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Das Werk von James Last

Kapitän der Klischees

Von Rolf Thomas
 - 20:13
Oft staunten die Verächter: James Last 1970 in Köln

Den langhaarigen Rockfans der siebziger Jahre war er verhasst. Wie konnte es dieser dämliche Big-Band-Fuzzi nur wagen, „Silver Machine“ von Hawkwind zu spielen – und dann „Rosamunde“? Ganz einfach: Für James Last war alles Musik, er konnte stilecht Bob Marley & the Wailers imitieren – wer’s nicht glaubt, höre die Last-LP „Caribbean Nights“ –, auf der nächsten Platte ein zuckersüßes Beatles-Medley zelebrieren und dann das Andante aus Mozarts Klavierkonzert (KV 467) mit Sternenstaub bestreuen. Zeitweise veröffentlichte der Orchesterleiter, Arrangeur und Komponist zwölf LPs im Jahr und sorgte für über die Hälfte des Umsatzes seiner Plattenfirma Polydor. Beliebt war Last und sein berüchtigter „happy sound“ aber nicht nur in Deutschland, sondern weltweit – nur in den Vereinigten Staaten konnte er zu seinem Missvergnügen nie reüssieren.

Zu seinen beliebtesten Erfindungen zählte die Plattenreihe „Non Stop Dancing“, auf der er in Medleys die Tageshits verwurstete, indem er sie mit wortlosem Chorgesang, Partygeräuschen und künstlichem Applaus aufpeppte. Die Reihe ist schlecht gealtert, wie man auf der 25-CD-Box „The Album Collection“, die zum 90. Geburtstag des Bandleaders erschienen ist und 40 alte Langspielplatten von Last enthält, nachhören kann – und wird damit dem schlechten Ruf als „Weichspüler“, den der Bremer unter Connaisseuren schon zu Lebzeiten genoss, gerecht.

Perkussions-Feuerwerk

Anderes, Besseres aber hat man damals übersehen: Dazu zählen nicht nur die kongenialen Polka- und Volkslied-Bearbeitungen („Polka Party“, „Ännchen von Tharau“), sondern auch die swingenden Seemannslieder („Käpt’n James bittet zum Tanz“) und die internationale Folklore („Last of Old England“, „James Last in Scandinavia“). Anderes ist längst rehabilitiert: Quentin Tarantino adelte „Der einsame Hirte“, indem er die Last-Komposition im Soundtrack seines Films „Kill Bill“ einsetzte, und Last-Hits wie „Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“ zählen zum unsterblichen Melodienbestand der Bundesrepublik.

Manchmal gelangen ihm gar Geniestreiche: Seine Bearbeitung des Musicals „Hair“ schlägt sowohl die Original- als auch die deutsche Fassung um Längen – auch das Cover ist ein guter Witz und dürfte so gut wie nichts gekostet haben – und die unter Kennern Kultstatus genießende Platte „Voodoo Party“ zählt mit seinen Santana- und Marvin-Gaye-Covern und dem kühnen Perkussions-Feuerwerk gar als Geheimtipp, den seine Verächter dem Gemütsmenschen aus dem hohen Norden nicht zutrauen würden. Auch nicht besonders bekannt und Gott sei Dank in der Box enthalten ist die Platte „Seduction“ aus dem Jahr 1980, auf der Last Giganten des amerikanischen Jazz wie Michael Brecker, Chuck Findley, Ernie Watts, Don Grolnick, Waddy Wachtel, Abraham Laboriel und Lee Ritenour antreten ließ, die sich dann im superslicken Fusion-Sound über Last- und Moroder-Stücke hermachen durften.

Man fragt sich, wann James Last – der eigentlich Hans hieß und von jedermann Hansi gerufen wurde – eigentlich all diese Arrangements geschrieben hat, der Mann muss Tag und Nacht gearbeitet haben. Er hat keinen feinsinnigen Sound wie Bert Kaempfert erschaffen, der „happy sound“ war ein Markenzeichen, das eigentlich ohne Inhalt auskam (und der stilbildende Kaempfert-Schlagzeuger Rolf Ahrens hat manchmal auch für Last getrommelt). Dafür war James Last der bei weitem vielseitigere Musiker, er schien sich buchstäblich für sämtliche Musik begeistern zu können, die es gibt: Vom Wienerlied („In Wien beim Wein“) über alte Schlager („Wenn die Elisabeth...“) und russische Folklore („Russland-Erinnerungen“) bis zu klassischen Evergreens („Classics Up To Date“) und den Hits aus Pop und Rock („Beat In Sweet“).

Wem die große Werkschau zu umfangreich ist, für den hat seine alte Plattenfirma auch ein erschwingliches 3-CD-Set „The Very Best of James Last“ (ja, „Der einsame Hirte“ ist auch drauf) mit 65 Titeln zusammengestellt. James Last hatte keine Berührungsängste und hat es vorgezogen, in musikalischen Klischees zu baden. Das kann manchmal auf die Nerven gehen, wenn er gar zu routiniert und glatt über Klassiker wie Burt Bacharachs „Close To You“ hinweggeht, das kann aber auch zu ganz erstaunlichen Resultaten führen: Dass Hauruck-Songs wie „The Yellow Rose of Texas“ oder „Anneliese“ swingen können, dass ein Gassenhauer wie „Horch, was kommt von draußen rein“ durch ein bisschen hanseatisches Understatement gewinnt und dass man eine „Voodoo Party“ auch im Reihenhaus feiern kann – das haben wir alles von James Last gelernt.

Quelle: F.A.Z.
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