ich ja dann auch nicht helfen. Außerdem haben ja wirklich nicht alle so geschrieben. Es haben uns ja auch genügend Menschen verstanden. Und die Fans ja sowieso. Aber jetzt, wo Sie das sagen, erinnere ich mich an eine Kritik, die war schon fast unverschämt, da hatten wir zweimal hintereinander den Circus Krone in München ausverkauft, die Leute standen auf den Stühlen und haben mitgesungen – nur ein Kritiker hat unser Publikum danach als Rhinozerosse beschimpft. Aber da war mir die Begeisterung der Leute wichtiger als so ein Typ, der seinen Frust in die Zeitung schreibt.

Der Berliner Sender Radioeins hat „Ohne dich“ kürzlich zum peinlichsten Lieblingslied aller Zeiten gewählt.

Na und?

Andererseits hat Ihre Band seit zwanzig Jahren einen Bedeutungswandel erlebt, seit Jochen Distelmeyer von Blumfeld Sie einmal sehr gelobt hat. „Eine Band, die auf interessante Weise verzweifelt versucht hat, Popmusik im Sinne von Beatles und Beach Boys zu machen“, hat er gesagt. „Im Rahmen ihrer Musik eben etwas visionär, anders als die meisten anderen hier.“

Das hat mich damals gefreut. Was es bewirkt hat, kann ich nicht sagen, ich habe nur festgestellt, dass sich um das Jahr 2000 herum das Publikum verjüngt hat. Die Kinder der Eltern, die mit uns aufgewachsen sind, kamen plötzlich dazu und haben „Ohne dich“ mitgesungen.

Distelmeyer war prototypisch das, was Ihnen als Maßstab vorgehalten wurde: kritisch, sperrig, Musik schwierig, Texte sowieso. Und dann hat er sich nicht nur auf Sie bezogen, sondern selbst Lieder gesungen, die – ich trage jetzt auch mal dick auf – nah am Herzen einfache Wahrheiten über die Liebe aussprechen, wie Sie.

Aber musikalisch haben wir weiß Gott nicht versucht, den einfachsten Weg zu gehen. Da gab es Harmonien, bei denen uns so schnell keiner folgen konnte.

Wie ist der Bombast von Liedern wie „Solang man Träume noch leben kann“ eigentlich entstanden?

Das Dreierteam zwischen dem Produzenten Armand Volker, unserem Gitarristen Aron Strobel und mir: Das war in den achtziger Jahren die Münchener Freiheit. Aber wir haben das nie so propagiert. Wir wollten ja gemeinsam als Band auftreten. Und sind es auch.

Der Bombast fing schon beim Namen an: Münchener Freiheit. Waren Sie eine Münchener Band? Klang die Stadt in den Achtzigern so?

Der Platz war schon ein Treffpunkt, unser damaliger Bassist ist auf die Idee gekommen, dass wir uns so nennen. Wir fanden den Namen sehr gut, später kam er mir dann aber zu lokalbezogen vor – weil ich mich ja gar nicht so festlegen wollte. Aber ich war gern Münchener, bin es noch und habe das auch geliebt. In Schwabing zu wohnen, das war für mich das Nonplusultra. Ohne Schwabing wäre die Band wohl auch nicht zustande gekommen.

Sie blicken auf dieser neuen Platte auf eine Band zurück, in der Sie seit 2011 nicht mehr singen. Wie ist es heute, wenn Sie die Münchener Freiheit mit einem neuen Sänger Ihre alten Hits spielen hören?

Am Anfang war das komisch. Ich war beim ersten Konzert, das sie mit Tim Wilhelm gemacht haben, heimlich im Publikum, in Augsburg. Da hatte es für mich schon den Charakter einer Coverband. Mittlerweile haben sie aber einen Status erreicht, als Münchener Freiheit mit ihren neuen Songs so akzeptiert zu werden, wie sie heute sind. Ich habe aber nur dieses eine Konzert gesehen.

Stefan Zauner, „Die Freiheit nehm ich mir. Rückblick auf vierzig Jahre“, bei DA

Stefan Zauner, „Die Freiheit nehm ich mir. Rückblick auf vierzig Jahre“, bei DA

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rüther, Tobias
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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